Die Beiträge dieses Lesebuchs bieten aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln einen umfassenden Einblick in die Glaubens- und Lebenswelt des Islam.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Maria Haarmann studierte Islamwissenschaft und Judaistik in Freiburg, Berlin und Kairo. Sie ist in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet mit Asylbewerbern.
Friederike Stalleis: Was ist islamische Kleidung?
Abgesehen von regionalen Unterschieden zeichnet sich traditionelle Kleidung in islam. Ländern meist durch lange, den Körper fließend umhüllende Gewänder und Kopfbedeckungen aus, die klimat. Bedingungen und islam. Moralvorstellungen gleichermaßen Rechnung tragen. Seit dem 19. Jh. Veränderten sowohl die Übernahme westlicher Modevorstellungen in den Städten als auch staatliche Vorschriften die Kleidungsgewohnheiten. Die zunehmende polit. Einflußnahme Europas, der Import von industriell gefertigten Geweben sowie ein Wandel der Wertvorstellungen erfaßten im 20. Jh. auch die ländlichen Gebiete und veränderten die bis dahin kaum betroffene Kleidung der Frauen. Oft werden auch traditionelle mit europäischen Stilen kombiniert. Heute versteht man unter «islam. Kleidung» keinen Rückgriff auf die Tradition, sondern das Ergebnis einer Anpassung europäisierter Kleidungsform an islam. Moralvorstellungen. Islam. Frauenkleidung muß Arme und Beine vollständig bedecken und so weit sein, daß der Körper sich nicht abzeichnet. Ein langer Mantel europäischen Typs kann den Vorschriften nicht entsprechende Kleidung außerhalb des Hauses verdecken. Zu dem Mantel wird ein bis auf die Schulter reichendes Kopftuch getragen. Männer verleihen ihrer Frömmigkeit durch Aufsetzen eines runden weißen Käppchens Ausdruck, das der Kopfbedeckung des Propheten nachempfunden ist. Dazu gehört auch das Tragen eines Vollbarts. Die Krawatte wird als Symbol des Westens in einigen Ländern (z.B. in Iran) abgelehnt und durch ein Stehkragenhemd ersetzt. Mit der Zunahme islamist.-fundamentalist. Ideologien ist die Kleidung unter Muslimen, v. a. unter muslim. Frauen, in früher nicht gekanntem Ausmaß zum Kennzeichen regliös-polit. Gesinnung geworden.
Günter Seufert: «Kopftuchstudentinnen»
Doch in der Türkei konkurrieren heute alte und neue Muster der Lebensführung, und die Frauen und Mädchen des gläubigen Teils der Bevölkerung sehen sich einer Vielzahl von Erwartungen gegenüber, die sich oft diametral widersprechen: Sie sollen den öffentlichen Raum meiden und doch als , die Unterdrückung der Gläubigen durch die im politischen und damit im öffentlichen Raum symbolisieren. Sie sollen, wie allen importierten Ideologien, dem frauenrechtlerischen und feministischen Diskurs des Westens widerstehen und doch - angesichts der Universalität, die der Grundsatz von der Gleichheit der Geschlechter gewonnen hat - durch ihre außerhäuslichen Erfolge das negative Image der Muslima widerlegen und beweisen, daß der Islam die Religion ist, die der Frau den größten Wert beimißt. Sie sollen sich der Disziplin der religiösen Partei beugen (in ihren Leitungsgremien sind sie nicht vertreten) und doch deutlich machen, daß diese Partei die politische Aktivität von Frauen fördert. Sie sollen der Tradition entsprechend folgsame und sittsame Tochter und doch anziehendes und prinzipiell erlangbares Objekt autonomer Gattenwahl sein. Sie sollen sich ihrem Manne unterordnen, sich primär über ihre Familie und Kinder definieren und doch eine persönliche, ihre Eigenverantwortung unterstreichende Ethik entwickeln. Die zur Tradition konträren und in sich selbst widersprüchlichen Erwartungen machen sich im Erleben der jungen Frauen als Selbstzweifel bemerkbar: «Es gab eine Zeit, da war ich mit mir selbst im Einklang, ich war stundenlang unterwegs, vom Glauben an die Zukunft erfüllt und sicher, die Welt zu verändern. ... Diese Hausarbeit, immer derselbe Trott. Ich habe Angst davor, mich eines Tages selbst nicht mehr zu kennen.»
Als Rettung vor einem solchen Persönlichkeitsverlust erscheint auch den islamistischen jungen Frauen die außerhäusliche Erwerbstätigkeit: «Das Wichtigste ist, daß die außerhäusliche Arbeit die Frau aus der Monotonie befreit und sie aktiviert. Bis zu einem gewissen Grad hängt es vom Arbeitsleben ab, ob sich eine Frau selbst entwickelt, ob sie gesellschaftliche Kontakte hat und ob sie (in materieller und geistig/moralischer Hinsicht) produktiv ist.»
Die jungen Frauen sollen und wollen mit einem Wort den öffentlichen Raum betreten, ihn gestalten und sich selbst nach ihm gestalten - und ihm doch fernbleiben. Wie oben deutlich wurde, resultiert die Gefährlichkeit des öffentlichen Raumes daraus, daß er die Kontrolle über die (Sexualität der) Frau aufhebt. Die widersprüchlichen Anforderungen, mit denen die Frauen konfrontiert sind, lassen sich demgemäß auf folgenden Satz reduzieren: Geh` in den öffentlichen Raum - aber verdecke deine Sexualität! Im Modell der gelangt dieser Befehl zu seiner Ausführung. Positiv gewendet klingt das so: «Ich trage den Schleier freiwillig, ...nicht um meine Vernunft zu bedecken, sondern weil ich den Menschen damit sagen will: Seht in mir nicht die schönen Attribute der Frau, sondern die rational denkende Persönlichkeit, den Menschen, der denkt und eine Meinung hat.
Wenn die Verhüllung - wie bei den politisch bewußten islamistischen Studentinnen - frei gewählt ist, symbolisiert sie die Entschlossenheit der Frau, den Platz, der ihr zugewiesen wird, nämlich zu einem Mann zu gehören, nicht zu verlassen, und ermöglicht ihr gerade damit die Ausweitung, ja die qualitative Umgestaltung ihres Aktionsfeldes. An die Stelle der gelebten Beziehungsform selbst tritt ihre Präsentation. Als bedeckte Muslima, die mit ihrer Kleidung zeigt, daß sie auf ihre Ehre achtet und so das Ansehen ihres Mannes (bzw. des Vaters oder der Brüder) schützt, kann die Frau ihren Aktionsradius erweitern, ohne Gefahr zu laufen, deshalb schlecht angesehen zu werden. Die Bedeckung ermöglicht ihr damit, ihre Rolle innerhalb der Rolle zu wechseln und neuen Anforderungen zu entsprechen! Dies gilt besonders für junge Frauen, denen die Bedeckung das Betreten neuer sozialer Räume wie Universitäten und urbane Arbeitsplätze ermöglicht, ohne daß sie sich mit der Überschreitung der räumlichen Grenzen von Familie und Nachbarschaft auch sozial von diesen verabschieden müßten. Mehr noch, nicht die Familie kann sie jetzt im Namen von Sitte und Religion für den Bruch mit der traditionellen Hausfrauenrolle verurteilen, sondern sie selbst sind in der Lage, die Eltern, die sich nicht vorschriftsmäßig kleiden, einer nichtislamischen Lebensführung zu bezichtigen. Die junge gläubige Generation kann sich damit über die alte erheben, wie das die Jugend in modernen Gesellschaften tut.
Quelle: Copyright Verlag C.H.BECK oHG
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