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Das Meer im Rücken: Roman - Hardcover

Castel-Bloom, Orly

 
9783492045766: Das Meer im Rücken: Roman

Inhaltsangabe

»Es war kein gewöhnlicher Winter. Die Kälte war schuld, die Anschläge waren schuld, schuld war die Politik der Zurückhaltung, die eine Decke über alles legte und die Bürger gefühllos machte.« In jenem bitterkalten Winter versuchen sechs Israelis ihr Leben zu meistern – in einem Land, in dem Schußwechsel und Selbstmordattentate zum Alltag gehören: der arbeitslose Boaz und seine Frau Kati, eine lebensfrohe Putzfrau mit vier Kindern, die so gern ein Fernsehstar wäre; die reiche einsame Sprachwissenschaftlerin Liat und ihr Bruder Adir, der seine Geliebte Iris und die drei Kinder verläßt, weil er sich in das afrikanische Modell Tasaro verliebt hat. Die Angst vor dem nächsten Anschlag ist ihnen allgegenwärtig – und dennoch drängen der nächste Zahnarzttermin und die Reparatur der kaputten Waschmaschine.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Orly Castel-Bloom, geboren 1960, begann nach dem Besuch der Tel Aviver Filmhochschule mit dem Schreiben und zählt heute zu den wichtigsten israelischen Autorinnen. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den renommierten »Tel Aviv Prize for Literature«. Die Autorin lebt mit ihren beiden Kindern in Tel Aviv.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

1

Es war kein gewöhnlicher Winter. Kein Winter in Etappen, wie ihn die Einwohner Israels gewöhnt sind, wenn es scheint, als seien die Reste aller anderen Winter auf dem ganzen Erdball plötzlich in den Nahen Osten gewandert: da und dort ein Wolkenbruch über einem Ort, und danach kommen viele Tage mit angenehmer Sonne, einer Sonne, die aber zugleich beunruhigt, verkündet sie doch Dürre, Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit, Rezession, Langeweile, Verzweiflung und Existenzangst.

Der Winter in jenem fraglichen Jahr kam in diesen Teil der Welt nach acht Jahren der Dürre, in denen die Israelis mit der Bedrohung gelebt hatten, daß der See Genezareth samt der Flüsse, die in ihn und in das Mittelmeer münden, für immer austrocknen würde, und daß das Land, das vor gar nicht langer Zeit noch Wüste war, wieder dürr und durstig werden würde.

Gleich mit seinem Anbruch am Ende des Monats Tischri löschte dieser besondere Winter die Jahre der schweren Dürre, die ihm vorangegangen waren, aus dem Gedächtnis. Es war, als hätte es jene langen Tage mit Chamsin und brennender Sonne nie gegeben, als hätte hier schon immer diese Kälte geherrscht.

Die offizielle Erklärung für diesen Ausnahmewinter war, daß zu Beginn des Tischri eine Kaltfront vom Nordpol in den Nahen Osten vorgedrungen und während der Wintermonate dageblieben sei. Diese Kaltfront brachte in der Küstenregion Temperaturen von höchstens fünf Grad Celsius am Tag mit sich und im Laufe der Nacht ein halbes bis zwei Grad.

In den Bergen lag die Temperatur fast immer unter Null, an tiefer gelegenen Orten herrschte Dauerfrost, und Rauhreif bedeckte die Täler bei Nacht und manchmal auch bei Tag.

Der Boden trank sich satt an allen Arten von Niederschlägen. In den Brunnen stieg das Grundwasser und brach hervor, und in vielen Gebieten gab es Überschwemmungen und Überflutungen, die Menschenleben kosteten und Besitz vernichteten. Schiffe der Marine ankerten an Stellen, wo man es für phantastisch gehalten hätte, hätte nicht die Lage auch die Phantasie beherrscht und sich als Realität erwiesen. Man sah Ruderboote in Petach Tikwa, in Or Jehuda, in Maskeret Batja, in Kefar Saba, in Afula, in Um El Facham, in fast allen Städten und Dörfern, die überflutet waren. Der See Genezareth toste und stieg und überschwemmte immer wieder die vielen verlassenen Restaurants an seinen Ufern. Schon am Ende des Monats Cheschwan war er über seine rote Linie gestiegen, und obwohl das Wehr nach Jordanien geöffnet wurde, stieg das Wasser in Tiberias über die Ufer und überschwemmte bald die Straßen der Stadt. Die Bewohner, die auf der Höhe des Wasserspiegels oder etwas darüber lebten, zogen schnell in höher gelegene und sicherere Orte.

Tropfen so groß wie Oliven regneten in großen Mengen vom Himmel, und wenn es nicht die Sintflut dieser großen Tropfen war, so fiel fast die ganze Zeit ein Sprühregen und überzog die Erde mit ständiger Nässe.

Hagelkörner, die sich in den verschiedenen Regionen des Himmels bildeten, fielen in allen Formen und Größen zur Erde, und auf ihrem Weg zerschlugen sie Blätter, Vögel, Rolläden, Autos und Menschen.

Manchmal waren diese Hagelkörner riesig und erreichten einen Durchmesser von mehr als fünf Zentimetern, und manchmal waren sie flach und spitz, mit interessanten geometrischen Formen.

In den Bergen und Hochebenen schneite es, und etwas seltener in jener seltsamen Jahreszeit sogar in der Küstenregion. In hochgelegenen Gebieten erreichte der Schnee eine Höhe von mehr als zweieinhalb Meter.

Da die Bauten in Israel natürlich nicht für derartige Mengen Schnee, Regen und Hagel geplant waren, brachen nicht selten Hausdächer über den Bewohnern zusammen. Unter der Last des Schnees stürzten Bäume um, die zu Beginn der Besiedlung von den Pionieren gepflanzt worden waren.

Rettungsmannschaften und militärische Einheiten leisteten Überstunden und ernteten viel Lob wegen ihres Fleißes und ihrer Entschlossenheit, sowohl von der Bevölkerung als auch von den Vertretern des öffentlichen Bewußtseins und der Berichterstattung: den Medien.

Mehr als das. Die Meteorologen, besonders solche, die im Fernsehen auftraten, wurden zu Berühmtheiten, und die Menschen suchten ihre Nähe. Wegen ihrer öffentlichen Beliebtheit wurden sie in der Werbung für Öfen, Schirme, Mäntel und andere Gegenstände eingesetzt, die die überraschten Israelis vor Kälte und Nässe schützen sollten. Sie verdienten einen Haufen Geld zusätzlich, was sie dann noch begehrter und teurer machte.

Jeden Abend wartete das Volk auf die Worte der Meteorologen, als wären sie Propheten. In jenem seltsamen Winter traten immer mehr Meteorologen in Quizsendungen auf, bei denen der erste, der die richtige Antwort gibt, gewinnt. Es herrschte eine große Nachfrage danach, und diese Sendungen erreichten hohe Einschaltquoten. Ein Meteorologe gewann eine halbe Million Schekel, weil er die Frage nach der Lebenserwartung eines asiatischen Löwen richtig beantwortete. Am nächsten Tag wurde er bei einem Terroranschlag angeschossen und schwer verletzt. Er war gerade auf dem Weg zu Ikea gewesen, um neue Möbel für sein Haus in Ariel zu kaufen. Eine Woche später erlag er seinen Verletzungen. Die Beerdigung wurde von beiden großen Fernsehsendern übertragen.

Und als wäre solch ein Winter nicht schon genug, schien auch die Existenz des Staates Israel in jenen Tagen sehr gefährdet. Der Friedensprozeß mit den Palästinensern brach mit all seinen Phasen zusammen wie eines der vielen Dächer unter der Last des Schnees.

Viele sagten, anfangs zögernd, dann in aller Öffentlichkeit, die israelischen Diplomaten hätten keine Partner, mit denen sie sich verständigen könnten, und daß nicht nur der Himmel falle, sondern auch die Erde bebe. »Wir haben es euch ja gesagt«, verkündeten jene immer wieder, die überzeugt davon waren, daß es sich nie gelohnt habe, mit den arabischen Nachbarn zu reden. »Wir haben es wenigstens versucht«, antworteten andere, die sich in der Mitte der politischen Landschaft tummelten, wo anfängliches Entsetzen langsam einer gewissen Ernüchterung Platz machte. Und die am linken Rand waren wie üblich damit beschäftigt, ihr Mantra »Schluß mit der Besetzung« zu wiederholen.

Und so nahmen viele Selbstmordattentäter Menschen mit in den Tod, die wegen irgendwelcher Angelegenheiten zufällig gerade ihr Haus verlassen hatten. Im Autobus, am Bahnhof, im Café, am Eingang zum Einkaufszentrum, vor einer Diskothek, in einem Festsaal, in einer Fußgängerzone oder einfach beim Überqueren einer belebten Straße. In der Westbank und im Gasastreifen saßen Heckenschützen im Hinterhalt, schossen auf vorbeifahrende Autos und töteten die Insassen. In den belebten Hauptstraßen der großen Städte brachten ferngezündete Sprengsätze Autos zur Explosion und verbreiteten Tod und Zerstörung. Viele, die sich gut gegen die Kälte wappneten, bevor sie auf die Straße gingen, und sich irgendwie geschützt fühlten, wurden eine Straße weiter in Stücke gerissen, kurz nachdem sie irgend jemanden getroffen und ihm eine ganz normale Frage gestellt hatten.

Andere wurden lebensgefährlich verletzt. Einige von ihnen erlagen dann ihren Verletzungen, manchmal noch im Notarztwagen auf dem Weg ins Krankenhaus. Viele andere wurden schwer verletzt, mittelschwer verletzt, mittelschwer bis leicht oder leicht.

Die Leichtverletzten waren meist diejenigen, die in den Medien erzählten, was passiert war. Fast immer begann die Beschreibung des Schreckens mit den Worten: »Plötzlich hörte ich eine Explosion.«

Die Politiker und jene, die sich ihr Brot mit Berichterstattung verdienten, mit aktuellen Reportagen und Kommentaren, waren verwirrt angesichts der Verschärfung der Lage. Um sich selbst und der breiten Öffentlichkeit die sich verändernde Situation verständlich zu machen, erfanden sowohl die einen als auch die anderen eine fiktive Skala, anhand welcher dann jede Eskalation oder jedes Attentat, das schlimmer war als das vorhergehende, als »eine Stufe höher« bezeichnet...

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