Sarah Zettel wurde 1966 in Kalifornien geboren und lebt heute in Michigan. Gleich für ihr Debüt, den futuristischen Roman "Reclamation", wurde sie mit dem renommierten Locus Award ausgezeichnet. Nach weiteren erfolgreichen Science-Fiction-Romanen wagt sie sich mit ihrer Isavalta-Saga nun auf das Gebiet der Fantasy vor. Außerdem arbeitet Sarah Zettel an einem Romanzyklus zur Artus-Sage.
"Ein Juwel von einem Buch!"
Elizabeth Haydon
"Ein mitreißendes Epos voller raffinierter Magie und Intrigen - eine Welt, in der nichts so ist, wie es scheint!"
Sara Douglass
Prolog
Bayfield, Wisconsin, 1899
»Grace, Grace? Hast du es schon gehört? Oh, es ist so schrecklich!«
Grace schob den Vorhang zurück, der ihr spartanisches Schlafzimmer von dem üppig möblierten Wohnzimmer trennte. Hilda Rudiger schloss die Tür hinter sich und schüttelte ein paar Schneeflocken aus ihrem grauen Schultertuch. Kälte und Anstrengung hatten ihre runden Wangen gerötet, und die Aussicht auf Klatsch ließ ihre Augen blitzen.
»Was ist denn, Hilda?« Grace trocknete sich die Hände am Handtuch ab. Sie hatte sich gerade für ihren Termin umgezogen und trug nun ihren besten smaragdgrünen Rock, eine weite weiße Bluse und schweren Goldschmuck. Diese zigeunerhafte Aufmachung sollte dafür entschädigen, dass ihr blondes Haar und ihre blauen Augen so ganz und gar nicht nach Zigeunerin aussahen. Grace warf einen Blick auf die vergoldete Uhr auf dem Regal über dem Ofen. In einer halben Stunde würde Mrs. Hausman eintreffen, und sie musste vorher noch die Vorhänge zuziehen, die Lampe anzünden und sich ruhig und gefasst an dem bereits vorbereiteten Tisch niederlassen. Ein Medium durfte sich nicht bei Hausarbeiten sehen lassen, das verdarb die Atmosphäre.
»Du hast noch nichts davon gehört?« Hilda kam auf Grace zu, beide Hände ausgestreckt, um sie zu packen. »O du Arme! Es ist eine solche Schande!«
Grace löste sich sanft aus Hildas eisigem Griff. »Ich war heute früh noch nicht draußen«, sagte sie und warf in der Hoffnung, dass Hilda es bemerkte, einen demonstrativen Blick zur Uhr. »Was ist denn los?«
Das Blitzen in Hildas Augen ließ ein wenig nach, und nun lag auch ehrliche Sorge in ihrem Blick. »Bridget Lederle ist weg.«
Grace starrte sie an. »Weg?«
»Weg«, wiederholte Hilda und nickte zur Betonung. »Sie ist sicher mit diesem Fischer gegangen, der im Leuchtturm bei ihr wohnte. Francis Bluchard wollte sie mit dem Schlepper abholen, weil der Leuchtturm für den Winter geschlossen wird, aber es war niemand da. Mrs. Shwartz - du weißt schon, ihr Mann arbeitet in der Bank -, also sie sagt, er hatte Anweisung, die Haushälterin zu bezahlen, und Bridget hat all ihr Geld abgehoben ... O Grace, du bist ganz blass! Setz dich doch hin.«
Grace ließ sich würdelos aufs Sofa sacken, denn sie konnte ihre zitternden Knie einfach nicht mehr beherrschen. Plötzlich sah sie das Zimmer nur noch verschwommen. Sie hatte Bridget vor Augen, wie sie bei ihrer letzten Begegnung ausgesehen hatte - hoch gewachsen, mit rotbraunem Haar, voller Starrsinn und ihrer Mutter Ingrid viel zu ähnlich.
Es sollte mich nicht überraschen, dachte Grace dümmlich. Er hat ihr eine hübsche Geschichte erzählt, und sie ist mit ihm gegangen. Genau wie ihre Mutter.
Ingrid Loftfield war Graces ältere Schwester gewesen. Vor beinahe dreißig Jahren war Ingrid ebenfalls mit einem Fremden verschwunden, und Grace und ihre gesamte Familie waren beschämt und wütend zurückgeblieben. Ingrid war jedoch ein Jahr später zurückgekehrt, schwanger mit Bridget. Sie hatte ihre Tochter zur Welt gebracht und war gestorben, bevor Grace auch nur ein Wort mit ihr hatte sprechen können. Grace hatte nie herausgefunden, wo Ingrid gewesen und was ihr dort widerfahren war, ob sie auf dieser geheimnisvollen Reise Glück erlebt oder Angst durchlitten hatte. Und ob Grace ihr so sehr gefehlt hatte wie sie Grace.
Sie spürte etwas Kühles, Gebogenes an ihrer Handfläche. Grace zuckte zusammen und schaute nach unten. Sie hatte einen Becher Wasser in der Hand. Hilda stand nervös vor ihr. Sie musste den Becher aus dem Krug auf dem Waschtisch gefüllt haben. Grace hatte nicht einmal bemerkt, dass sie sich bewegt hatte.
»Danke«, sagte Grace automatisch und trank einen Schluck.
»Ich weiß, dass ihr euch nicht besonders nahe standet ...«, sagte Hilda, setzte sich neben sie und machte sich bereit, Grace zu trösten und mehr herauszufinden.
Grace wollte einfach nicht daran denken. Es tat zu weh zu glauben, dass Bridget ebenso verschwunden war wie ihre Mutter. War sie auch ebenso in den Tod gegangen, um zu einem weiteren Gespenst zu werden, das durch die Landschaft von Graces Leben driftete?
Nein. Nein, sicher nicht. Grace schloss die Augen, als könnte sie sich damit gegen diese Möglichkeit schützen. Nicht auch noch Bridget.
Ich werde nicht ... ich kann jetzt nicht daran denken. Grace rang um Fassung. »Ich habe einen Termin, Hilda.«
Die andere Frau lehnte sich zurück und starrte sie an. »Grace, es geht dir nicht gut. Du hattest einen Schock.«
Ja, es ist ein Schock, aber das sollte es nicht sein. Ich wusste tief im Herzen, dass sie gehen würde. Wusste es, als dieser Mann herkam, wusste es, als sie sich von mir abwandte ... »Ja, ein Schock. Aber wie du schon sagtest, wir standen einander nicht besonders nahe, und immerhin ...« Sie holte tief Luft. »Es war nur zu erwarten, wenn man bedenkt, dass meine Schwester ebenso ...« Verschwunden ist. Mit einem Mann davongelaufen ist. Mich allein gelassen hat mit unserem Vater und Bruder, bis ich aus dem Haus geworfen wurde. Grace winkte ab, unfähig, den Satz zu beenden. »Bitte, Hilda, ich muss alles für meine Kundin vorbereiten.«
»Also gut.« In der Pause nach diesen beiden Worten wartete ein: »Ich habe es nur gut gemeint.« Als Grace nicht bereit schien, dies anzuerkennen, wickelte Hilda sich die Enden ihres Tuchs umständlich um die Arme und stand auf, den Mund zu einer dünnen Linie zusammengekniffen. »Wenn das so ist, dann sollte ich wohl lieber gehen.«
Grace berührte Hildas Arm und beschwor etwas von ihren schauspielerischen Fähigkeiten herauf. »Ich danke dir für dein Verständnis, Hilda. Du bist so rücksichtsvoll. Ich weiß nicht, was ich ohne eine Freundin wie dich anfangen sollte.«
Das schien Hilda zu besänftigen. Sie tätschelte Graces Hand fürsorglich. »Ich werde später noch einmal bei dir vorbeischauen.«
»Danke, das ist wirklich sehr nett von dir.«
Hildas verkniffene Miene entspannte sich und nahm einen Ausdruck katzenhafter Zufriedenheit an. »Also gut, dann gehe ich jetzt.« Zu Graces Erleichterung ließ sie diesen Worten Taten folgen und schloss die Tür mit großer Geste betont leise.
Sobald das Schloss klickte, stand Grace auf und machte sich an die Arbeit. Ihrer Routine zu folgen würde helfen, die Gedanken zu ersticken. Das hoffte sie jedenfalls. Sie schloss die Läden über den vereisten Fenstern und zog die rosa Gardinen vor, so dass nur noch ein paar Wintersonnenstrahlen hereinfielen und die Staubkörner schimmern ließen. Dann legte sie Holz nach. Mit einiger Mühe, denn ihre Hände waren nicht so ruhig, wie sie sein sollten, zündete sie die Lampe neben ihrem Arbeitstisch an und rückte danach den fransenbesetzten Schirm wieder zurecht. Sie hatte den Docht getrimmt, so dass die Lampe nun eher eine Andeutung von Licht als wirkliche Helligkeit spendete.
Und die ganze Zeit über sah sie Bridgets Gesicht vor ihrem geistigen Auge, stolz und zornig und vor allem einsam.
Ich hätte es ihr sagen sollen. Grace biss sich auf die Lippe. Ich hätte ihr sagen sollen, dass ich gut weiß, wie es ist, einsam zu sein. Ich hätte ihr sagen sollen, dass es Schlimmeres gibt. Viel, viel Schlimmeres, und dass ich auch das kenne. Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass sie geht. Ich hätte ...
Tränen brannten in Graces Augenwinkeln. Sie verbiss sie sich mit der Kraft, die sie in langen Jahren entwickelt hatte. Ihre Mutter hätte mich nicht verlassen dürfen, sagte sie sich. Was Bridget zugestoßen ist, ist Ingrids Schuld, nicht meine.
Sie zupfte die lange geblümte Decke auf ihrem Arbeitstisch zurecht, die die Tatsache verbarg, dass dieser Tisch aus Weidengeflecht bestand und leicht zum Wackeln gebracht werden konnte, falls ein dramatischer Effekt notwendig sein sollte. Ihre Kristallkugel bewahrte sie zugedeckt auf einem zweiten, kleineren Tisch auf, für den Fall, dass sie nicht nur mit den Geistern kommunizieren, sondern auch in die Zukunft oder die Vergangenheit schauen sollte.
Schließlich ließ sie sich auf ihrem alten Ohrensessel nieder und strich ihr Haar...
„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
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