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Stunde und Tag: Roman - Softcover

Asscher, Maarten

 
9783442732630: Stunde und Tag: Roman

Inhaltsangabe

Der große Traum von Freiheit, die Schrecken der Vergangenheit - und eine Liebe auf Kreta. Thomas, ein zäher Karrieretyp, hat genug! Er will aussteigen und sich ein schönes Leben auf Kreta machen. Doch bald stellt sich heraus, dass das idyllisch gelegene Grundstück, auf dem er bauen will, einem ehemaligen Wehrmachtssoldaten gehört, der seine Zustimmung geben muss. Thomas macht sich auf die Reise, während Arthur und Galia, zwei alte Freunde aus Amsterdam, auf Kreta bleiben. Für die beiden beginnt eine leidenschaftliche Beziehung, Thomas hingegen wird von einem düsteren Kapitel europäischer Geschichte eingeholt - und muss eine schreckliche Entdeckung machen . "Spannend von Anfang bis Ende." De Telegraaf.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Maarten Asscher, geboren 1957, studierte Assyriologie und Jura, bevor er sich der Verlagsarbeit und seiner eigenen Tätigkeit als Schriftsteller zuwandte. Als Verleger trug er dazu bei, dass Autoren wie Giorgio Bassani, Marcel Möring, Carlos Fuentes, Primo Levi oder Amos Oz in ihrer literarischen Bedeutung in den Niederlanden anerkannt wurden. Er selbst übertrug u.a. Gedichte von Thomas Gry, Paul Valéry und Fernando Pessoa. Neben Kolumnen und Rezensionen in großen Zeitungen veröffentlichte Maarten Asscher Gedichte, Kurzgeschichten und Novellen. Von 1998 bis 2003 hatte er ein hohes Amt im niederländischen Ministerium für kulturelle Angelegenheiten inne. Seitdem ist er Direktor der Amsterdamer Athenaeum Buchhandlung.

Aus dem Klappentext

"Spannend von Anfang bis Ende."
De Telegraaf.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

KAPITEL I

Eine Einladung

15. August 1981

Allerbester Arthur, altes Haus,

du kommst nie drauf, woher ich dir schreibe! Deshalb werde ich's dir verraten: von einer Insel im Mittelmeer, dreihundert Kilometer nördlich der libyschen Hafenstadt Tobruk. Klingt doch gut, oder? In Luftlinie ist Tobruk genauso weit entfernt wie Köln von Amsterdam oder Paris von Brüssel. Aber es ist Kreta. Einfach Kreta! Bist du hier nicht mal mit Lydia in Urlaub gewesen? (Entschuldige, dass ich den Namen erwähne.) Egal, ich bin jetzt hier, und wenn es nach mir geht, wird das bald garantiert häufiger so sein. Die letzten Jahre im Zeitschriftengeschäft, zusammen mit Stephen B. - diese Sache ist vorbei. Zuerst habe ich ihn ausbezahlt, das war gepokert, denn ich musste mich dafür gewaltig in Schulden stürzen. Aber es hat sich fantastisch gelohnt, denn kaum ein Jahr später, in diesem Sommer, habe ich mit dem Verkauf des ganzen Ladens den absoluten Deal gemacht. Jetzt will ich nach der jahrelangen Plackerei auch mal was Ordentliches tun, so richtig, mit den eigenen Händen. Nicht bloß am laufenden Meter telefonieren. Und deshalb - halt dich fest - habe ich hier auf Kreta ein Grundstück gekauft. Nur ein langer Streifen Land mit einer kleinen Armee knorriger Olivenbäume und einem alten Steinplateau in der einen Ecke. Daran will ich mich jetzt gründlich abarbeiten, nachdem ich endlich von dem ganzen Gequatsche mit Wirtschaftsprüfern, Steuerberatern, Bankleuten und sonstigem Gesindel erlöst bin.
Aber du, wie geht's dir und deinem Vater? Schreib mir die letzten Neuigkeiten über seine Aussichten nach der Operation. Hast du Spaß dran, Leuten etwas beizubringen, oder fehlt dir dazu die Zeit? Oder hast du in diesem Semester keine Lehrverpflichtung und arbeitest an deinem Shakespeare? Macht dich dieses endlose Gerede über Haushaltspläne und Output nicht völlig verrückt, wer über was zu bestimmen hat und wer dabei alles mitreden darf? Man könnte glauben, dass all diese Dozenten und Studenten lieber den Unternehmer mimen, als in der Wissensvermittlung und der Forschung zu arbeiten. Vielleicht ist es an der Philfak nicht ganz so schlimm, so ohne Geräte und Labore. Ich wünsche es dir. Und ist es noch was geworden mit dieser Liane oder hast du's wieder zu philosophisch angepackt? Ehrlich gesagt, gelegentlich wirkst du fünf Jahre älter als ich statt fünf Jahre jünger. Wie viel vernünftiger du in Liebesdingen operierst. Ob das immer geschickt ist, wäre natürlich die zweite Frage, haha. Kurz und gut, es gibt vieles, worüber wir uns mal unterhalten sollten. Und das werden wir auch, was mich betrifft, bald tun. Aber zuerst will ich dir erzählen, was ich hier treibe und wie ich diese Stelle gefunden habe.
Letzte Woche bin ich auf Kreta gelandet. Weshalb Kreta? Ach, das lief - dir muss ich das nicht lange erklären - ziemlich impulsiv. Ehrlich gesagt waren dabei keine höheren humanistischen Überlegungen im Spiel. Ich habe mir vor allem die Wetterkarte genau angesehen, und dabei kam das hier raus. In Amsterdam riecht es frühmorgens schon nach Herbst, aber hier herrscht seit fünftausend Jahren Dauersommer. Was für ein herrlicher Empfang ist es doch, auf einem südlichen Flughafen im heißen Wind eine Gangway hinunterzuschreiten. Zuerst dachte ich, ich stünde im Luftstrom der sich noch drehenden Triebwerke, so unwirklich fühlte es sich an. Allerdings musste ich meine Urlaubslaune gleich wieder abschütteln, denn es gab eine Menge zu tun.
Die ersten Nächte habe ich in einem Hotel in Heraklion verbracht, leider. Heraklion ist eine hässliche laute Stadt. Praktisch war es schon, denn so konnte ich am nächsten Tag bei einer Reihe von Maklern vorbeischauen. Herrliche Typen, auf der ganzen Welt, aber vor allem hier im Süden. Beim ersten Kaffee, den sie dir anbieten, tun sie so, als ob du, und nur du allein, den Superschleuderpreis bekämst, bei dem du in deinem eigenen Interesse am besten sofort zugreifen solltest. Nach ein paar Sondierungsgesprächen beschloss ich, mich mit einem gewissen Kaloudis aufs offene Meer zu wagen (du meinst wohl »in die Berge«, höre ich dich denken, stimmt's?). Er verstand schon, was ich suchte: einfach ein schönes, stilles, altes Fleckchen Kreta, mit der Möglichkeit, darauf ein kleines Haus zu bauen. Er verstand es sogar so gut, dass er anfing, mich in ein paar Dörfern gleich dem ansässigen Zimmermann und dem Fliesenleger vorzustellen. Und alle Formalitäten kann er auch für mich erledigen, denn angeblich hat er ausgezeichnete Kontakte. »Geschäftsleute, ehrlich wie Gold«, daran musste ich denken. Ich glaube, so hieß ein Buch, das ich mal als Pflichtlektüre lesen musste, aber außer dem Titel habe ich nichts behalten. Du wirst den Namen des Autors bestimmt noch kennen.
Ich wollte etwas finden, das ein Stück von der Küste entfernt lag, aber auch wieder nicht allzu weit weg. Dann ist man vom Flughafen aus mit dem Taxi wenigstens schnell zu Hause, und frühmorgens im Meer schwimmen ist auch noch drin. Mit diesem vagen Plan im Kopf zog ich mit Kaloudis los - ich sollte ihn unbedingt Pavlos nennen - auf einen stundenlangen Trip von Dorf zu Dorf. Er fuhr derartig rasant (das heißt, noch rücksichtsloser, als ich es getan hätte) über die nicht immer befestigten schmalen Straßen, dass ich zweimal mit dem Kopf gegen den Autohimmel knallte. Zum Glück kannte er den Weg und wusste überall genau, wo etwas zum Verkauf stand, bebaut oder unbebaut. Abgesehen von Olivenbäumen war dieses »Etwas« meist die Ruine eines Hauses oder eines Stalls voller Eselsmist oder Ziegenköttel. Das war mir egal. Was aufgeräumt werden musste, würde ich aufräumen. Was ich bauen musste, würde ich bauen. Es ging mir um das Erobern eines Stücks Land. Die Lage und was dort wächst, waren mir wichtiger als das Gebäude (oder die Reste davon). Ich fühlte mich wie ein Entdeckungsreisender, wie ein gestrandeter Seemann auf einer Insel, der eine passende Bleibe sucht. In Sangaraki hatte ich beinahe etwas an der Angel, nur war die Zufahrt zu dem Gelände miserabel, und ich ahnte jahrelangen Stress, bis ich drüberfahren könnte. Und in Strafori gab es zwar einen schönen Olivenhain genau am Hang, aber er war so groß, dass ich mich gleich eine riesige Meute Arbeiter befehligen sah, sobald es auf die Ernte zuginge. Es musste eine Beschäftigung bleiben und nicht in Schufterei ausarten, überlegte ich, und wir suchten weiter.
Pavlos fuhr mich - mit ewiger Zigarette im Mundwinkel - unerschütterlich zu all diesen Flecken und Dörfern, machte mit dem oder jenem ein Schwätzchen und bewies dabei eine ungeheure Energie. Das musste irgendwann belohnt werden. Am zweiten Tag, wir hatten einen Nachmittag und einen Morgen mit Herumkreuzen verbracht, fuhren wir in das Dörfchen Paleochanes - und es war so weit. Ein perfektes Grundstück, leicht hügelig, ziemlich flach, lang gestreckt von Südwest nach Nordost. Mit etwa sechzig alten Olivenbäumen. In der nordöstlichen Ecke ein wunderbares Plateau mit den Resten eines früheren Gebäudes. Kurzum, das Fundament liegt schon fix und fertig da. Und von dieser Terrasse hast du eine Aussicht sondergleichen. Zeitlos. Total mediterran. Ein Meer von Olivenbäumen, mit hier und dort einer Zypresse dazwischen. Ein Meer, das in der Ferne ganz von selbst ins echte Meer übergeht.
Ich habe sofort Ja gesagt. Der Preis war unfassbar günstig, auch wenn die wirklichen Kosten noch vor mir liegen. Seitdem gibt es für mich nichts Schöneres, als über mein Gelände zu wandern und (übrigens noch unbeleckt von jeder Sachkenntnis) den Olivenbäumen rechts und links beifällig zuzunicken. Sie hängen ziemlich voll, das wird also was. Die restliche Welt ist hier ganz weit weg. Telefonieren geht nur vom Dorf aus, das muss ich dir einmal eigens erzählen, das werde ich dir diesmal ersparen. Ein Brief ist wirklich am einfachsten (auch wenn es für meine Verhältnisse ein bisschen langsam geht). Ich sitze vor meinem kleinen Zelt und schreibe dir in dem Bewusstsein, dass ich jetzt meine ersten Nächte auf meinem eigenen Stück...

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