Verwandte Artikel zu Frevel: Roman: Roman. Deutsche Erstausgabe (Goldmann...

Frevel: Roman: Roman. Deutsche Erstausgabe (Goldmann Allgemeine Reihe) - Softcover

Egeland, Tom

 
9783442460922: Frevel: Roman: Roman. Deutsche Erstausgabe (Goldmann Allgemeine Reihe)

Inhaltsangabe

Ein historischer Thriller der Extraklasse: raffiniert und packend geschrieben

Bei archäologischen Ausgrabungen in einem norwegischen Kloster wird scheinbar zufällig ein alter, goldener Schrein gefunden. Als der Leiter der Ausgrabung den kostbaren Fund unterschlagen will, beschließt Bjørn Beltø, der Kontrolleur der Ausgrabung, den sagenumwobenen „Schrein der Heiligen Geheimnisse“ an sich zu nehmen, um seinen mysteriösen Inhalt zu ergründen. Seine Recherchen führen ihn über London bis nach Israel, wo er den dunklen Machenschaften des Geheimordens der „Wächter des Schreins“ gefährlich nahe kommt …



Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Tom Egeland, geboren 1959, gilt als einer der meistgelesenen Thriller-Autoren Norwegens. Zwei Jahre vor dem Erscheinen von Dan Browns »Sakrileg« schrieb Tom Egeland seinen internationalen Bestseller »Frevel«, der in 18 Sprachen übersetzt wurde. Von 1992 bis 2006 arbeitete Tom Egeland als Nachrichtenchef bei dem norwegischen Fernsehsender TV2 in Oslo, seit 2006 widmet er sich ganz dem Schreiben.

Aus dem Klappentext

"Der norwegische 'Da Vinci Code'."
Aftenposten

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

An dem Tag, an dem Grethe starb, begann es am späten Nachmittag zu regnen.
Durch den Vorhang des Regens sehe ich den Fjord, blank und kalt, wie eine Flut hinter den kahlen Büschen. Stunde um Stunde starre ich auf die Tropfen, die an der Scheibe herabrinnen. Ich denke nach. Ich schreibe. Auf dem Fenster formen die Böen ein wogendes Gitter aus Wasser.
Ich habe den Schreibtisch ans Fenster geschoben. So kann ich schreiben und gleichzeitig hinausschauen. Im Spülsaum treiben Fetzen verrottenden Tangs. Das Meer schwappt müde an die Felsen am Ufer. Eine Seeschwalbe schreit halbherzig und lebensmüde.
Die Äste der Eiche draußen auf dem Hof strecken sich nass und schwarz in alle Richtungen; noch immer klammern sich einige Blätter an die Zweige, als wollten sie es nicht wahrhaben, dass der Herbst auch sie bald zu sich holen wird.
Es war Sommer, als Papa von uns ging. Er wurde einunddreißig Jahre alt, vier Monate, zwei Wochen und drei Tage. Ich hörte seinen Schrei.
Die meisten meinen, es sei ein Unfall gewesen.
In der ersten Zeit nach seinem Tod kapselte Mama sich in einem Kokon aus stiller Trauer ein. Dann begann sie - in einer Art Metamorphose, über die ich nie wirklich hinweggekommen bin - zu trinken und mich zu vernachlässigen. Es gab Gerede. Der kleine Weg zu uns bekam Augen und Ohren, und im Dorfladen wurden mir mitfühlende Blicke zugeworfen. Die Kinder sangen böse Lieder über sie. Mit Kreide malten sie sie nackt auf den Asphalt des Schulhofs. Manche Erinnerungen kleben an einem wie Leim.
Natürlich waren sie hier, während ich weg war. Durchsuchten Raum für Raum. Und beseitigten ihre Spuren. Als hätte sie niemals existiert.
Aber unfehlbar sind sie nicht. Sie haben die vier Seidenbänder übersehen, die schlaff von den Bettpfosten herabhängen.
Im Tagebuch halte ich all das fest, was mir im Sommer widerfahren ist.
Hätte ich nicht die langsam verheilenden Wunden und diesen brennenden Juckreiz, würde ich denken, der Sommer wäre eine einzige, zusammenhängende Wahnvorstellung gewesen und ich befände mich in meinem Zimmer in der Klinik. In einer Zwangsjacke. Voll gestopft mit Diazepam. Vielleicht werde ich nie etwas von dem verstehen, was geschehen ist. Das macht nichts. Das wenige, was ich verstanden habe oder nicht, reicht mir vollkommen.
Das Tagebuch hat einen dicken ledernen Einband. Ganz unten rechts auf dem Umschlag steht mein Name in goldenen Lettern. Tagebuch von Bjorn Belto.
Es gibt zwei Arten von Archäologie. Die historische. Und die seelische: Ausgrabungen im Hirn.
Der Stift kratzt über das Papier. Still spinne ich mein Netz aus Erinnerungen.

ERSTER TEIL

Der Archäologe

I

Das Rätsel

Ich hocke inmitten eines Musters aus exakt gleich großen Vierecken und suche nach der Vergangenheit. Die Sonne brät mir in den Nacken. Meine Handflächen sind voller Blasen, die schrecklich brennen. Ich bin schmutzig und verschwitzt. Ich stinke. Mein T-Shirt klebt wie ein zähes, altes Pflaster an meinem Rücken.
Der Wind und das Graben haben eine feine Schicht Sand aufgewirbelt, die wie eine braungraue Staubkuppel über dem Feld liegt. Der Sand sticht in den Augen. Die Staubwolke trocknet meinen Mund aus und pudert mein Gesicht; die Haut fühlt sich an wie eine rissige Hülle. Ich stöhne leise. Es ist nicht zu fassen, dass ich einmal von einem solchen Leben geträumt hatte. Wir müssen ja alle von irgendetwas leben...
Ich niese.
»Gesundheit!«, ruft eine Stimme. Verwundert drehe ich mich um. Alle sind mit ihrer Arbeit beschäftigt.
Die Vergangenheit ist nicht so leicht zu finden. Dabei liegt sie nur ein paar Spatenstiche unter der obersten Bodenschicht. In dem aufgekratzten Viereck zwischen meinen verdreckten Turnschuhen taste ich mich mit den Fingerkuppen durch rohen Humus. Die Kulturschicht, zu der wir uns vorgearbeitet haben, ist achthundert Jahre alt. Kompostgestank liegt schwer in der Luft. In einem seiner Lehrbücher, Archaeological Analysis of the Ancient, schreibt Professor Graham Llyleworth: »Aus dem dunklen Moder der Erde strömt uns die stumme Botschaft der Vergangenheit entgegen.« Hat man so etwas schon gehört? Professor Llyleworth ist einer der bekanntesten Archäologen der Welt. Aber er treibt es mit der Lyrik etwas zu weit. Man muss ihm seine Fehltritte verzeihen.
Jetzt sitzt er im Schatten unter einem Laken, das über vier Pfosten aufgespannt ist. Er liest, pafft eine unangezündete Zigarre. Er sieht unerträglich klug aus, voll grauhaariger, pompöser Würde, die er nicht im Geringsten verdient hat. Vermutlich träumt er von einem der Mädchen, die ihren halbentblößten Po in den Himmel strecken. Manchmal sieht er zu uns herüber, und seine Augen scheinen dann zu sagen: Früher habe ich auch einmal so wie ihr in der Sonne gehockt und geschwitzt, aber das ist lange her.
Ich schiele durch dicke, getönte Brillengläser. Sein Blick streift den meinen und bleibt ein, zwei Sekunden hängen. Dann gähnt er. Ein Windhauch bläht das aufgespannte Laken. Es ist viele Jahre her, dass er sich von jemandem mit Dreck unter den Fingernägeln hat herausfordern lassen.
»Mr. Belto?«, sagt er übertrieben freundlich. Bislang habe ich noch keinen Ausländer getroffen, der meinen Namen richtig ausspricht. Er winkt mich zu sich. Wie die Sklaventreiber im letzten Jahrhundert ihre Negerjungen zu sich beordert haben. Ich klettere aus dem metertiefen Schacht heraus und wische mir den Dreck von der Jeans.
Der Professor räuspert sich. »Nichts?«
Ich breite die Hände aus und baue mich in einer spöttischen Habt-Acht-Stellung vor ihm auf, die er aber leider nicht zu bemerken scheint.
»Nichts!«, krächze ich auf Englisch.
Mit fast unverhohlener Verachtung sieht er mich an und fragt: »Alles in Ordnung? Sie sehen blass aus heute!« Dann lacht er. Und wartet auf eine Reaktion. Ich denke nicht eine Sekunde daran, sie ihm zu geben.
Viele erachten Professor Llyleworth als boshaft und machtsüchtig. Er ist nichts von beidem. Die herablassende Art entspricht seiner Natur. Das Weltbild des Professors und seine Meinung über die winzigen menschlichen Kreaturen, die an seinem Hosenbein herumfingern, wurde früh im Leben gebildet und wie in Beton gegossen. Wenn er lächelt, geschieht dies mit einer distanzierten und überlegenen Gleichgültigkeit. Wenn er zuhört, tut er dies aus aufgezwungener Höflichkeit (die ihm seine Mutter mit dem Rohrstock eingebläut haben muss). Wenn er etwas sagt, bekommt man leicht den Eindruck, er sei das Sprachrohr unseres Herrn.
Llyleworth schnippt einen Samen weg, den der Wind an seinen maßgeschneiderten grauen Anzug geheftet hat. Er legt die Zigarre auf den Feldtisch. Mit einem wasserfesten Stift markiert er jeden Schacht, der gegraben und ausgehoben worden ist. Ausdruckslos nimmt er die Kappe vom Stift und zeichnet ein Kreuz in das Feld 003/157 auf dem Plan, der auf dem Tisch unter dem aufgespannten Tuch liegt. Dann winkt er mich mit einer müden Handbewegung weg.
Auf der Universität haben wir gelernt, dass jeder von uns bis zu einem Kubikmeter Erde pro Tag bewegen kann. Der Abraumhaufen neben dem Schüttelsieb zeigt, dass es ein guter Vormittag war. Ina, die Studentin, die die Erde, die wir ihr auf Tabletts und mit Schubkarren liefern, noch einmal genauestens durchkämmt, hat nur ein paar Webgewichte und einen Kamm gefunden, die die Ausgrabungsteams übersehen haben. In einer engen kurzen Hose, einem weißen T-Shirt und viel zu großen Gummistiefeln steht sie in einer Schlammpfütze. In der Hand hält sie einen grünen Gartenschlauch mit einem undichten Sprühkopf.
Sie ist verflucht süß. Ich sehe zum zweihundertzwölften Mal an diesem Vormittag zu ihr hinüber, doch sie blickt nie in meine Richtung.
Die Muskeln schmerzen. Ich sacke auf dem Klappstuhl zusammen, der zum Schutz vor der Augustsonne im Schatten einer Hecke steht. Dies ist meine Ecke, mein Zufluchtsort. Von hier aus habe ich einen Überblick über die Ausgrabungsstätte. Ich liebe es, den Überblick zu haben. Hat man den Überblick, hat man auch die Kontrolle.
Jeden Abend unterzeichne ich nach dem Sortieren und Katalogisieren die Liste der Fundstücke. Llyleworth findet mich übertrieben misstrauisch, weil ich darauf bestehe, dass die Artefakte in den Pappkartons mit seiner Liste übereinstimmen. Bis jetzt habe ich ihn nicht bei einer einzigen Ungenauigkeit ertappt. Aber ich traue ihm nicht. Ich bin hier, um zu kontrollieren. Das wissen wir beide.
Der Professor dreht sich wie zufällig um, um zu überprüfen, wo ich geblieben bin. Ich werfe ihm einen munteren Pfadfindergruß zu: zwei Finger an der Stirn. Er erwidert den Gruß nicht.
Im Schatten geht es mir am besten. Ein Defekt in meiner Iris bewirkt, dass grelles Licht im hinteren Teil meines Kopfes wie eine Wolke aus Splittern explodiert. Für mich ist die Sonne eine Scheibe des konzentrierten Schmerzes. Deshalb blinzle ich oft. Einmal hat ein Kind zu mir gesagt: Deine Augen sehen so aus, als würde einer mit Blitzlicht fotografieren.
Mit dem Rücken zum Materialcontainer überblicke ich das Ausgrabungsareal. Die weißen Schnüre des Koordinatensystems formen quadratische Felder, die eines nach dem anderen ausgehoben werden. Ian und Uri stehen hinten am Nivelliergerät und Teodoliten. Sie diskutieren, während sie über das Netz schauen und mit den Armen zu den Achsen des Koordinatensystems zeigen. Einen Moment lang stelle ich mir amüsiert vor, dass wir am falschen Ort graben. Dass der Professor in seine blöde Pfeife bläst und ruft: »Stopp, wir graben am falschen Ort!«, aber an ihren Gesichtern erkenne ich, dass sie lediglich ungeduldig sind.
Wir sind insgesamt siebenunddreißig Archäologen. Die Assistenten des Professors (Ian, Theodore und Pete von der Universität Oxford, Mosche und David von der Hebräischen Universität Jerusalem und Uri vom Schimmer-Institut) leiten jeweils eine Gruppe von norwegischen Diplomstudenten.
Ian, Theodore und Pete haben ein fortschrittliches Computerprogramm für archäologische Ausgrabungen entwickelt, das auf Infrarot-Satellit...

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.