Ein packender Psychokrimi um eine unheimliche Mordserie in London
Eine grausame Mordserie erschüttert die Londoner Öffentlichkeit: Bereits drei junge Frauen sind tot aufgefunden worden. Und der Täter behält von seinen Opfern immer einen persönlichen Gegenstand – offenbar als Souvenir. Als sich bei einer der Ermordeten eine Bisswunde im Nackenbereich findet, hat die Boulevardpresse endlich ihre Schlagzeile: Ab sofort nennt man den unheimlichen Mörder nur noch „den Rottweiler“ …
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Ruth Rendell wurde 1930 in South Woodford/London geboren. Zunächst arbeitete sie als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Seitdem hat sie über dreißig Bücher veröffentlicht. Dreimal bereits erhielt sie den Edgar-Allan-Poe-Preis und zweimal den Golden Dagger Award. 1997 wurde sie mit dem Grand Master Award der Crime Writers' Association of America, dem renommiertesten Krimipreis, ausgezeichnet und darüber hinaus von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben. Ruth Rendell, die auch unter dem Pseudonym Barbara Vine bekannt ist, lebt in London.
"Ruth Rendells Romane sind ein Spiegel aller Spielarten menschlicher Schwächen und Täuschungsmanöver."
Donna Leon
"Der Name Ruth Rendell steht seit dreißig Jahren für psychologisch raffinierte, gesellschaftskritische und literarisch anspruchsvolle Spannungsliteratur."
Brigitte
"Ruth Rendell ist ohne Frage eine der besten Krimiautorinnen der Welt. Eine Meisterin im Aufdecken der Abgründe unter der Decke einer scheinbar kleinbürgerlichen Wohlanständigkeit."
Frankfurter Rundschau
Der Jaguar stand in einer Ladenecke zwischen der Statue einer unbedeutenden griechischen Gottheit und einem Blumenständer. Dass die meisten Leute beim Wort »Jaguar« automatisch an ein Auto dachten und nicht an ein Tier, sprach nach Inez' Ansicht wahre Bände über unsere heutige Welt. Einst hatte der schwarze Bursche, der ungefähr so groß war wie ein riesiger Hund, im Dschungel gehaust, wo ihn der Großvater eines unbekannten Kunden, ein Großwildjäger, geschossen hatte und ausstopfen ließ. Besagter Unbekannte hatte ihn gestern in den Laden gebracht und Inez angeboten. Zuerst für zehn Pfund, schließlich umsonst. Dieses Ding im Haus zu haben, sei peinlich, hatte er gemeint, schlimmer noch, als sich in einem Pelzmantel sehen zu lassen.
Inez nahm ihn nur, um den Typen loszuwerden. Sie hatte sich eingebildet, der Jaguar habe sie aus gelben Glasaugen vorwurfsvoll angesehen. Sentimentaler Blödsinn, schalt sie sich insgeheim. Wer sollte so etwas kaufen? Vielleicht würde das Ding am nächsten Morgen um Viertel vor neun attraktiver aussehen, hatte sie gedacht, aber es hatte sich nicht verändert. Sein Pelz fühlte sich struppig an, es wirkte steif und schaute bedrohlich. Sie drehte ihm den Rücken zu und setzte in der kleinen Küche hinter dem Laden den Wasserkessel für den Tee auf, den sie immer für sich kochte und in der letzten Zeit stets gemeinsam mit Jeremy Quick aus dem Dachgeschoss trank.
Pünktlich wie immer klopfte er an die hintere Tür und kam herein, während sie das Tablett in den Laden zurücktrug. »Inez, wie geht es Ihnen heute?«
Er - und nur er - sprach ihren Namen so aus, wie man es in Spanien tat: liineth. Außerdem hatte er ihr erzählt, warum der Name in Spanien, anders als in Südamerika, so ausgesprochen wurde: Einer der spanischen Könige habe gelispelt, und das habe man aus Hochachtung vor ihm nachgeahmt. Obwohl dies für sie nach reiner Erfindung klang, war sie zu höflich, um es laut zu sagen. Sie reichte ihm seine Teetasse mit einer Süßstofftablette auf dem Löffel. Er spazierte immer mit seiner Tasse herum.
»Um Himmels willen, was ist denn das?«
Sie hatte seine Frage kommen sehen. »Ein Jaguar.«
»Wird den einer kaufen?«
»Vermutlich wird es ihm so gehen wie dem grauen Lehnstuhl und der Chelsea-Porzellanuhr. Sie werden mir bis ans Ende meiner Tage bleiben.«
Er tätschelte den Tierschädel. »Zeinab noch nicht da?«
»Ach, woher! Sie behauptet, sie hätte kein Zeitgefühl. Wenn das so ist, habe ich gesagt, wenn du schon kein Zeitgefühl hast, warum kommst du dann nie zu früh?«
Er lachte. Er ist ziemlich attraktiv, dachte Inez nicht zum ersten Mal. Selbstverständlich war er für sie viel zu jung, oder nicht? Heutzutage vielleicht nicht mehr, da sich die Ansichten über solche Dinge allmählich änderten. Er schien höchstens sieben oder acht Jahre jünger als sie zu sein. »Ich mache mich dann besser auf den Weg. Manchmal denke ich, dass ich überpünktlich bin.« Vorsichtig stellte er seine Tasse samt Untertasse wieder aufs Tablett. »Offensichtlich hat es einen weiteren Mord gegeben.«
»Oh, nein.«
»Es kam in den Acht-Uhr-Nachrichten. Und gar nicht weit von hier. Ich muss los.«
Er erwartete nicht, dass sie die Ladentür aufsperrte, um ihn hinauszulassen, sondern nahm denselben Weg, den er gekommen war, und betrat die Star Street durch den Mietereingang. Inez hatte keine Ahnung, wo er arbeitete, vermutlich irgendwo am nördlichen Stadtrand. Wahrscheinlich hatte seine Tätigkeit irgendetwas mit Computern zu tun, wie bei so vielen Leuten heutzutage. Er hatte eine Mutter, an der er hing, und eine Freundin, doch über seine Gefühle zu ihr ließ er nie ein Wort fallen. Nur ein einziges Mal hatte er Inez in seine Dachwohnung eingeladen, wo sie die minimalistische Einrichtung und seinen Dachgarten bewundert hatte.
Um neun Uhr öffnete sie die Tür und trug den Bücherständer auf den Gehsteig hinaus. Hier hinein kamen nur uralte Taschenbücher von längst vergessenen Autoren, aber ab und zu verkaufte sich doch eines für 50 Pence. Am Randstein hatte jemand einen total verdreckten weißen Van geparkt. Inez entzifferte einen Zettel, der an der Heckscheibe angebracht war: Nicht waschen. Fahrzeug nimmt an einer wissenschaftlichen Schmutzanalyse teil. Sie musste lachen.
Schönes Wetter kündigte sich an. Hinter der niedrigen Reihenhauszeile mit den hohen dreistöckigen Geschäftshäusern am Eck ging eben die Sonne am zartblauen Himmel auf. Noch schöner wäre es gewesen, wenn auch die Luft frisch gewesen wäre, statt nach Diesel, Abgasen, grünem Curry und den Hinterlassenschaften von Männern zu stinken, die sich zu nächtlicher Stunde an den Plakatwänden erleichtert hatten. Aber so war es eben, das moderne Leben. Sie wünschte Mr. Khoury, der gerade - vielleicht etwas zu optimistisch - die Markise des Juweliergeschäfts nebenan hervordrehte, einen guten Morgen.
»Guten Morgen, gnädige Frau.« Wie immer klang er düster und verdrossen.
»Ich hätte da einen Ohrring, bei dem fehlt der - wie heißt das? - der Stecker«, sagte sie. »Könnten Sie den reparieren, wenn ich ihn später vorbeibringe?«
»Wollen mal sehen.« Das sagte er immer. Als würde er einem einen Gefallen erweisen. Dabei reparierte er die Dinge immer. Zeinab kam atemlos die Star Street heruntergelaufen. »Hi, Mr. Khoury. Hi, Inez. Tschuldigung, bin spät dran. Sie wissen doch, ich habe kein Zeitgefühl.«
Inez seufzte. »Jedenfalls erzählst du mir das immer.«
Ehrlicherweise - und ehrlich war Inez meistens - musste sie sich eingestehen, dass Zeinab ihren Job nur aus einem einzigen Grund behielt: Ihre Mitarbeiterin war eine bessere Verkäuferin als sie selbst. Wie hatte Jeremy einmal gesagt? Zeinab könnte einem Tierschützer einen Elefantentöter verkaufen. Selbstverständlich hatte sie das teilweise ihrem Aussehen zu verdanken. Zeinabs Schönheit war der Grund, warum so viele Männer hereinkamen. Inez machte sich nichts vor; sie besaß genügend Selbstbewusstsein, aber ihr war klar, dass sie schon bessere Tage gesehen hatte. Mit fünfundfünfzig war sie zwangsläufig keine Konkurrenz mehr, auch wenn sie früher einmal genauso gut ausgesehen hatte wie Zeinab. Welten lagen zwischen ihr und der Frau, die sie gewesen war, als Martin sie vor zwanzig Jahren zum ersten Mal gesehen hatte. Heute würde kein Kerl von der anderen Straßenseite herüberkommen, um ihr ein Keramikei oder einen viktorianischen Kerzenständer abzukaufen.
Zeinab glich dem weiblichen Star aus einem jener Bollywood-Filme. Ihre schwarzen Haare reichten nicht nur bis zur Taille, sondern sogar noch bis auf ihre schlanken Oberschenkel. Mit dieser Haarpracht hätte sie splitterfasernackt auf einem Pferd die Star Street entlang reiten können und wäre dabei doch nach allen Regeln des Anstands gekleidet gewesen. Ihr Gesicht sah aus, als hätte man die besten Details aus einem halben Dutzend moderner Filmstargesichter genommen und zu einem einzigen verschmolzen. Wenn sie lächelte, wurde jedes Männerherz schwach und sämtliche Männerknie wurden weich. Ihre Hände glichen den zarten Blütenkelchen eines Tropenbaumes und ihr Teint einem Lilienblatt, das die Abendsonne streift. Immer trug sie superkurze Röcke und ultrahohe High-Heels, dazu im Sommer strahlend weiße T-Shirts und ebenso weiße flauschige Pullover im Winter. In einem ihrer perfekten Nasenflügel prangte ein einzelner Diamant oder sonst ein Glitzerstein.
Ihre Stimme war weniger attraktiv. Merkwürdigerweise hatte ihr Akzent nichts vom liebenswert-musikalischen Tonfall der Oberschicht aus Karatschi an sich, sondern erinnerte mehr an Eliza Doolittles Cockney aus Lisson Grove. Und das, obwohl ihre Eltern in Hampstead wohnten und sie, laut eigener Aussage, praktisch eine Prinzessin war. Heute trug sie einen schwarzen Lederrock, eine blickdichte schwarze Strumpfhose und einen Pulli, der an das Fell eines Angorakaninchens erinnerte: schneeweiß und flauschig wie Schwanendaunen. Mit ihrer Teetasse in der einen Hand schwebte sie anmutig durch den...
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