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Autopilot: Roman - Hardcover

Kron, Norbert

 
9783446201323: Autopilot: Roman

Inhaltsangabe

Michael Lindberg, erfolgreicher Produzent von Fernsehshows, hat sein Leben voll im Griff. Mit einem Mal jedoch wird sein Selbstwertgefühl von unerwarteter Seite angegriffen: er kann keine Kinder zeugen. Von nun an strebt Lindberg nur noch nach einem: sich für die Nachwelt unsterblich zu machen. Zum Beispiel mit dem perfekten Verbrechen...

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Der Befund

Es war ein früher Tag im März, und der Mann, der mir im weißen Kittel
gegenübersaß, klappte die Karteikarte zu wie einen Kofferraum, in dem eine
Leiche liegt. Evident, in seinen Augen mußte ich getroffen sein, mußte
fassungslose Fragen stellen oder langsam in mich zusammensinken - doch ich
spürte überhaupt nichts, schaute einfach nur geradeaus. Während der Arzt, mit
rollenden Augen hinter der Brille, Fachausdrücke herzusagen begann, lief in mir
schon das Szenario ab, das ich mir für den schlimmsten anzunehmenden Unfall
zurechtgelegt hatte. Selbstprojektionstechnik, helicopter view: Ich sah mich in
der Mitte des Sprechzimmers sitzen, ein Mann, der den unerwarteten Befund mit
wunderbarer Gelassenheit zur Kenntnis nahm, und ließ mir von der
Sprechstundenhilfe einen neuen Termin geben, als handle es sich um die
wöchentliche Buchung eines Golfplatzes. Der Märzwind, in den ich trat, wehte süß
von der Schokoladenfabrik herüber, und auch jetzt war ich fest davon überzeugt,
im Grunde würde sich nichts in meinem Leben ändern.
Ich überließ mich dem besänftigenden Ritual der Fahrbewegungen, Gasgeben,
Kuppeln, Höherschalten, Gasgeben, und horchte auf den warmen Klang des Motors,
der wie aus der Ferne zu mir ins Cockpit drang. Noch auf der Herfahrt hatte ich
sämtliche Testergebnisse mit ihren Konsequenzen durchgespielt, eine Rechnung mit
rund 60 Millionen Unbekannten - und drei möglichen Lösungen. Erste Möglichkeit,
best case scenario, mit mir war alles in Ordnung, ich konnte jederzeit Kinder
haben, genau wie erwartet. Dann hatten wir bisher einfach Pech gehabt, oder
irgendwas stimmte nicht bei Bea. Nicht daß wir es die ganze Zeit wie verrückt
darauf angelegt hatten, Kinder zu kriegen, aber seit wir vor einem
Dreivierteljahr mit der Verhüterei aufgehört hatten, war nicht das Geringste
passiert. Bea wurde im Sommer 30, biologisch gesehen hatte sie also jede Menge
Zeit, aber sie wollte Kinder bald oder gar nicht. Jung und flexibel genug sein,
um von den Kindern was zu lernen, und noch was vom Leben haben, wenn sie erstmal
aus dem Haus sind. An diesem Morgen hatte sie noch geschlafen, als ich
aufgebrochen war. Sie machte sich wegen alldem keine Sorgen. Ich zog ihr nach
dem Aufstehen die Decke über die Schultern, aber sie boxte sie im Schlaf maulend
zurück und drückte sich, um die Außenwelt abzuwehren, die Hand aufs Ohr. Da lag
sie, mit ihrem braunen Haarschopf und den glänzenden Wangen, in unserem riesigen
Bett. Ich wollte ihr beim Aufbruch noch einen Kuß auf die Schläfe geben, aber
auch die bedeckte sie mit der Hand.
Ich reihte mich ein in den dreispurigen Strom der Stadtautobahn, Blick in den
Spiegel, Spurwechsel, Gasgeben - kilometerweiter Asphalt, der mich jeden Morgen
von zu Hause in die Produktionsfirma trug. Das zweite Szenario besagte: Es gab
da ein Problem, aber es war lösbar. Das Ganze glich einer Marktanalyse, mit
deren Hilfe man ein schwieriges Produkt etabliert. Bea und ich mußten uns in
Ruhe zusammensetzen und die medizinische Fehlermeldung durchgehen. Man konnte
langsame Spermien mit irgendwelchen Medikamenten auf Trab bringen, oder man
entnahm sie direkt den Hoden für eine künstliche Befruchtung. Ich war zu derlei
Prozeduren bereit, ich sah in der Zeugung eine biologische Reaktion, die
nachvollziehbar und beeinflußbar war, und nicht einen Schöpfungsakt, in den man
nicht eingreifen durfte. Es war wie bei der letzten Show, die aus unerfindlichen
Gründen katastrophal angelaufen war, das Model machte sich blendend auf dem
Schirm, sie hob sich in der roten Cadillacattrappe ab wie ein Engel im
Fegefeuer, blauer Lichtstreif im blonden Haar, sogar die Gespräche, die sie
führte, hatten Drive; und trotzdem kam die Show bei den Leuten nicht an. Die
Quoten wollten einfach nicht steigen - bis eine ausführliche Marktuntersuchung
aufdeckte, daß die Werbetrailer im falschen Umfeld plaziert waren und das
Zielpublikum erst eine Stunde später einschaltete. Sich in Zusammenhänge
versetzen, nicht beim ersten Rückschlag aufstecken, das war doch das Geheimnis
meiner erfolgreichen Existenzgründung.
Ich rollte die Rampe in die Tiefgarage hinab, Kupplung kommen lassen,
Schrittgeschwindigkeit halten, das Leuchtdisplay zeigte eine halbe Stunde
Verspätung. Ich hatte mich auf die dritte Möglichkeit gefaßt gemacht, worst case
scenario, und mir gesagt, daß dann einfach alles beim alten blieb. Ich konnte
keine Kinder zeugen, das hieß, nichts in meinem Leben würde sich ändern. Ich
hatte keinen Tumor und keine HIV-Infektion, ich stand nicht vor dem unfaßlichen
Tatbestand einer Diagnose, die mein ganzes Dasein jäh ins Zeichen einer
tödlichen Krankheit stellte - alles, was ich hinnehmen mußte, war eine Änderung
meiner Selbstprojektion: Ich mußte mich von einem Bild verabschieden, das ich
mir für meine zukünftige Person gut vorstellen konnte, geradliniger
Geschäftsmann, dessen Karriere durch Kinder noch eine zusätzliche Bedeutung
erhält, erfolgsgewohnter Fernsehproduzent und Familienvater. Dieser Befund kam
unerwartet, evident, aber es machte keinen Sinn, sich am Unmöglichen
aufzureiben: Ich mußte die Unternehmensziele neu definieren, die meine eigene
corporate identity betrafen.

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