INTERVIEW
Flirten im Puff
Thomas Brussig über sein neues Buch "Berliner Orgie"
Von Angie Reinhardt
Er war der Kritikerliebling, jetzt hat er sie alle verschreckt:
Nachdem
Thomas Brussig sich in seinen bisherigen Romanen und Drehbüchern
(u.a."Helden wie wir",
"Am kürzeren Ende der Sonnenallee"
und "Wie es leuchtet")
halbwegs politisch korrekt gab, langt er jetzt zu - und der Hauptstadt
unter den Rock.
Berliner Orgie heißt sein neues Buch und ist eine Sammlung der Reportagen über die Rotlichtszene Berlins, die Brussig im Auftrag des Boulevardblatts "B.Z." verfasste.
Der Ost-Intellektuelle als Boulevardschreiber, und dann auch noch im Bordell? Das Feuilleton ist pikiert. Wir haben bei Thomas Brussig nachgefragt...
AbeBooks: Was trieb Sie aus der intellektuellen Komfortzone?
Brussig: Ich hatte eine bestimmte Neugier, ich hatte einen Rechercheauftrag von der B.Z.
und durch diesen auch die Legitimation. Vorher hatte ich über das Thema immer gedacht, "Falls Du Deinen Fuß einmal über diese Schwelle setzt, lässt Du Deine ganze bürgerliche Existenz hinter Dir". Ich habe mich darüber einmal mit Frank Goosen unterhalten, ein Typ, von dem ich angenommen hatte, dass er sich auskennt. Doch der war ebenso eingeschüchtert durch Jugenderfahrungen, wo er genau wie ich das Rotlichtmilieu immer als etwas Ungeheures, Seltsames erlebt hatte - diese Schüchternheit, diese Scheu war der Grund, warum ich dem Ganzen nachgegangen bin.
AbeBooks: Und haben Sie die Scheu jetzt überwunden?
Brussig: Ja, durch die reale Begegnung mit dem Milieu. Insgesamt bin ich für die Recherche zu dieser Serie mehr als fünfzehn Mal losgezogen. Mittlerweile könnte ich mit sogar durchaus Situationen vorstellen, in denen ich mich in dieser Welt für einen Abend auf andere Gedanken bringen lasse - zum Beispiel wenn ich massiven Liebeskummer hätte. Es gibt in diesem Milieu Frauen, die genau wissen, was ein Mann braucht, da ist dann ein wenig Seelenmassage im Preis mit inbegriffen.
AbeBooks: Seelenmassage klingt ja toll. Gäbe es denn trotzdem Dinge, die die Damen anders oder besser machen könnten?
Brussig: Nö, die machen eigentlich alles richtig. Sie sind auch ganz anders, als man es
aus Filmen so kennt, von wegen "ausziehn kost zwanzig extra, sonst kannstet gleich vergessen!". Ich habe da erst letztens Katja Riemann ganz fürchterlich gesehen in "Ich bin die Andere", kennen Sie den Film?
AbeBooks: Nein.
Brussig: Aber gut. Katja Riemann und dann Regie: Margarete von Trotta - wie sollen die es denn besser wissen! Nee, das machen die echten Huren viel softer. Die sagen dann so etwas wie "Hmm, hey, das find ich aber süß, dass Du jetzt noch mehr von mir willst. Ich will das ja auch - und wenn Du noch zwanzig drauflegst, dann können wir das auch machen." Huren sind ja Frauen, die eine Rolle spielen. Und diese Rolle muss eine Schauspielerin natürlich mitspielen. Meistens spielt die aber das, was die Hure wirklich denkt. Das ist das Problem. Ich finde, dass Jane Fonda in "Klute" eine sehr gute Darstellung einer Hure gibt. Haben Sie den Film gesehen?
AbeBooks: Ja, ich erinnere mich. Dort gurrt Fonda immer so verführerisch in den Hörer, wenn sie mit einem Freier telefoniert.
Brussig: Genau, und sie verkauft ihm dabei das, was auch eine echte Hure tut, dieses Gefühl "hey, das sind deine Bedürfnisse und dafür bin ich da. Und alles was Du willst, ist völlig in Ordnung." Ich finde es zum Beispiel unglaublich, wie oft mir diese Frauen weismachen wollten, sie seien sexsüchtig!
AbeBooks: Bei der Episode zum Thema Straßenstrich schwirrte einem irgendwann der Kopf vor lauter Namen, Orten und Preislisten, kaum einer könnte sich das alles merken - haben Sie bei ihren Recherchen heimlich ein Bandgerät mitlaufen lassen?
Brussig: Ja, das habe ich am Anfang öfters gemacht. Ich hatte mir das Band in die Jackentasche gesteckt. Im Laufe der Zeit habe ich es aber immer weniger gebraucht. Es geht ja auch um das, was man sieht, nicht nur um das Gehörte.
AbeBooks: Sie beschreiben in "Berliner Orgie" auch ihren Tagesablauf während der
Recherchephase: Die ganze Nacht im Milieu unterwegs, frühmorgens zuhause die ersten Eindrücke notieren, ein paar Stunden schlafen und dann weiterschreiben.
Haben Sie Ihrer Frau von Ihren nächtlichen Erlebnissen erzählt?
Brussig: Wenn sie gefragt hat schon. Aber wenn sie nicht gefragt hat, habe ich nichts erzählt. Es war außerdem Teil der Abmachung, dass ich möglichst losziehe, wenn sie auswärts arbeitet und nicht in Berlin ist. Deshalb haben wir am nächsten Tag meistens dazu telefoniert. Als das Buch aber Form annahm, hat sie es natürlich gelesen.
AbeBooks: Und?
Brussig: Wir haben uns darüber ausgetauscht. Sie hat zum Beispiel so etwas gesagt wie "diese Formulierung hier ist zu hart" oder "hier kannst Du ruhig noch deutlicher werden". Sie ist immer mein erster Leser - so auch bei diesem Buch.
AbeBooks: Haben Sie bei der Recherche zu diesem Buch eine männliche Eigenschaft in sich entdeckt, die Ihnen vorher nicht bewusst war?
Brussig: Die große Entdeckung für mich war, dass ich flirten kann. Ich habe gelernt, wenn die Frauen wollen, kann sogar ich flirten. Und es ist schon so: Männer spielen gerne. Dieses Spielerchen, dieses unreife Kind gibt es und irgendwie muss man trotzdem miteinander auskommen und das nicht werten und behaupten, Frauen seien die besseren Menschen. Das sind sie vielleicht sogar. Ich bin wirklich sehr froh, dass ich keine Frau geworden bin, sonst hätte ich mir womöglich angewöhnen müssen, Männer zu lieben. Ich finde, das ist die größte Leistung der Frauen - dass sie trotz allem die Männer lieben können.
AbeBooks: Danke für das Gespräch.
[Stand:19.06.2007]
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