Jetzt stillen wir unseren Hunger: Eine Rekursion. Roman - Softcover

Bauer, Christoph

 
9783100049100: Jetzt stillen wir unseren Hunger: Eine Rekursion. Roman

Inhaltsangabe

Es liegt Schnee in Kreuzberg. Tom Weinreich - gewohnheitsmäßiger Junggeselle, Müßiggänger, im Nebenberuf Fachmann für Personennahverkehr - geht am Landwehrkanal spazieren wie jeden Tag, immer denselben Weg, genau zwei Stunden lang. Dabei denkt er Spaziergangsgedanken, jeden Tag einen anderen. Seine größte Sorge ist, dass der Gedanke zu kurz ist für den Weg oder zu lang. Heute jedoch wird sein Gedanke von einer Fremden unterbrochen, die ihn anspricht. Tom weiß sofort: Sie ist die Seelenverwandte, auf die er schon längst nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Er lädt sie zu sich ein, und bei Rotwein, Käse und Brot reden sie über alle Dinge, die das Leben wirklich ausmachen. Sie unterhalten sich den ganzen Tag und die ganze Nacht, über Bonn und Berlin, den Papst und den Zoo und den Friedhof in Kreuzberg, über Aufgeben, Aufstehen und Durchatmen, über ihre Besessenheiten und Merkwürdigkeiten, über Liebe und Glück. Und wie man sonst nur einem Traum verfällt, ergreift Mascha Besitz von Toms Denken und Leben.
"Jetzt stillen wir unseren Hunger" ist ein Debüt, in dem es ums Ganze geht: Eine urkomische Tragödie für Leute, die beim Spazierengehen auf Ideen kommen und beim Essen reden, ein Buch für alle Philanthropen, die gerne Tschechow lesen und sich über die Absurditäten des Alltags freuen. Es ist ein böser und ungemein witziger Spaß, ein Traktat gegen Ärgerliches und für Gelassenheit und Hoffnung. Es ist die Erfindung eines Tages und einer langen Nacht mit dem großen verträumten Gespräch und der zärtlichen Liebesgeschichte von Tom und Mascha.

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Über die Autorin bzw. den Autor

Christoph Bauer, 1957 in München geboren, studierte Publizistik, Informationswissenschaft und Philosophie in Berlin, arbeitete als Taxifahrer und Universitätsdozent, später als Politik- und Unternehmensberater.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Wir lagen still nebeneinander, ich auf dem Rücken, Maschas Kopf an meiner Schulter, meine Finger spielten leicht und ruhig in ihrem Haar, und ihr Atem wurde tief und regelmäßig. Sie schläft, dachte ich und wollte mich vorsichtig von ihr lösen, und kaum hatte sich mein Arm ein winziges Stückchen bewegt, sagte Mascha, und jetzt noch eine Gutenachtgeschichte, jetzt mußt du mir noch eine deiner Geschichten vorlesen, nur eine ganz kleine. Ich hätte doch gar keine Geschichten, sagte ich, sie wisse ganz genau, daß ich keine selbstverfaßten Geschichten hätte. Ihren Kopf weiter auf meiner Schulter gebettet, kitzelte sie mich mit der Nasenspitze am Hals und sagte, mein lieber Tom, diese Platte hat einen Sprung, die immer gleiche Leier wird langsam ermüdend, heben wir endlich die Nadel aus der Rille. Lies mir jetzt eine deiner Geschichten vor. Denk dran, ich schlafe in deinem Geschichtenarchiv, und ich werde es noch heute nacht rücksichtslos plündern und alle deine Geschichten durchlesen, von vorne bis hinten, alle, alle, alle, keine werde ich auslassen, und wenn es mich die ganze Nacht und dazu noch den nächsten Tag kostet. Ich seufzte und nannte sie einen Plagegeist und gab schließlich nach, ich hätte eine kleine Geschichte im Kopf, die würde ich ihr jetzt erzählen, aber dann sei Schluß, und ich fabulierte etwas zusammen, etwas von einem Schaf auf einem Elbdeich im Norden, ich weiß nicht mehr, was genau ich mir da zusammenreimte. Mascha wird nicht erfreut sein, ich hatte versprochen, die einfältige Schafsgeschichte in meine Aufzeichnungen aufzunehmen, und jetzt weiß ich sie nicht mehr genau, ich hatte mir in meiner Not schnell ein dürftiges norddeutsches Märchen ausgedacht, meine letzte Reise hatte mich dorthin an die Elbe geführt, nordwestlich von Hamburg, das war mir wohl eingefallen, und ich sagte, na gut, Mascha, damit du endlich Ruhe gibst, erzähle ich dir eine Geschichte aus deiner Heimat, von Hamburg aus ein Stück die Elbe hinab Richtung Meer, dort hat sie sich zugetra-gen, auf dem Deich, so in etwa fing ich an, glaube ich. Ich sagte, ich sei auf dem Deich entlang spaziert und habe dort eine merkwürdige Begegnung mit einem Schaf gehabt. Das Schaf habe, von mir durch einen geringfügigen Geldbetrag angestiftet, einen Salto geschlagen, ich weiß nicht mehr, wie ich meinen Wunsch, das Schaf möge einen Salto schlagen, in meinem Märchen begründet habe, was genau ich Mascha darüber sagte, ist mir entfallen, irgendwie war es mir aber gelungen, meinen Wunsch nach einem Schafssalto plausibel zu machen, mein Geist muß sich in einem abenteuerlichen Zustand befunden haben. Das Schaf habe dann auf mein Verlangen, wiederum mit einer, dies-mal etwas größeren Summe Geldes bestochen, ein Gedicht aufgesagt, ein kleines, dummes Schafsgedicht, das ich vergessen habe, leider, es muß leise lustig gewesen sein, Mascha hat leise an meinem Hals gelacht, ich weiß nur noch, daß das Schafsgedicht eine Beleidigung mei-ner Person enthielt, weshalb ich dem Schaf das vereinbarte Honorar verweigerte. Ich erzählte ganz langsam, ich mußte mir die Geschichte ja während meines Vortrags erst ausdenken, ich machte meine Stimme tief und warm und sanft und ich empfand mein zögerliches, langsam vorwärts tastendes Erzählen wie eine passende Begleitmusik zu meinen zarten und langsamen streichelnden Fingerspaziergängen in Maschas Haar, eine doppelte Liebkosung wollte ich ihr mit meinen Fingern und mit meiner Stimme schenken, sanft und beruhigend Mascha in den Schlaf wiegen. Ich werde Mascha nach dem Schafsgedicht fragen müssen, wenn sie darauf besteht, daß es in diesen Noti-zen steht, ich werde dann einen Nachtrag vornehmen, nein, ich werde ihr sagen, Mascha, wenn du so großen Wert auf das kleine, dumme Schafsgedicht legst, mußt du es selbst in deinen Bericht schreiben, ich habe es vergessen, die ganze kleine, dumme Schafsgeschichte habe ich mehr oder weniger vergessen. Ich hätte dem Schaf das Gedichtemachen verboten, erzählte ich Mascha, ja, ich erinnere mich, ich habe dem Schaf mit der Forderung nach einem Gedicht eine Falle gestellt, in die es prompt hineingetappt ist, warum und in welcher Art es eine Falle war, weiß ich nicht mehr, das Schaf stand nach seinem dreisten Gedichtvortrag jedenfalls ziemlich dumm da, und ich habe ihm für alle Zeiten das Gedichtemachen verboten, und es hat sich gefügt, wider-willig zwar und unwirsch blökend, und ich mußte eine massive Dro-hung aussprechen, um es in seine Schranken zu weisen, ich drohte ihm, ich würde es bei dem geringsten Verstoß gegen das Gedicht-verbot sofort von seinem Deich zerren und in die Stadt verfrachten, wo ich es an einen mir wohlbekannten türkischen Imbiß ausliefern würde, und dort würde man gewiß nicht viel Federlesens machen, es solle sich mal lieber keinen falschen Hoffnungen hingeben, in der Küche meines türkischen Freundes würden keine umständlichen Gerichtsverfahren abgehalten, der Koch würde bereits die Messer wetzen. Die natürliche Ordnung sei wiederhergestellt gewesen, und ich sei zufrieden meines Weges gegangen, so, glaube ich, endete meine rasch aus dem Hut gezauberte Schafsgeschichte.

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