Nadine Gordimer: Eine Stimme der Menschlichkeit
Johannesburg, Südafrika: Ein junger Mann betritt das Haus einer Wohngemeinschaft, wechselt ein paar Worte mit einem auf der Couch liegenden Freund, greift sich die Waffe, die in südafrikanischen Häusern zu Grundausstattung gehört, und erschießt ihn....
Duncan Lindgard heißt der junge Mann, für dessen Eltern eine Welt zusammenbricht, als sie mit der Nachricht, ihr Sohn sei des Mordes verdächtigt, konfrontiert werden. Das geordnete Weltbild des wohlsituierten und geachteten Ehepaares der Johannesburger Oberschicht erhält immer mehr Risse, je weiter sie sich mit der Suche nach dem Motiv und dem Hergang der Tat beschäftigen.
Fast zehn Jahre bevor ihr Roman Die Hauswaffe auf Deutsch erschien, erhielt die Südafrikanerin Nadine Gordimer 1991 den Literaturnobelpreis "für ihre epische Dichtung, die der Menschheit einen großen Nutzen erwiesen hat und durch die tiefen Einblicke in das historische Geschehen dazu beiträgt, dieses Geschehen zu formen". Durch ihr jüdisch-englisches Elternhaus gehört Nadine Gordimer zur eher liberal orientierten englischsprachigen Minderheit von Weißen in Südafrika. 1923 in der Bergwerkstadt Springs in Transvaal geboren, beschäftigt sie sich in ihren Romanen und Erzählungen seit jeher mit dem Leben in ihrem Heimatland unter den Bedingungen der Apartheidpolitik. Romane wie Fremdling unter Fremden, Der Ehrengast und Julys Leute machten sie berühmt, obwohl - oder gerade weil - sie die gesellschaftlichen Probleme, die die Politik der Rassentrennung mit sich bringt, beim Namen nennt.
Zurück in Johannesburg: Julie, Tochter aus wohlhabendem Hause, bleibt im Großstadtverkehr mit ihrem Auto liegen. Der Mann, der anhält und ihr zur Hilfe kommt, lebt illegal in Südafrika und wird kurz darauf ausgewiesen. Julie, die sich in ihn verliebt hat, folgt ihm in sein Heimatland, einem Armutsstaat in der Dritten Welt, und als er nach Amerika geht, bleibt sie dort zurück...
Auch in Der Mann von der Straße finden sich die Themen wieder, die für Nadine Gordimers Erzählungen charakteristisch sind: Lebensgewohnheiten, Denkweisen, Illusionen und Probleme der Intellektuellen und des liberalen südafrikanischen Bürgertums, Liebesbeziehungen, die an Rassenschranken scheitern, und immer wieder die faszinierende Landschaft Südafrikas.
Von Johannesburg nach Berlin: Was haben Berlin und Johannesburg gemeinsam? Genug, um einen Film über beide Städte zu drehen, meinte Nadine Gordimer, deren Mann Reinhold Cassirer aus Berlin stammt und sich in Südafrika vor den Nazis in Sicherheit brachte. Gemeinsam mit ihrem Sohn, einem Filmemacher, realisierte die "große Dame des Romans" Berlin - Johannesburg - ein Vergleich, ein Dokumentarfilm, der 1998 in die deutschen Kinos kam. Zufälle der Geschichte nennt die südafrikanische Autorin den Stoff, der dem Film zugrunde liegt: "In Berlin wurde die Stadt mit einer Mauer geteilt - aus ideologischen Gründen. Und in Johannesburg war die Stadt auch geteilt - aus rassischen Gründen." Und die Zufälle gehen noch weiter: In beiden Städten sind die Mauern in etwa zur gleichen Zeit gefallen, in Berlin im November 1989, in Südafrika 1990 mit der Freilassung Nelson Mandelas, die das Ende des Apartheid-Regimes besiegelte.
Gegen dieses Regime hatte Nadine Gordimer ihr Leben lang gekämpft. Ihre Romane und Erzählungen faszinieren durch einen unbeirrbaren Humanismus und den Glauben an eine freie gemischtrassige Gesellschaft in Südafrika. Film oder Buch, beide folgen für Nadine Gordimer dem selben Prinzip: Nicht die realen Mauern trennen Menschen, sondern die Mauern in unseren Köpfen.
Meike Ruch
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Nadine Gordimer
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