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Interview

Celil Oker

Von Angie Reinhardt

Celil Oker

Dem Krimiautor Celil Oker ist es zu verdanken, dass jetzt auch durch die türkische Metropole am Bosporus ein waschechter Privateye in der Tradition Philip Marlowes streift.
Sein Held Remzi Ünal versucht sich als Privatdetektiv, nachdem er als Pilot bei Turkish Airlines und der Luftwaffe rausgeflogen ist. Das ist jedoch ein Beruf, den es in der Türkei eigentlich gar nicht gibt. Und so haben nicht nur Ünals Klienten, sondern auch er selbst kein gesteigertes Interesse daran, mit der Polizei in Kontakt zu kommen. Bis jetzt hatte Remzi Ünal auf Deutsch Einsätze in Schnee am Boporus, Foul am Bosporus und Letzter Akt am Bosporus. Weitere Fälle werden bereits übersetzt.

Abebooks sprach mit Celil Oker über Istanbul als Krimischauplatz, seinen Schiftstellerkollegen Orhan Pamuk und das Leben in der heutigen Türkei.

Abebooks: Herr Oker, haben Sie einen Flugschein?

Celil Oker: Nein, habe ich nicht.

Abebooks: Wie haben Sie dann die Details über den Ex-Piloten Remzi Ünal und seine Flugleidenschaft recherchiert?

Celil Oker: Ich bin schon seit langem ein großer Fan von PC-Flugsimulatoren und habe fast alle Programme ausprobiert, die es in diesem Bereich gibt. Dann habe ich mir noch ein paar Fachbücher besorgt, die Turkish Airlines für sein Pilotentraining benutzt. Beim Zappen im TV bleibe ich immer bei Start- und Landeszenen von Jets hängen. Damit nicht genug ist mein Schwager auch noch Flugzeugingenieur. Ich verbringe jeden Sommer sehr viel Zeit mit ihm im Hangar, wo die Flugzeuge gewartet und repariert werden.

Abebooks: Ihre Romanfigur Remzi Ünal arbeitet als Privatdetektiv im Istanbul der heutigen Zeit. Wie nah an der Realität ist diese Figur gezeichnet, was würde ein echter Istanbuler Detektiv von Ünal halten?

Celil Oker: Tatsächlich gibt es zur Zeit keine Privatdetektive in der Türkei. Im Jahr 1994 wurde zwar ein Gesetz vorgestellt, welches private Ermittlungen erlauben sollte. Dann legte der damalige Präsident jedoch sein Veto ein und die Regelung verschwand in der Versenkung. In meinen Büchern tue ich so, als gäbe es dieses Gesetz. Sicher gibt es in der heutigen Türkei Leute, die sich Privatermittler nennen. Die arbeiten aber bestenfalls als Paparazzi und bieten Ihre Dienste über Kleinanzeigen in den großen Tageszeitungen an.

Abebooks: Kommt Ihr Held bei seiner Arbeit auch der türkischen Polizei in die Quere?

Celil Oker: Remzi Ünal achtet immer darauf, sich aus dem Staub zu machen, bevor die Polizei auftaucht. Bis jetzt ist er mit dieser Taktik erfolgreich.

Abebooks: Ihre Detektivgeschichten rund um Remzi Ünal sind pechschwarze Krimis in der Tradition von Raymond Chandler, Dashiell Hammett & Co. - wie kam das?

Celil Oker: In der Tradition der "hardboiled novel" zu schreiben, war eine bewußte Entscheidung. Diese Art vom Kriminalroman habe ich schon als Jugendlicher geliebt, und genauso wollte ich immer schreiben. Ich träumte von einem türkischen "Private eye", der in den Strassen von Istanbul ermittelt - so wie andere durch New York, London, Paris, Berlin etc. streifen.

Abebooks: Die zeichnen in Ihren Büchern ein Bild von Istanbul, das von alltäglicher Gewalt, Korruption und Verbrechen geprägt ist. Ist die Stadt am Bosporus auch in Wirklichkeit so ein Sündenbabel?

Celil Oker: Istanbul hat durch seine geografische Lage zwischen Ost und West sicher noch ein paar Facetten mehr als andere Metropolen. Und die Stadt ist eine noch viel tiefere Schlangengrube, als ich beschreiben und Sie sich ausmalen können. Andererseits ist Istanbul aber auch eine wunderschöne Stadt mit einer jahrtausendealten Geschichte!

Abebooks: Zur Zeit wird viel über den EU-Beitritt der Türkei diskutiert. Glauben Sie, dass das Land unter Recep Tayyip Erdogan eher auf Europa zusteuert oder im Gegenteil, von Europa wegdriftet?

Celil Oker: Ob unter Erdogan oder einem anderen: Ich glaube fest daran, dass die Türkei sich auf Europa zu bewegen muss, egal wie langsam dieser Prozess auch verläuft. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil die Mehrheit der türkischen Bevölkerung dies will.

Abebooks: Orhan Pamuk, immerhin einer der berühmtesten Literaten der Türkei und diesjähriger Preisträger des deutschen Buchhandels, wurde in Ihrer Heimat massiv bedroht, nachdem er in einem Interview mit einer schweizerischen Zeitung gefordert hatte, die Türkei müsse sich ihrer Verantwortung für den Völkermord an den Armeniern stellen - was fühlen Sie als Schriftstellerkollege angesichts dieser Szenen?

Celil Oker: Ich bin grundsätzlich und absolut gegen alle Aktionen, die die Rede- und Meinungsfreiheit einschränken. Pamuk oder auch jeder andere Autor, Politiker, Wissenschaftler oder Bürger soll jederzeit sagen können, was er denkt. Das Thema Armenien wird in der Türkei zur Zeit heftig diskutiert und ich glaube, dass Orhan Pamuks Äußerungen einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion geleistet haben.

Abebooks: Die Reaktionen waren so hitzig und hasserfüllt, dass Pamuk im vergangenen Frühjahr für einige Zeit sogar das Land verlassen musste - könnte Ihnen so etwas auch passieren?

Celil Oker: Ich glaube nicht. Das liegt aber auch an der Unterschiedlichkeit unserer Arbeit. Sehen Sie, Orhan Pamuk und andere Autoren beschäftigen sich in ihren Büchern vor allem mit den großen Themen des Lebens und der Gesellschaft. Und so geraten diese Autoren dann auch fast zwangsläufig ab und zu in Konflikt mit den Gralshütern der Konformität. Als Celil Oker, Autor von Kriminalgeschichten, beschränke ich mich auf meine Profession und falle dadurch wahrscheinlich weniger auf.

Abebooks: Bleiben wir beim Thema Kriminalroman: In Deutschland werden mehr und mehr Krimis mit Schauplatz Istanbul veröffentlicht - man kann fast von einem Trend sprechen. Neben Ihrem Privatdetektiv Remzi Ünal ermitteln zur Zeit Barbara Nadels Kommissar Cetin Ikmen und die Buchhändlerin Kati Hirschel, eine Figur der Deutschtürkin Esmahan Aykol, für die Krimifans in der Bosporus-Metropole. Was macht Istanbul so attraktiv für Krimiautoren?

Celil Oker: Istanbul hat zwölf Millionen Einwohner und ist das Zentrum der türkischen Wirtschaft, Industrie, Medien, Bildung und Unterhaltung. Je reicher die Stadt wird, desto mehr offene oder auch verdeckte Kämpfe gibt es um diesen Reichtum. Korruption, Verbrechen, mafia-ähnliche Strukturen - ein fruchtbarer Boden für jeden Krimiautor. Warum also nicht Istanbul als Handlungsort eines Krimis? Abgesehen davon dürfen wir natürlich auch nicht die orientalisch-exotische Aura der Stadt vergessen, die auf manche sehr inspirierend wirkt.

Abebooks: Die Frauen in Ihren Krimis spielen oft die Rolle der "Femme fatale". Sie scheinen sich in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ebenso frei zu bewegen wie die Männer und agieren völlig gleichberechtigt - Laster und Intrigen inbegriffen. Folgen Sie bei dieser Charakterzeichnung eher der Krimitradition der Hardboiled novel oder entspricht ihr Bild von der in jeder Hinsicht emanzipierten Türkin der Realität im modernen Istanbul?

Celil Oker: Ich hoffe wirklich, dass die weiblichen Romanfiguren möglichst realistisch gezeichnet sind - natürlich innerhalb der Regeln eines Krimis. Interessanterweise wurde ich zu diesem Thema schon von meiner Frau kritisiert. Ihr gefiel nicht, dass sich in meinen Romanen oft die Frauen am Ende als "bad guys" entpuppen. Ich habe mir dann in meinen letzten Krimis Mühe gegeben, dieses Ungleichgewicht wieder ins Lot zu bringen.

Abebooks: Herr Oker, vielen Dank für dieses Gespräch.