Von der Aussicht, sich scheiden zu lassen, war Ditzen durchaus nicht begeistert, sie steigerte nur sein Gefühl des Scheiterns. Am 25. Mai schrieb er seiner Schwester Elisabeth: "Meine Arbeit freut mich nicht mehr. Ich bin sehr alt geworden, nicht nur äußerlich, ich bin lebensmüde. Was soll ich noch? Niemand scheint mich mehr zu brauchen. Der Traum, ein grosser Künstler zu werden, ist ausgeträumt. Ich bin auch nur ein Bücherschreiber wie so viele. Vielleicht habe ich zu sehr nach Geld und Erfolg geschielt, ich weiss es nicht. Es waren ja auch oft schwere Zeiten, in denen ich lavieren musste. Alles ist aussichtslos, alles ist trübe, alles schmeckt nicht mehr." Das erbitterte Scheidungsverfahren trug nicht dazu bei, die Stimmung im Haushalt zu heben. Als die Scheidung am 5. Juli 1944 ausgesprochen wurde, war Ditzen bereits wieder in das Gärtnerzimmer auf der anderen Seite des Hofes umgezogen, doch merkte er bald, daß die räumliche Trennung nur eine vorübergehende Notlösung war. Er war versucht, Rowohlts Einladung nach Sylt zu folgen, stand aber unter dem Druck, das Gehöft zu bewirtschaften, was Suse allein nicht bewerkstelligen konnte. Als die Scheidung erst einmal feststand, verbesserte sich Ditzens Stimmung. Am 18. Juli begann er mit dem Diktat des ersten Teils seines Kutisker-Romans. In einem Brief an seine Schwester nannte er das Projekt "eine recht unerfreuliche Romanarbeit" und äußerte die Überzeugung, es werde nie veröffentlicht werden. Else Marie Bakonjé war nach Hannover gezogen, und die neue Schreibkraft erwies sich als so unbrauchbar, daß sie bereits nach einer Woche entlassen wurde. Ein weiterer und handfesterer Grund für die Verbesserung seiner Stimmung im Sommer 1944 war seine Freundschaft mit Ursula ("Ulla") Losch, einer wohlhabenden jungen Witwe. Nach dem Tod ihres Mannes im Mai war Ulla mit ihrer Mutter und ihrer Tochter in ihr Landhäuschen am Rande von Feldberg gezogen. In einem Brief an einen Kollegen von Dr. Zutt vom 12. Juli schrieb Ditzen, er habe "die Absicht, möglichst bald wieder zu heiraten, freilich keinesfalls dies kleine Mädchen" - sprich Anneliese Benzin. Am 8. August vertraute er seiner Schwester Elisabeth an: "Vielleicht habe ich schon wieder etwas, auf das ich mich jeden Tag freuen kann - mal sehen!" Ulla Losch schien in allem das genaue Gegenteil von Suse zu sein, auch wenn beide aus einfachen Verhältnissen stammten. Suse, inzwischen dreiundvierzig Jahre alt, trug an Gesicht und Händen die Male schwerer körperlicher Arbeit. Ihr glattes Haar war von Silberfäden durchzogen, und obwohl sich die Frische der Jugend in ihrem offenen, ehrlichen Gesicht erhalten hatte, waren die Jahre doch nicht spurlos an ihr vorübergangen. Demgegenüber war Ulla erst zweiundzwanzig Jahre alt und erregte in Feldberg mit ihren Locken, ihrem Make-up, ihrem Nagellack und Schmuck großes Aufsehen. Doch selbst wenn das Interesse, das eine so attraktive junge Frau an ihm zeigte, Ditzen zweifellos schmeichelte, war es doch unwahrscheinlich, daß es nur das hübsche Gesicht war, das sein Herz eroberte. Was ihn an Ulla Losch anzog, war ihr jugendlicher Überschwang, ihr zärtliches Naturell, ihr Sinn für Spaß und ihre Findigkeit. Allem Anschein nach ein verwöhntes, reiches Fräulein, hatte sie in Wahrheit schwere Zeiten durchgemacht, ehe ihr Arbeitgeber, der Seifenfabrikant Kurt Losch, sie unter den Arbeiterinnen seines Betriebs bemerkte und ihr einen Heiratsantrag machte. Sie verband die Kraft eines Arbeitermädchens mit bourgeoiser Eleganz. Wo Siebrecht in Ditzens Roman Ein Mann will hinauf die beiden Frauentypen, die von Rieke Busch und Hertha Eich repräsentiert werden, vergeblich in Einklang zu bringen sucht, fand Ditzen diese Synthese in der Person Ulla Loschs voll ausgebildet. Ihre Beziehung wurde von den Ereignissen des 28. August 1944 unterbrochen. Ditzen, der schwer getrunken hatte, ließ sich in der Küche auf einen Streit mit Suse ein, in dessen Verlauf er einen Schuß aus seinem Terzerol abfeuerte, wenn auch nicht direkt auf sie gezielt. Sie entwand ihm die Pistole, schlug ihm damit über den Kopf, rannte ins Freie und schleuderte die Waffe in den See. Dann alarmierte sie den Feldberger Arzt, der sich allerdings nicht selbst herbemühen konnte, sondern statt dessen den Dorfpolizisten schickte. Dieser brachte Ditzen nach Feldberg, um ihn zu beruhigen. Damit hätte die Sache ihr Bewenden haben sollen, wäre da nicht ein übereifriger junger Staatsanwalt gewesen, der sich gerade in Feldberg aufhielt. Er bestand darauf, gegen Ditzen Anzeige wegen versuchten Totschlags an seiner Frau zu erstatten. So wurde Ditzen zur einstweiligen Beobachtung in der Landesanstalt Neustrelitz-Strelitz untergebracht. Als sich im September 1944 einmal mehr die Tore einer Anstalt hinter ihm schlossen, schien Ditzen vor dem Ende zu stehen: ein Alkoholiker, ein des Schreibens unfähiger Schriftsteller, ein emotionales und physisches Wrack. Es hatte ganz den Anschein, als sei er drauf und dran, das Schicksal des Baumes in Kästners Gedicht zu teilen und mit jenem Deutschland zusammen, aus dem er nicht fortwollte, zu verdorren.
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