Brief in die Oase: Hundert Gedichte - Hardcover

Brodsky, Joseph

 
9783446207332: Brief in die Oase: Hundert Gedichte

Inhaltsangabe

Die umfangreichste Auswahl von Gedichten des russischen Nobelpreisträgers in deutscher Sprache. Joseph Brodsky war ein Dichter vielfältiger Masken und Metamorphosen, ein russischer Odysseus und vom Tod besessener Ironiker, ein Liebeselegiker, Exilant und Erforscher der Zeit, ein eingefleischter Skeptiker und energischer Verteidiger von Wert und Würde der Poesie. Mit diesem vorbildlich übersetzten Durchgang durch sein Werk erschließt sich erstmals der phänomenale Facettenreichtum des unvergessenen Lyrikers.

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Über die Autorinnen und Autoren

Joseph Brodsky, 1940 in Leningrad geboren, wurde nach einem Prozess wegen "Parasitentums" und fünfjähriger Zwangsarbeit 1972 aus der Sowjetunion ausgebürgert. Mit Hilfe des Dichters W. H. Auden emigirierte er in die USA, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1996 lebte. 1987 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Im Hanser Verlag erschien 2006 Brief in die Oase, eine umfangreiche und repräsentative Auswahl aus Brodskys dichterischem Werk.

Felix Philipp Ingold, geboren 1942 in Basel, lebt in Zürich. Veröffentlichungen zur Literatur- und Kunstgeschichte Russlands. Übersetzungen aus dem Französischen, Russischen und Tschechischen. Schrieb Prosa, Essays und Gedichte.

Raoul Schrott, geboren 1964, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Peter-Huchel- und den Joseph-Breitbach-Preis. 2023 hatte er die Ernst-Jandl-Dozentur der Universität Wien inne. Bei Hanser erschien u.a. »Erste Erde« (Epos, 2016), »Politiken & Ideen« (Essays, 2018), »Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal« (Roman, 2019), »Inventur des Sommers« (Über das Abwesende, 2023) und zuletzt das einzigartige Buchprojekt »Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit« (2024).

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

übersetzt von Ralph Dutli, Felix Ingold, Alexander Kaempfe, Heinrich Ost, Sylvia List, Raoul Schrott, Birgit Veit

Lagune
I

Drei alte Frauchen mit Strickzeug in tiefen Sesseln
debattieren in der Halle über die Leiden Christi;
die Pension »Accademia« segelt verpaart
mit dem Weltall Richtung Weihnacht zum Gedröhne
des Fernsehers; unterm Arm das Hauptbuch dreht der
Mann vom Empfang das Steuerrad.

II

Über die Gangway steigt an Bord, auf sein Zimmer tastend
der Gast, eine Flasche Grappa in seiner Tasche,
ein völliger Niemand, ein Mensch im Regenmantel,
der Erinnerung, Vaterland und den Sohn zurückließ;
seinen Rücken vermißt (aus Espenholz) ein dicker Knüppel,
wenn überhaupt wer! den vom Leben Verbannten.

III

Venedigs Kirchen bimmeln wie hellklingende
Teeservice aus dem Kästchen hervor als zufällige
Lebenszeichen. Der bronzene Krake
des Lüsters leckt im von Entengrün überzogenen
Spiegel die Werkbank, das von Tränen, Liebkosungen
und schmutzigen Träumen feuchte Laken.

IV

Nachts läßt die Adria per Ostwind den Canal Grande
bis obenhin vollaufen wie eine Badewanne
und wiegt die Gondeln; kein Ochse bläst
die Nüstern auf am Kopfende, Fische bloß ragen
in die Nacht und ein Seestern mischelt am Rolladen
mit seinen Strahlen solange du schläfst.

V

So also werden wir leben, begießen mit dem toten
Wasser und Glas der Karaffe das nasse Lodern
der Grappa-Glut, zerteilen die Brachse
statt der Weihnachtsgans, daß uns sättigend tröste
Dein aus dem Wasser stammender Vorfahr, Erlöser,
in dieser Nacht, der winterkalt-nassen.

VI

Eine Weihnacht ohne Schnee, Tanne und Engel
an diesem Meer, dem von der Karte beengten;
ihre Weichtier-Schale zur Tiefe sinken läßt,
ihr Gesicht verbergend, doch gern ihren Rücken
zeigend: die Zeit, sie steigt aus den Wellen, verrückt den
Zeiger am Turm den einen jetzt.

VII

Versinkende Stadt wo die feste Vernunft
sich auflöst in feuchte Augen und besten Sumpf,
wo der südliche Bruder der nördlichen Sphinx,
der geflügelte Löwe, beim Lesen und Denken
das Buch nicht zuklappt und schreit: Los, kämpfe!
sondern glücklich im Geplätscher der Spiegel versinkt.VIII

Eine Gondel schlägt gegen die morschen Pfähle.
Der Laut verneint sich selber, die Worte fehlen
und das Gehör. Vor jener finsteren Macht
wo die Arme sich emporrecken wie Nadelwälder
vor einem kleinen, verschlagenen Dämon
daß der Speichel im Mund zu Eis erstarrt.

IX

Kreuzen wir also mit der linken, samt eingeparkten
Krallen in der Armbeuge, die rechte Pranke;
so ergibt sich eine Geste ähnlich fast
wie Hammer und Sichel. Wie bei Gogol
ein Teufel der Hexe zeigen wir sie tapfer der Epoche
die jedem Albtraum gleicht der zu ihr paßt.

X

Der Körper im Regenmantel bewegt sich schon oft nun
in Sphären wo Sophia, Glaube, Hoffnung
und Liebe ohne Zukunft sind und schlicht
die Gegenwart von immer ist, wie bitter die Küsse
auch schmecken von Ebré und Gojimsmiezen
und der Stadt wo keinerlei Spur der Schritt

XI

hinterläßt wie der Kahn auf all den Wasser-
flächen, und dahinter jeder Raum gefaßt in
Ziffern Richtung Nullpunkt blickt
und keine tiefen Spuren läßt auf Plätzen
die breit sind wie ein »Lebwohl« und in engsten
Gassen schmal wie ein »Ich liebe dich«.
XII

Turmspitzen, Säulen, Schnitzereien, modellierte
Bögen, Brücken und Paläste; schau doch lieber
hinauf und das Lächeln des Löwen fällt
ins Auge auf dem vom Wind wie einem Kleid umpackten
Turm, unerschüttert wie ein Halm fern-vom-Acker,
umgürtet von der Zeit statt von Gebrüll umgellt.

XIII

Nacht über San Marco. Ein Passant mit zerknittertem
Gesicht vergleichbar in diesem Dunkel mit dem
vom namenlosen Finger gestreiften Ring kaut
an den Nägeln und schaut umfangen von der Stille
in jenes »Nirgendwohin« wo der Gedanke vielleicht
verweilen kann, die Pupille kaum.

XIV

Dort im Nirgendwo, hinter seinen Grenzen
den schwarzen, farblosen, möglich auch weißen
liegt irgendein Ding, ein Gegenstand.
Vielleicht ein Körper. In dieser Epoche der Reibung
ist Lichtgeschwindigkeit Blickgeschwindigkeit weitum
auch dann wenn das Licht verschwand.

1973
(Ralph Dutli)

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