Thomas Mann und die Seinen - Hardcover

Reich-Ranicki, Marcel

 
9783421058645: Thomas Mann und die Seinen

Inhaltsangabe

Marcel Reich-Ranicki gehörte zu den besten Kennern der an herausragenden Begabungen und Persönlichkeiten reichen Familie Mann. "Thomas Mann und die Seinen" vereint Aufsätze und Beiträge aus fünf Jahrzehnten. In seinen essayistischen Porträts schildert Marcel Reich-Ranicki in gewohnt lebendiger Weise die Gegensätze und Abhängigkeiten, die Kämpfe und den Zusammenhalt innerhalb der Familie sowie ihr literarisches Schaffen.
„Ich weiß, daß er, Thomas Mann, mich beeindruckt und beeinflußt, vielleicht sogar geprägt hat wie kein anderer deutscher Schriftsteller unseres Jahrhunderts. Ich weiß, daß es seit Heine keinen Schriftsteller gegeben hat, dem ich in so hohem Maße und auf so tiefe Weise verbunden bin.“ MRR




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Über die Autorin bzw. den Autor

Marcel Reich-Ranicki, geboren 1920 in Polen, lebte von 1929 bis 1938 in Berlin. Nach der Deportation durch die Nazis überlebte er nur knapp das Warschauer Ghetto und kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück, wo er seine Karriere als Literaturkritiker begann: Er war von 1960 bis 1973 Literaturkritiker der „Zeit" und leitete von 1973 bis 1988 den Literaturteil der „FAZ“, wo er noch bis zu seinem Tod als Kritiker und Redakteur der „Frankfurter Anthologie“ tätig war. Von 1988 bis 2001 leitete er „Das Literarische Quartett“ des ZDF. Nahezu alle Deutschen kennen Marcel Reich-Ranicki - er war „der“ Kritiker und enfant terrible der Medienlandschaft. In seinem geschriebenen wie gesprochenen Wort spürte man jederzeit die Leidenschaft und Konsequenz, mit der er sich für Literatur einsetzte. Seine 1999 bei der DVA erschienene Autobiographie "Mein Leben" wurde zum Millionenbestseller. Er erhielt zahlreiche literarische und akademische Auszeichnungen. Marcel Reich-Ranicki verstarb 2013 in Frankfurt am Main.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Das Genie und seine Helfer

Empfindlich war er wie eine Primadonna und eitel wie ein Tenor. Er war ichbezogen und selbstgefällig, kalt, rücksichtslos und bisweilen sogar grausam. Tausende haben ihn im Laufe seines Lebens mit Briefen belästigt. Keines dieser Schreiben blieb unbeantwortet. Gewiß, er hat vielen Menschen, zumal in der Zeit des Exils, geholfen. Aber hat er je einen Freund gehabt? Zu jenen Beziehungen, die man gemeinhin als Freundschaft bezeichnet, war er wohl fähig, indes kaum bereit. Hat er je eine Frau geliebt? Wohl nur Katia. Doch die Liebesbriefe, die er ihr schrieb, hat er sich bald zurückerbeten, um sie in einem Roman ("Königliche Hoheit", 1909) zu verwenden.
Sein Tonio Kröger klagt, er sei oft sterbensmüde, das Menschliche darzustellen, ohne am Menschlichen teilzuhaben. Für ihn, Thomas Mann, war die Darstellung des Menschlichen stets ungleich wichtiger als die Teilnahme am Menschlichen. Zwischen beidem besteht ein kaum faßbares, ein in der Geschichte der Weltliteratur beispielloses Mißverhältnis. Um es überspitzt auszudrücken: Er hat fast nichts erlebt und fast alles beschrieben. Einem Minimum an tatsächlicher, an persönlicher Erfahrung wußte er ein Maximum an Literatur abzugewinnen. Und vielleicht war die Energie, die er ein Leben lang - und noch in den letzten Monaten - aufbrachte, um mit seinem Pfunde zu wuchern, seine eigentliche Genialität.
Man wird sagen: kein sympathischer, eher schon ein abstoßender Mensch. Mag sein. Aber das gilt auch für Goethe, Heine und Richard Wagner, für Rilke, Musil und Brecht. Sympathisch können nur diejenigen Genies sein, über die wir fast nichts wissen - Wolfram von Eschenbach etwa oder Shakespeare.
Je mehr wir von Thomas Mann zu lesen bekommen, desto schwieriger wird es, diesen Leistungsethiker, diesen gigantischen Enzyklopädisten zu lieben - und desto leichter, ihn zu bewundern, ja zu verehren. Seine Briefe an zwei Menschen, die ihm fremd und gleichgültig waren und die er dennoch gebraucht hat - an Otto Grautoff und Ida Boy-Ed -, bestätigen dies erneut.'
Im März 1895 schrieb der neunzehnjährige Thomas Mann, der damals schon in München lebte, an seinen ehemaligen, etwas jüngeren Schulkameraden Otto Grautoff, der eine Buchhandelslehre in Brandenburg an der Havel absolvierte: "Wirklich befreundet, wirklich intim bin ich doch nur mit einem gewesen, und das warst Du. Zufällig vielleicht. Aber es ist auch Wahlverwandtschaft im Spiele." Davon stimmt kein Wort. Weder war der junge Thomas Mann mit Grautoff "wirklich befreundet" oder gar "intim", noch konnte hier von Wahlverwandtschaft die Rede sein. Doch "zufällig" war diese Beziehung eben auch nicht, sie hatte schon einen guten Grund. Im selben Brief heißt es: "Gegen keinen kann ich mich so aussprechen, wie ich es gegen Dich konnte..."
Grautoff war häßlich und unbegabt und überdies noch der Sohn eines Bankrotteurs. Die vornehmeren Kameraden "lachten über ihn, fanden ihn unmöglich und ließen ihn in ihrer Gesellschaft nicht zu" - so Peter de Mendelssohn in seinem informativen Vorwort zu der sorgfältig edierten Briefsammlung. Auch Thomas Mann habe sich "des schäbigen und unansehnlich-tölpelhaften Freundes" geschämt. Aber dieser unglückliche, an starken Minderwertigkeitskomplexen leidende Junge war ihm unbedingt und uneingeschränkt ergeben.
Wenn er gerade zu ihm reden konnte, wieviel und worüber er wollte, so hatte dies mit jenem Umstand zu tun, den Thomas Mann in einem Brief vom Juli 1897 offen aussprach: "Ich habe stets als Deinen großen Vorzug geschätzt, daß Du zuhören kannst..." Dies ist das entwaffnend simple Geheimnis der immerhin nicht kurzfristigen Beziehung zwischen den beiden ungleichen Partnern, und zwar ebenso in den Lübecker Schuljahren wie auch später, als sich der Kontakt auf den Briefwechsel beschränkte. Mit anderen Worten: Grautoff war weder ein Pylades noch ein Horatio, er war nur ein von dem monologisierenden Helden benötigter Zuhörer, also ein Statist.
Nicht einmal die Vermutung, der Anfänger Thomas Mann habe Grautoffs Bewunderung oder Hörigkeit als eine Art Selbstbestätigung empfunden, wäre zutreffend. Gewiß, der junge Meister, der allerdings seine Meisterschaft noch zu beweisen hatte, wollte anerkannt werden und Einfluß ausüben, er wollte eine Autorität sein. Aber es konnte ihm nicht entgehen, daß dies alles hier allzuleicht zu haben war. Er hatte nicht den geringsten Respekt vor dem Intellekt Grautoffs und teilte dies dem fast Zwanzigjährigen nicht ohne Sadismus mit: "Du weißt nicht recht, was Metaphysik ist, und Du weißt nicht recht, was Christentum ist, aber Du gebrauchst diese Wörter mit Zuversicht... Jetzt kannst Du über dergleichen Dinge nicht mitreden."

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