Als Marissa stirbt, beschließen ihre beiden Töchter Luna und Pia nach Brooklyn, Marissas Geburtsort, zu reisen. Hier wollen sie mehr über das dunkle Geheimnis erfahren, das ihre Mutter jahrelang gehütet und sie schließlich zugrunde gerichtet hat. Doch die beiden Schwestern stoßen nur auf noch mehr Fragen, statt auf Antworten. Bis Luna eines Tages eine rätselhafte – ja, magische – Erfahrung macht: Sie begegnet ihrer Mutter als junge Frau, im Sommer 1977. Erst glaubt Luna, verrückt geworden zu sein. Doch dann wird ihr klar: Wenn sie tatsächlich die Fähigkeit besitzt, durch die Zeit zu reisen, dann kann sie auch die Vergangenheit ändern. Doch ist es möglich, das Leben ihrer Mutter zu retten, ohne ihr eigenes zu opfern?
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Rowan Coleman lebt mit ihrer Familie in Hertfordshire. Wenn sie nicht gerade ihren fünf Kindern hinterherjagt, darunter lebhafte Zwillinge, verbringt sie ihre Zeit am liebsten schlafend, sitzend oder mit dem Schreiben von Romanen. Da kann das Bügeln schon mal zu kurz kommen. Rowan wünschte, ihr Leben wäre ein Musical, auch wenn ihre Tochter ihr mittlerweile verboten hat, in der Öffentlichkeit zu singen. Sie hat bereits mehrere sehr erfolgreiche Romane veröffentlicht.
PrologOxfordshire, 6. Juni 2007Zum ersten Mal, seit meine Mutter gestorben ist, sehe ich sie wieder, und plötzlich bin ich ein anderer Mensch. Mein Selbst löst sich auf, und von einer Sekunde auf die andere fühle ich mich als eine Fremde in meiner eigenen Haut.Es gibt eine Theorie, dass man allein durch das Betrachten Einfluss auf die Umgebung nehmen kann, dass man allein durch den Akt des Hinschauens das Universum und seine Quantenfunktionen verändern kann. Die Physik nennt das den »Beobachtereffekt«. An dieses Phänomen muss ich denken, während ich das Bild meiner Mutter betrachte, wie es zitternd an die Wand projiziert wird.Ich habe vor wenigen Sekunden erfahren, dass mein Vater – der Mann, der mich großgezogen hat und den ich liebe – nicht mein leiblicher Vater ist. Ja, durch den Akt des Hinsehens hat sich das Universum um mich herum verschoben und für immer verändert. Im Grunde hatte ich es schon immer geahnt. Ich hatte schon immer das Gefühl gehabt, nicht richtig dazuzugehören – meine Schwester so anders als ich, und meine blauen Augen einfach zu blau.Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als weiter zuzusehen. Ich muss zusehen, ganz gleich, was kommt, obwohl dieses Zusehen alles komplett verändern wird. Das ist schlichte Physik. Aber es gibt keine Gleichung dafür, wie es mir dabei geht, das Gesicht der Frau vor mir zu sehen, die ich in den letzten acht Monaten jede einzelne Sekunde so schmerzlich vermisst habe.Sie sitzt im Garten meines Elternhauses in Oxfordshire. Dieser Garten steht in voller, prächtiger Blüte – die von ihr beschnittenen Rosen, die von ihr gepflanzten Azaleen. Doch der Garten, in dem ich sie sitzen sehe, könnte sich genauso gut auf dem Mars befinden, so endlos weit entfernt scheint das alles. Meine Mutter ist außerhalb meiner Reichweite. Für immer. Der Wind spielt mit dem hellgrauen Baumwollkleid über ihren gebräunten Beinen, Silberfäden durchziehen ihr Haar. Ich sehe einen von den alten Küchenstühlen, seine Beine versinken leicht im weichen Rasen. Sie muss die Aufnahme im Spätsommer gemacht haben, denn die Rhododendren blühen, ihre dunklen Blätter glänzen in der Sonne. Wahrscheinlich letztes Jahr, kurz nachdem unser Vater nach mehreren Wochen des Bangens erfahren hatte, dass er doch nicht an Darmkrebs litt. Das hieß, sie wusste bereits letzten Sommer, viele Monate vor ihrem Tod, was sie tun würde. Die Erkenntnis schmerzt mich. Körperlich. Ein heißes Brennen in der Brust.»Die Zeit vergeht wie immer …«, sagt meine im Bild festgehaltene Mutter, deren Haar im Wind weht, »aber ich stecke immer noch in der Vergangenheit fest. Oder zumindest ein Teil von mir. Wie ein Schmetterling bin ich aufgespießt von der einen Minute in der einen Stunde an jenem Tag, der mein Leben verändert hat.«Ihre Augen schwimmen in Tränen.»Um mich herum hatten wohl alle den Eindruck, dass ich ganz normal durchs Leben ging, wie alle anderen sechzig Sekunden pro Minute hatte, aber in Wirklichkeit stand ich still und dachte immer nur an diesen einen Moment, diese eine … Entscheidung.«Sie verbirgt das Gesicht hinter ihren Händen, vielleicht möchte sie damit weitere Tränen zurückhalten. Als sie die Hände wieder in den Schoß sinken lässt, lächelt sie. Ich kenne dieses Lächeln gut: Es ist ihr tapferes Lächeln.»Ich liebe euch, meine schönen Töchter.«Diesen Satz hat sie fast jeden Tag unseres Lebens zu uns gesagt, und ihn jetzt wieder von ihr zu hören ist wie Zauberei. Ich möchte ihn am liebsten einfangen und in der Hand halten.Sie lehnt sich auf ihrem Stuhl nach vorn, richtet den Blick direkt auf die Linse, direkt auf mich, und ich merke, wie ich zurückweiche, als glaubte ich, sie würde gleich die Hand nach mir ausstrecken und mich berühren.»Diesen Film nehme ich auf als meinen Abschiedsgruß an euch, weil ich nicht weiß, ob und wann ich den Mut haben werde, es euch persönlich zu sagen. Das hier ist mein Abschied an euch, aber auch noch etwas anderes. Nämlich eine Botschaft für dich, Luna.«Als sie meinen Namen ausspricht, kann ich förmlich ihren Atem an meinem Hals spüren.»Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, ob ich überhaupt will, dass du das hier siehst. Vielleicht siehst du es ja auch nie. Vielleicht ist der heutige Tag und diese Art und Weise die einzige Möglichkeit für mich, dir und Pia von meinem anderen Leben zu erzählen, von dem Leben, das ich neben dem Leben mit euch und eurem Vater führte, dem Leben in einem Paralleluniversum, in dem sich die Zeiger der Uhr nie weiterbewegen. Ja, ich glaube … Ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit. Hier und jetzt habe ich den nötigen Mut.« Sie schüttelt den Kopf, erneut glitzern Tränen in ihren Augen.»Vor vielen Jahren ist mir nämlich etwas Schreckliches passiert, und ich habe auch etwas Schreckliches getan. Und seitdem verfolgt mich etwas, ein Geist, auf Schritt und Tritt. Ganz gleich, wohin ich gehe, er ist auch da, wie ein Schatten. Und ich weiß, ich bin mir sicher, dass ich eines Tages nicht mehr in der Lage sein werde, ihm davonzulaufen. Eines Tages wird er mich einholen. Eines Tages wird er sich rächen. Und dieser Tag ist nicht mehr fern. Wenn ihr das hier seht …«, ihre Stimme bohrt sich in mich, »… dann hat er mich bereits …«Sie kommt so nah an die Linse heran, dass wir nur noch ein Viertel ihres Gesichts sehen können, und auch nur sehr unscharf. Sie senkt die Stimme und flüstert. »Wenn du ganz genau hinschaust, dann wirst du mich in Brooklyn finden, genau da und genau zu dem Zeitpunkt, den ich seither nie wirklich hinter mir lassen konnte. In unserem Haus, in meinem Elternhaus, da wirst du mich finden. Mich und die anderen Filme, die ich für dich gemacht habe. Luna, wenn du ganz genau hinschaust – wenn du herausfinden willst, was ich getan habe … Er wollte mich nicht loslassen. Bitte … du musst mich finden.«7. JULI 2007»Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist lediglich eine verbissen hartnäckige Illusion.«Albert Einstein1Wir befinden uns in einer Art Blase, meine kleine Schwester Pia und ich. Wir sitzen im Schutz der ruhigen, kühlen Kabine eines klimatisierten Taxis und fahren durch uns unbekannte, brütend heiße Straßen in einem fremden Land. Wir kommen an Brücken und Gebäuden vorbei, die uns doch irgendwie bekannt vorkommen, weil sie immer wieder in den Erzählungen vorkamen, mit denen wir aufwuchsen. Keine von uns ist je hier gewesen, und doch ist ein Teil dieser Welt ein Teil unserer DNA.Ich habe im Laufe meines Lebens viele in New York spielende Kinofilme gesehen, aber in der Realität sieht der Brooklyner Stadtteil Bay Ridge ganz anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte: breite Straßen, maximal zwei Stockwerke hohe Häuser mit Holzfassaden – amerikanisches Kleinstadtflair gleich neben einer der größten und großartigsten Städte der Welt. Mir kommt es vor, als würde New York über den breiten Hudson hinweg nach Bay Ridge schielen und dabei gleichgültig mit den Schultern zucken.Die Julisonne brennt vom Himmel, und es herrscht eine ruhige Atmosphäre. Die Fußgänger auf den Straßen wirken alle so gelassen, als wäre dies hier ihr ganz eigener, sicherer Ort, ein Ort, um den sich der Rest der Welt sonst nie kümmert, ein Ort, an dem Geheimnisse, wenn man sie gut versteckt, für immer unentdeckt bleiben. Hier können das Leben, die Liebe und der Tod sich...
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