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9783453431065: Feinde der Krone: Roman

Inhaltsangabe

London, 1892.Wieder steht Thomas Pitt dem intriganten Charles Voisey gegenüber: Der Inspektor soll verhindern, dass Voisey für das Unterhaus kandidiert. Als kurz darauf eine berühmte Spiritistin ermordet wird, vermutet Pitt einen Zusammenhang – und kommt einer perfiden Intrige auf die Spur.


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Über die Autorin bzw. den Autor

Die Engländerin Anne Perry, 1938 in London geboren, verbrachte einen Teil ihrer Jugend in Neuseeland und auf den Bahamas. Schon früh begann sie zu schreiben. Ihre historischen Kriminalromane zeichnen ein lebendiges Bild des spätviktorianischen England und begeistern mittlerweile ein Millionenpublikum. Anne Perry lebt und schreibt in Schottland.

Aus dem Klappentext

"Wunderbar!"
Cosmopolitan

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Als Emily am Tag nach der Entdeckung des Mordes in der Southampton Row die Zeitung aufschlug, wandte sie sich als Erstes den politischen Berichten zu. Eine äußerst gelungene Darstellung Mr. Gladstones fiel ihr auf, doch galt ihre Aufmerksamkeit vor allem dem, was über Londons Wahlkreise berichtet wurde. In weniger als einer Woche würde die Wahl stattfinden. Sie empfand eine größere Erregung als beim vorigen Mal, denn inzwischen hatte sie die Möglichkeiten kennen gelernt, die das Amt bot, und so war ihr Ehrgeiz für Jack entsprechend größer als damals. Er hatte seine Fähigkeiten, und, was vielleicht noch wichtiger war, seine Zuverlässigkeit bewiesen. Diesmal würde man ihm möglicherweise eine wichtigere Position anvertrauen, so dass er mehr Macht bekäme, Gutes zu bewirken.

Am Vortag hatte er eine meisterhafte Rede gehalten, die glänzend angekommen war. Während sie auf der Suche nach einem Bericht darüber die Seiten überflog, fiel ihr Blick auf den Namen Aubrey Serracold. Der Artikel über ihn begann recht viel versprechend. Erst als sie ihn zur Hälfte gelesen hatte, fiel ihr auf, dass sich zwischen den Zeilen sarkastische Anspielungen fanden, die seine Vorstellungen als einfältig hinstellten. Zwar seien sie gut gemeint, hieß es, gründeten aber auf Unwissenheit. Man hielt ihn für einen reichen Mann, den es lockte, in der Politik mitzuspielen, und unterstellte ihm eine unbeschreibliche Herablassung bei seinem Versuch, andere zu seinen Vorstellungen von dem zu bekehren, was gut für sie war.

Empört ließ Emily die Zeitung fallen und sah über den Frühstückstisch zu Jack hin. "Hast du das hier gesehen?", fragte sie und stieß mit dem Finger auf die fragliche Stelle.

"Nein." Er streckte die Hand aus, sie nahm die Zeitung vom Tisch und gab sie ihm. Während er las, wurden die Falten zwischen seinen Brauen immer tiefer.

"Wird ihm das schaden?", fragte sie, als er den Blick wieder hob. "Natürlich wird es ihn schmerzen, das zu lesen, aber wichtiger ist mir, ob es seine Aussichten vermindert, gewählt zu werden", fügte sie rasch hinzu.

Ein belustigter Ausdruck war in seinen Augen zu sehen. Freundlich fragte er: "Du möchtest, dass er gewinnt, nicht wahr? Weil dir Rose am Herzen liegt ..."

Ihr war nicht bewusst gewesen, dass sie so leicht zu durchschauen war. Das war auch normalerweise nicht der Fall, denn gewöhnlich konnte sie sehr gut verbergen, worauf sie hinauswollte, ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester Charlotte, der nahezu jeder alles am Gesicht ablesen konnte. "Du hast Recht", sagte sie. "Ich hatte es für mehr oder weniger sicher gehalten. Immerhin war der Sitz seit Jahrzehnten in der Hand der Liberalen. Warum sollte sich das jetzt ändern?"

"Es ist nur ein Zeitungsartikel, Emily. Wenn man etwas sagt, findet sich immer jemand, der etwas dagegen sagt."

"Du vertrittst auch eine andere Meinung als er", erwiderte sie ernsthaft. "Kannst du ihn nicht irgendwie in Schutz nehmen, Jack? So, wie die ihn hinstellen, klingen seine Ansichten weit extremer, als sie sind. Auf dich würde man hören." Sie sah sein Zögern, erkannte den Schatten auf seinen Zügen. "Was ist?", fragte sie. "Hast du das Vertrauen in ihn verloren? Oder hat es mit Rose zu tun? Natürlich ist sie ein wenig überspannt, aber so war sie schon immer. Was für eine Rolle spielt das denn? Müssen unsere Politiker graue Mäuse sein, um etwas zu taugen?"

Einen flüchtigen Augenblick lang trat Belustigung auf seine Züge. "Nicht unbedingt grau, aber auch nicht gerade grell. Nimm nichts als gegeben hin, und glaube nur nicht, dass sein Wahlsieg sicher ist. Diesmal können so viele Dinge das Wahlverhalten der Menschen beeinflussen. Gladstone pocht nach wie vor auf seine Forderung nach Selbstbestimmung für Irland, doch vermutlich dürfte die Frage der täglichen Arbeitszeit in den Fabriken für die Wahl entscheidend sein."

"Die Torfes werden doch sicher nichts in der Hinsicht unternehmen", begehrte sie auf "Da haben die Leute doch eher von uns etwas zu erwarten! Sag ihnen das!"

"Das habe ich bereits getan. Aber was die Torfes in Bezug auf die irische Frage sagen, klingt plausibel, auf jeden Fall für die Arbeiterschaft im Londoner Hafen, von dessen Lagerhäusern aus die Welt mit Waren beliefert wird." Sein Gesicht verfinsterte sich. "Ich habe gehört, was Voisey sagt, und die Menschen hängen an seinen Lippen. Er ist zur Zeit sehr beliebt. Vergiss nicht, dass ihn die Königin wegen seines Mutes und seiner der Krone bewiesenen Treue in den Adelsstand erhoben hat. Niemand weiß genau, was er getan hat, aber es heißt, dass er den Thron vor einer durchaus ernsten Gefährdung bewahrt hat. Er hat die halbe Zuhörerschaft schon auf seiner Seite, bevor er den Mund auftut."

"Ich hatte angenommen, die Königin ist bei der breiten Masse nicht besonders beliebt", sagte sie zweifelnd und dachte an einige der hässlichen Bemerkungen, die sie sogar in gehobeneren Gesellschaftskreisen gehört hatte. Zu lange hatte sich Königin Viktoria vom öffentlichen Leben fern gehalten, weil sie nach wie vor den Tod ihres Gatten Albert betrauerte, der bereits dreißig Jahre zurücklag. Sie hielt sich vorwiegend auf ihrem Lieblingswohnsitz Osbourne House auf der Insel Wight oder im Schloss Balmoral im schottischen Hochland auf Die Menschen im Lande bekamen sie kaum je zu sehen. Es gab keinerlei feierliche Anlässe, für die man sich begeistern konnte, keinerlei Prunkentfaltung, kein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das ausschließlich die Königin im Volk hätte hervorrufen können.

"Trotzdem wollen wir nicht, dass man sie uns nimmt", sagte Jack. "Wir haben als Masse genauso verdrehte Vorstellungen wie als Einzelne." Er faltete die Zeitung zusammen, legte sie auf den Tisch und stand auf "Aber natürlich werde ich Serracold unterstützen." Er beugte sich vor und küsste sie flüchtig auf die Stirn. "Ich weiß nicht, wann ich zurückkomme. Wahrscheinlich zum Abendessen."

Sie sah ihm nach, während er den Raum verließ, goss sich dann noch eine Tasse Tee ein und schlug die Zeitung wieder auf Erst da stieß sie auf den Bericht über Maude Lamonts Tod, in dem es hieß, die Polizei habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass es sich um Mord handelte. Die Ermittlungen würden von der Wache in der Bow Street geführt, offenbar durch Inspektor Tellman. Ihm waren keine Erklärungen zu entlocken gewesen, doch die Journalisten spekulierten und erfanden, was sie nicht wussten. Wer waren die Besucher dieser Frau gewesen? Wer war an jenem Abend dort gewesen? Wen hatte sie aus der Vergangenheit herbeigerufen, und was von dem, was ihr die Geister dieser Menschen gesagt hatten, war der Anlass für den Mord gewesen? Was für entsetzliche Geheimnisse waren das, die einen Menschen dazu brachten zu töten, um sie zu verbergen? Augenscheinlich fanden die Presseleute die Mischung aus Skandal und Gewalttätigkeit unwiderstehlich.

Sie las den Bericht noch einmal, doch hätte sie sich das sparen können, denn sie hatte sich jedes Wort und jede der widerlichen Mutmaßungen gemerkt. Ihr fiel ein, dass Rose Serracold einmal gesagt hatte, sie sei bei Maude Lamont gewesen. Was Emily auf den ersten Blick einfach erschienen war, begann sich jetzt zu verkomplizieren. Sorge um Rose beschlich sie. Sie musste daran denken, wie verletzlich die Freundin war, und empfand Furcht um sie wegen der Dinge, die ihr und Aubrey, wenn nicht gar Jack, drohen mochten. Es war Zeit, dass sie etwas unternahm.

Sie ging nach oben ins Kinderzimmer, um den Vormittag mit der kleinen Evangeline zu verbringen, die wie immer vor Fragen übersprudelte. Ihr Lieblingswort war warum.

"Wo ist Edward?" Mit ernstem Gesicht saß ihr Töchterchen auf dem Fußboden. "Warum ist er nicht hier?"

"Er ist mit Daniel und Jemima verreist", sagte Emily und hielt Evie ihre Lieblingspuppe hin.

"Warum?"

"Weil wir es ihm versprochen haben."

"Warum?", wollte sie mit unschuldig weit geöffneten Augen wissen.

"Er und Daniel sind gute Freunde." Als Emily auf diese Weise daran erinnert wurde, dass man...

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