Das erfolgreiche Standardwerk zu einem Thema, das ständig an Beliebtheit gewinnt. Mit ihren Händen drückt die indische Tänzerin das Leben des gesamten Universums aus. Die Hände des Buddha enthüllen die Geheimnisse seiner Weisheit. Hände sind die Träger wichtiger Symbole, die sogar in die christliche Kunst Eingang gefunden haben. Die Bedeutung dieser Gesten, der Mudras, für den Westen wieder entdeckt und verständlich beschrieben zu haben, ist das Verdienst Ingrid Ramm-Bonwitts.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Ingrid Ramm-Bonwitt studierte in Frankfurt am Main Germanistik und Anglistik und wurde von Shri Mahesh zur Yoga-Lehrerin ausgebildet. Sie ist Autorin mehrerer Bücher über praktische Lebensführung im Lichte östlicher Weisheit, darunter die Bestseller "Mudras - Geheimsprache der Yogis" sowie "Yoga in der Schwangerschaft". Die Autorin lebt seit vielen Jahren in Paris.
Mudras im indischen Tanz
Die mystischen Handgesten, die Mudras, spielen im indischen
Tanz, der aufs Engste mit der Religion, der Poesie und der
Dramatik verbunden ist, eine so wichtige Rolle, dass ihnen
im Natyashastra, der ältesten Tanzbibel der Welt, ein ganzes Kapitel
gewidmet ist. Durch die Sprache der Hände und die Ausdrucksfähigkeit
des Gesichtes vermag der indische Tänzer allen
Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Die reiche Symbolik der
tänzerischen Gestensprache ist nur durch den vorausgegangenen
Bewegungsablauf und Sinnzusammenhang zu verstehen.
Die Kenntnis der indischen Mythologie bildet die Grundvoraussetzung
zum Verständnis des indischen Ausdruckstanzes.
Zu den bekanntesten indischen Tänzen gehören Raslila, der
Liebestanz Krishnas mit den Hirtenmädchen, der als Analogie
zur Beziehung zwischen der menschlichen Seele und Gott verstanden
wird, und Tandava, der kosmische Tanz des Gottes
Shiva, der die Zerstörung der Illusionswelt symbolisiert.
Der Gebärdentanz, der aus einer Verschmelzung der verschiedenen
Kulturströmungen in Indien hervorgegangen ist, lebt noch
heute in Hunderten von indischen Dörfern und Städten weiter.
Die hohe Kunst des Gebärdentanzes drang im 8. Jahrhundert
nach Christus nach Thailand, Kambodscha, Indonesien und Japan.
In diesem ganzen Kulturgebiet sind Gebärdentänze, wenn
auch in erstarrter Form, noch heute lebendig.
Der indische Tanz
Die indischen Tänze sind Mimen, in denen sich der Tänzer durch
Stellungen, Körperbewegungen und Gesten ausdrückt. Der mimische
Tänzer vermag in zwei Minuten das auszudrücken, was
das Worttheater in zwei Stunden sagt. So spielt der Mime in wenigen
Minuten den Lebenslauf eines Menschen, Jugend, Reife,
Alter und Tod. Die Symbolik der Geste ist so reichhaltig und
ebenso präzise wie die Kunst des Wortes. Beim indischen Tanz
mit seinen metaphysischen Tendenzen ersetzt die ganze Ansammlung
von Gebärden, Zeichen und Haltungen das Wort. Die
Körpersprache des indischen Tanzes vermag verborgene Bereiche
des Gefühlslebens und unergründliche Zustände des Denkens
auszudrücken, wozu die Sprache nicht imstande ist. Die
Symbole der Gestensprache gewinnen durch ihre Vielzahl an
Interpretationsmöglichkeiten eine größere Bedeutung für den
Geist, als es das Wort vermag. Sie bezaubern den Zuschauer und
bilden eine fortgesetzte Stimulanz für den Geist.
Der indische Tanz will den Zuschauer zu einer genussvollen,
aber leidenschaftslosen Betrachtung des Lebens anregen. Die
Mittel, mit denen der Tänzer diesen Genuss hervorruft, werden
durch die Begriffe "Bhava" und "Rasa" bezeichnet, die sich nicht
unmittelbar beschreiben, sondern nur umschreiben lassen. Bhava
ist eine Gefühlsregung, die von dem Tänzer bzw. der Tänzerin
dargestellt und ausgedrückt wird. Rasa heißt Geschmack und bezieht
sich auf die Erfahrung des Zuschauers, der mit seinen Sinnen
die dargestellten Bhavas aufnimmt und in sich eine entsprechende
Gefühlsregung erlebt. Diese wird Rasa genannt und als
eigentliche Erfahrung in der Kunst bezeichnet. Bhava ist die mimische
Darstellung dieser Emotionen durch den Künstler und
wird durch die Körpergestik (Gesicht, Hände, Haltung) von ihm
geformt. Bhava ist also das Kommunikationsmittel, durch das der
Zuschauer, unterstützt von Musik, Gesang und Tanz, in die Szene
transportiert wird. Dadurch wird es dem Zuschauer ermöglicht,
sich vollends in den dargestellten Charakter hineinzuleben und
dessen Stimmungen und Gefühle wirklich mitzuerleben.
Man könnte die Theorie der Gefühlsübertragung mit dem
Vorgang der Nahrungsaufnahme vergleichen. Nur ein Mensch,
der befreit ist von Nebengedanken und sich völlig auf die Haltung
des Essens konzentriert, wird den vollendeten Geschmack
der Nahrung genießen können. Hier kommt deutlich zum Ausdruck,
dass die Haltung und die Bereitschaft des Kunstgenießens
ebenso wichtig ist wie die Fähigkeit des Künstlers bei seiner Darstellung.
Im Unterschied zu der im Westen vorherrschenden Schauspieltechnik,
bei der sich der Darsteller mit der Person, die er verkörpert,
identifiziert, geht es dem indischen Schauspieler darum,
distanziert zu bleiben, damit er in der Lage ist, in kürzester Zeit
von einer Stimmung in die andere zu wechseln. Die Erfahrung
der inneren Losgelöstheit wird häufig mit einem Gefäß (Patra)
verglichen, in das der Tänzer hineinschlüpft, wodurch seine unberührte
Funktion zum Ausdruck kommt. Genauso wie das im
Gefäß enthaltene Getränk selbst nicht schmeckt, sondern nur
dem, dem es eingeschenkt wird, sollte der Tänzer von seinen
eigenen Emotionen unberührt bleiben. Es geht darum, dass der
Zuschauer und nicht der Tänzer diese Emotionen erlebt. Die Losgelöstheit
des Tänzers von seinen Emotionen ist identisch mit der
Erfahrung eines Menschen, der den Zustand der Erleuchtung erlangt
hat.
Der indische Tanz ist eine Meditation über neun grundlegende
Gefühlszustände (Bhavas): Vergnügen (Rati), Freude (Hasa),
Trauer (Shoka), Grausamkeit (Krodha), Enthusiasmus (Utsaha),
Schrecken (Bhaya), Ekel (Jugupsa), Staunen (Vismaya), Seelenfrieden,
inneres Glück (Shama). Diesen neun Bhavas entsprechen
die folgenden neun Rasas, die der Zuschauer durch die Kunst des
Tänzers bzw. der Tänzerin erlebt: Liebe, Erotik (Shringara), Humor
(Hasya), Mitgefühl (Karuna), Wut (Raudra), Kühnheit, Heldenmut
(Vira), Angst (Bhayanaka), Abneigung, Verachtung (Bibhatsa), Verwunderung
(Adbhuta), Seligkeit (Shanta). Indem der Zuschauer
zu den verschiedenen Rasas geführt wird, erweckt der Tänzer eine
Anzahl von Stimmungen, die stets in dem neunten Rasa (Seligkeit),
der genussvollsten Summe aller Rasas, gipfelt.
Nach der Aufführung eines Tanzdramas soll der Zuschauer
ein Gefühl des Friedens und der Ausgeglichenheit empfinden.
Deshalb ist Tanz Meditation. Beim losgelösten, genussvollen Betrachten
der Gefühle nimmt der Zuschauer das ewige Wesen der
Gefühle wahr und genießt sie in ihrer Essenz, ohne von ihnen
berührt zu werden. Sein Gemüt ist ausgeglichen und gleicht
einer weißen Leinwand, auf der die farbigen Gefühle erscheinen.
Neben den neun Rasas gibt es nicht weniger als dreiunddreißig
Verfeinerungen und Abwandlungen, die von Entmutigung,
Schwäche und Unruhe bis zu Freude, Traum und Sicherheit
reichen. Jeder dieser Rasas kann im Verlauf des Tanzes kurz
auftauchen und dann wieder in den Hintergrund treten.
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