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Lockruf des Todes: Roman - Softcover

Bissell, Sallie

 
9783548258881: Lockruf des Todes: Roman

Über die Autorin bzw. den Autor

Sallie Bissel kommt aus Nashville, Tennessee. Sie arbeitete in der Werbebranche, und nach der Geburt ihrer drei Kinder widmete sie sich ganz dem Schreiben. Die Enkelin einer Cherokee liebt es, mit ihrem Hund durch die Wildnis zu streifen. Sallie Bissell lebt in Asheville, North Carolina.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Prolog
Gemischtwarenladen in Little Jump Off, Nantahala National
Forest, North Carolina,
11. April 1988
"Mom? Ich bin wieder da." Mary Crow zog die Hintertür des Ladens auf, und der köstliche Duft von Räucherschinken und getrockneten Äpfeln schlug ihr entgegen. Das Schnaufen der uralten Kühlbox für Angelköder übertönte den Oldies-Lieblingssender ihrer Mutter, der gerade eine kratzige Version von "Hey Jude" spielte. "Mom?", wiederholte Mary. "Ich bin's." Sie strich sich das glänzende schwarze Haar aus der Stirn, wartete auf das vertraute "Hier bin ich" ihrer Mutter, aber im Laden hallte nur ihre eigene Stimme wider. Kopfschüttelnd schlängelte sich Mary durch die voll gestopften Gänge, in denen alles zu finden war, vom Waschmittel bis zu staubigen, altmodischen Nachttöpfen. Obwohl ihre Mutter hier seit zehn Jahren arbeitete, gab es im Little-Jump- Off-Laden schon seit der Zeit der Keksdosen und Gurkenfässer all das zu kaufen, was die Bergbewohner brauchten. "Mama?" Mary hob die Stimme, musste sich gegen das laute Brummen der Kühltruhe durchsetzen. "Ich bin wieder da. Entschuldige, dass ich so spät komme. Ich helf dir, den Laden abzuschließen." Wieder keine Antwort. Ihr war plötzlich kalt, als hätte ihr jemand den Pullover von der Schulter gerissen. Sie runzelte die Stirn. Irgendwas kam ihr merkwürdig vor. Hier stimmte etwas nicht. "Mutter?" Ihr ängstlicher Ruf hallte durch die zu stillen Räume. Von der Veranda vorne am Laden waren dumpfe Schritte zu hören. Nicht der leichte Gang ihrer Mutter, sondern schwere Schritte mit einem seltsamen Rhythmus. Rasch ging sie zum Ladentisch, vorbei an dem Ständer mit Frühjahrssamen. Wie betäubt blieb sie stehen, als hätte ihr jemand ins Gesicht geschlagen. Die alte hölzerne Kasse stand auf wie ein leeres Maul; Wechselgeld lag auf dem Ladentisch verstreut, Fünf- und Zehndollarscheine bedeckten den Boden. Mary starrte fassungslos darauf, während sich ihr Magen zu einem harten Knoten zusammenkrampfte. "Mom?", rief sie. "Wo bist du?" Sie rannte zur Vorderseite des Ladens und schnappte erschrocken nach Luft. Dosen mit gebackenen Bohnen rollten auf dem Boden zwischen Haferflockenpackungen und aufgeplatzten Mehltüten. Zwei aufgerissene Sixpacks Cola ergossen sich über das Durcheinander. "Mom? Bist du hier?" Mary sah in den Gang mit den Haushaltswaren. Nichts. Sie schaute hinter dem Ladentisch nach. Wieder nichts. Sie lief zu der Ecke des Ladens, in der der Webstuhl ihrer Mutter stand. Da, auf dem Boden, neben einer Tüte mit Wolle, lag Martha Crow. Ihr blauer Baumwollrock war bis zur Hüfte hochgeschoben, die Bluse vorne zerrissen. Das Gesicht war blau angelaufen, und große rote Flecken bedeckten ihren Hals. Mary blinzelte, als alles zu taumeln begann - ihre Mutter, der Laden, ihre ganze Welt. Verschiedene Gedanken schossen ihr durch den Kopf, und sie schnappte danach wie ein Hund nach Fliegen. Sie müsste sich um ihre Mutter kümmern, sie müsste die Polizei rufen, sie müsste auf die Veranda laufen und um Hilfe schreien. Aber ihre Beine waren wie aus Gummi, und sie konnte sich nicht mal mehr erinnern, wo das alte schwarze Telefon stand. Sie konnte nur dastehen und ihre Mutter stumm anstarren, während die Beatles weiterdröhnten und sich die schweren Schritte entfernten. "Mama!", schrie sie, ihre Stimme blechern vor Entsetzen. "Mama?" Mary lief zu ihr, kniete sich neben ihre Mutter, flehte, betete. Bitte mach, dass sie die Augen öffnet. Bitte mach, dass sie lächelt. "Fehlt dir was?" Martha Crow antwortete nicht. Vorsichtig berührte Mary mit den Fingerspitzen die Schulter ihrer Mutter. Ihr Körper war noch warm, noch weich wie der einer Lebenden, aber ihr Brustkorb blieb regungslos. Als Mary sie sanft schüttelte, sickerte Speichel aus dem Mundwinkel ihrer Mutter. Ihre Hände - die Hände, die noch an diesem Morgen Marys Wange gestreichelt hatten, bevor sie zur Schule ging - waren blutig. Jeder Knöchel war aufgeschrammt und ein Fingernagel abgerissen, als hätte sich Martha Crow verzweifelt gewehrt. "Mama?" Wieder schüttelte Mary sie, fester, und zog ihr die zerrissene Bluse über die Brust. Der Ehering ihrer Mutter war noch da, aber das Medaillon des Heiligen Andreas, der einzige Schmuck, den Martha nie ablegte, war verschwunden. Schluchzend berührte Mary den bleichen Fleck über den Brüsten, wo das Medaillon gehangen hatte. Die Haut wurde bereits kalt. In diesem Moment wusste sie genau, was passiert war. Nicht das Wie und das Warum, aber Mary Crow wusste mit absoluter Sicherheit, dass der letzte, der den Laden verlassen hatte, der Mörder ihrer Mutter war. "O Mama", flüsterte sie. "Bitte verlass mich nicht ..." Flehend beugte sie sich vor und vergrub ihr Gesicht in dem langsam erkaltenden Körper ihrer Mutter, achtete nicht auf die Schritte, die sich von der Veranda entfernten, achtete nicht auf die Beatles im Radio, achtete auf nichts mehr als ihren Schmerz, der ihr das Herz zerriss.

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