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Bildung und Kultur: Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters (suhrkamp taschenbuch) - Softcover

Bollenbeck, Georg

 
9783518390702: Bildung und Kultur: Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters (suhrkamp taschenbuch)

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Von der Macht eines Deutungsmusters. Annäherungen Wer ist »Kulturträger«? Eine Wahlrechtsdebatte als Beispiel semantischer Integration

Wieso hat die Stimme eines Bordellbesitzers mehr Gewicht als die eines Superintendenten? Könnte Schiller, würde er noch leben, als »Kulturträger« von der dritten in die zweite Abteilung des Dreiklassenwahlrechts aufrücken? Welche Partei kann sich auf »Bildung« und »Kultur« berufen? Darüber streitet man sich 1910 im preußischen Abgeordnetenhaus. Die Debatten sind heftig. Schließlich geht es um politischen Einfluß, um den Erhalt oder die Beseitigung des indirekten Wahlrechts (ein rechtsliberal-konservativer Kompromiß aus dem Jahre 1849), nach dem die Wähler entsprechend der jeweils gezahlten Steuern in drei Gruppen eingeteilt werden mit dem Resultat, daß die Stimmen von tausend Reichen genauso viel gelten wie die von zwanzigtausend Armen. Die Debatte entzündet sich an einer Gesetzesvorlage, die der Reichskanzler und preußische Ministerpräsident Bethmann Hollweg in das preußische Abgeordnetenhaus einbringt. Gewiß, sie enthält einige Änderungen. In den entscheidenden Punkten ändert sich allerdings nichts: die Stimmabgabe soll weiter öffentlich erfolgen, und die Klasseneinteilung bleibt. Das ruft nicht nur den Protest der Sozialdemokratie hervor, sondern führt auch zu scharfer Kritik in der liberalen Presse. Doch auch die Konservativen und das Zentrum, wenngleich mit unterschiedlichen Begründungen, lehnen die Wahlrechtsvorlage ab. So bleibt der Regierung schließlich nichts anderes Übrig, als den Gesetzentwurf zurückzuziehen. Immerhin, er hätte den Superintendenten dem Bordellbesitzer gleichgestellt. So sah es jedenfalls eine Modifikation des bestehenden Wahlrechts vor.

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