Verwandte Artikel zu Gedichte zur Gottesfrage: Texte - Interpretationen...

Gedichte zur Gottesfrage: Texte - Interpretationen - Methoden. Ein Werkbuch für Schule und Gemeinde - Softcover

Langenhorst, Georg

 
9783466366323: Gedichte zur Gottesfrage: Texte - Interpretationen - Methoden. Ein Werkbuch für Schule und Gemeinde

Inhaltsangabe

Wie heute von Gott reden?


Wie heute von Gott, wie heute mit Gott reden? Viele renommierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller unserer Zeit, gläubige wie nichtgläubige, haben mit diesen Fragen gerungen: Denn die Frage nach Gott konfrontiert uns immer auch mit uns selbst, mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Chancen einer Begegnung von Literatur und Theologie setzt dieses Buch konkret um. Fünfzig überwiegend moderne Gedichte werden vorgestellt, knapp interpretiert und mit methodischen Hinweisen für den Einsatz in Unterricht und Gemeindearbeit erschlossen: Lob, Dank und Bitte – Klage und Anklage – Gebete und Gegengebete – Stammeln und Verstummen – Verabschiedung und Absage – Zweifel und Hoffnung kommen zur Sprache. Eine Bereicherung für Religionsunterricht, Gemeindearbeit und Erwachsenenbildung, aber auch eine inspirierende persönliche Lektüre für alle an Literatur Interessierten.


Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

geb. 1962, ist Professor für Didaktik des Religionsunterrichts an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen/Nürnberg. Autor und gefragter Referent zum Themenbereich Religion und Literatur.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

4. De Profundis: Christliche Stimmen zwischen Klage und Anklage

Das Motiv der Klage gehört zu den Grundpfeilern biblischer Spiritualität.116 Vor Gott sein Leid zu beklagen, aber auch Gott selbst für erduldetes Leid anzuklagen ist ein unverrückbarer Bestandteil lebendiger Gottesbeziehung. Vor allem im Alten Testament etwa in den Psalmen oder Klageliedern, bei Hiob oder Jeremia finden sich ergreifende Zeugnisse derartigen Ringens um und mit Gott im Leid. Aber auch im Neuen Testament haben sich zurückgedrängt Spuren einer solchen Klagetradition erhalten. Sein Leid zu beklagen hat dabei nicht nur psychologische Bedeutung im Sinne einer Analyse der eigenen Situation, eines Aufbegehrens gegen Unrecht, einer Suche nach Auswegen. Daneben tritt die theologische Bedeutung: Wer vor Gott klagt, nimmt Gott in die eigene Leidensgeschichte hinein, traut ihm Erhörung oder sogar Wendung des Schicksals zu. Insofern ist Klage nicht nur eine verdeckte Form von in Dringlichkeit gesteigerter Bitte, sondern mit Georg Steins gesprochen »eine Intensivform des Glaubens«117.
Trotzdem ist die Klage in der christlichen Tradition mehr und mehr zurückgedrängt worden, galt sie lange als Zeugnis mangelnden Gottesglaubens, als Einfallstür des Zweifels, als unerlaubtes Aufbegehren gegen Gott. Deshalb findet man kaum Spuren von Klage oder gar Anklage in den Gedichten und Liedern, aber auch in den theologischen Traktaten der christlichen Orthodoxie. Erst in der Theologie der letzten Jahrzehnte findet sich angestoßen durch eine Rückbesinnung auf die bleibende Bedeutung des Alten Testaments eine breite Wiederentdeckung der Klagespiritualität. Erst in jüngster Vergangenheit also beginnt man die Chancen des Klagemotivs für Theologie, Seelsorge und Religionspädagogik neu auszuloten. In diesem Prozess kommt literarischen Texten eine besondere Rolle zu. Karl-Josef Kuschel und Walter Groß hatten schon 1992 festgestellt, dass es »eine bemerkenswerte Konvergenz« gebe »zwischen der radikal theozentrischen und anklagenden Rede vom Übel im Alten Testament und der radikal erfahrungsbezogenen protestierenden Rede vom Leiden in modernen literarischen Texten«118. In literarischen Texten finden sich immer wieder ergreifende Beispiel für jene Rede aus den Tiefen (»de profundis«), die in den Psalmen archetypische Vorbildgestalt gewonnen hat.
Spuren solcher Erfahrungen in Texten von jüdischen AutorInnen haben wir bereits kennen gelernt, werden wir in anderen Zusammenhängen später auch erneut zu Wort kommen lassen. In dieser Abteilung geht es jedoch darum, aufzuzeigen, wie die klagende und anklagende Gottesrede auch bei Schriftstellern christlicher Prägung Heimat findet. Einerseits soll so der Bruch zur traditionell christlichen Gottesrede im Gedicht deutlich werden: Andererseits lassen sich so aber auch Hinweise dahingehend gewinnen, wie eine religionspädagogisch orientierte »christliche Sprachschule des Klagen-Lernens« aussehen könnte.

Ernst Thrasolt: De profundis 6
Zunächst zurück ganz an den Beginn des 20. Jahrhunderts: Mit dem ersten Beispieltext wird deutlich, dass das Motiv der Klage auch in christlicher Tradition keineswegs erst in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts auftaucht. Gegenspuren zu den vorherrschenden Inhaltsausrichtungen von »Bitte, Lob und Dank« finden sich am Rande immer wieder. Vor allem in der Lyrik des Expressionismus brechen sich solche Stimmen von Aufbegehren und Rebellion Bahn, weil Gott für die Autoren dieser Epoche bestenfalls als »unbestimmbar und unsichtbar« erfahren wird, als ein Gott »der verzweifelt lästernden Klage Hiobs«119.
Im Kontext derartiger Erfahrungen entstand das folgende Gedicht. Es stammt aus einem Gedichtband, der als Ganzer unter den Titel »De Profundis« gestellt und im Jahr 1908 veröffentlicht wurde. Dieser Band war das erste Buch des katholischen Pfarrers Joseph Matthias Tressel (1878 1945), der unter dem Pseudonym Ernst Thrasolt vor allem einige Bände geistlicher Gedichte verfasste. Als Vertreter der katholischen Erneuerungsbewegung wirkte der gebürtige Saarländer als Pfarrer zunächst im Rheinland, seit 1920 in Berlin, wo er zu einem Vorkämpfer der christlichen Friedensbewegung werden sollte. Mit dem Niedergang der gesamten Gattung der geistlichen Lyrik120 spätestens seit Beginn der 1960er-Jahre geriet auch Ernst Thrasolt weitgehend in Vergessenheit. Der hier abgedruckte Text verfasst von einem unter 30-Jährigen bildet den Abschluss einer kleinen Reihe von sechs »De-profundis«-Gedichten121.

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.