Paul, der mit seinen Eltern im Norden Australiens lebt, erhält Klavierunterricht bei Eduard Keller, einem Lehrer, der ungewöhnliche Methoden bevorzugt. Das Kind ist verstört und fasziniert zugleich. Eduard Keller kommt aus Österreich, Paul entwickelt die fixe Idee, er müsse ein Nazi gewesen sein. Doch erst viele Jahre später wird Paul verstehen, wovor Eduard Keller bis ans Ende der Welt geflüchtet ist. Peter Goldsworthy erzählt die Geschichte der Freundschaft zwischen einem alten Mann und einem kleinen Jungen, erzählt von erster Liebe, Erwachsenwerden, vom Schrecken der Erinnerung und der Sehnsucht nach dem Glück.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Peter Goldsworthy, geboren 1951 in Minlaton (Australien), studierte Medizin und lebt heute als Schriftsteller und Arzt in Adelaide. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Lyrik und Erzählungen; mehrere seiner Romane wurden für die Bühne adaptiert oder verfilmt. Peter Goldsworthy gehört zu den renommiertesten Autoren Australiens. Bei Deuticke erschien 2007 der Roman Maestro, 2009 Nacht für drei Hunde und 2011 Ernster als Liebe.
Susanne Costa, übersetzerstudium in den Fremdsprachen Englisch und Italienisch. Lehrerin am Institut für Translationswissenschaft der Universität Innsbruck und freiberufliche übersetzerin.
DARWIN, 1967
Der erste Eindruck?
Irreführend, natürlich. Wie immer. Aber unvergesslich: die Glutröte des Gesichts - die brennende Röte des Trinkers. Die pockennarbige, sonnengegerbte Haut - billiges, ruiniertes Leder. Und die Augen: Altmänneraugen - feucht, wabbelig, wie Gelee.
Aber dann der Anzug: weißes Leinen, frisch gebügelt. Und - absurd in diesem Klima - der steife Kragen, die Krawatte.
»Herr Keller?«
»Mrs. Crabbe?«
Ich stand hinter meiner Mutter vor seinem Zimmer im Swan, hoch oben auf einem hölzernen Balkon, direkt über dem Biergarten. Das Hotel - ein Wirrwarr brüchiger Holzverschalungen, bewachsen mit Bougainvillea - war voll, und die Trinkenden und der Lärm ergossen sich aus der vorderen Bar in den Garten. Die Treppe hinauf, die zweite rechts, hatte ein Barmann gerufen, und jedes Gesicht in der Bar wandte sich uns zu, und Blicke folgten uns hinauf. Auch ein oder zwei betrunkene Pfiffe verfolgten uns, Pfiffe, die in einem klaren Missverhältnis zur Manneskraft der Kerle standen, wie meine Mutter später meinem Vater berichtete, voll Verachtung.
»Das ist Paul«, sagte sie, und schob mich vor, den Lärm von unten ignorierend.
Die Gestalt im weißen Anzug trat von der Türöffnung zur Seite und hieß uns eintreten.
»Of course. Hat dein Vater gesagt.«
Sein Akzent war stark. Europäisch - so hatte ihn mein Vater vage beschrieben. Eine Stimme, die ihn an Würste auf dem Grill erinnert hatte - ein schwaches, ständiges Prasseln von Zischlauten im Hintergrund.
»Sit down«, zischte die Stimme. »We will talk.«
Ein Problem: Wie soll man den Akzent hier wiedergeben? Sied daun? Es ist verlockend - zu verlockend - in eine comicartige Parodie zu verfallen. Wi will dok ...
Wenn ich weniger ein Musiker und mehr ein Dramatiker wäre, könnte ich den Akzent vielleicht wiedergeben. Nein: Wenn ich mehr ein Musiker wäre, wenn ich ein besseres Gehör hätte, könnte ich ihn sicher wiedergeben - irgendeine neue Notation erfinden, um diese seltsamen Melodien auf der Seite festzunageln. Doch das sieht zu sehr nach Schwerarbeit aus. Und könnte zu sehr ablenken. Was zählt ist der Inhalt: was er sagte, nicht wie.
Also, eine Erklärung: Ab dieser Stelle in meinen Memoiren wird Keller - Herr Eduard Keller, der Maestro - so sprechen wie ich.
Das Zimmer hinter der Tür über dem Biergarten war groß, wirkte aber irgendwie enger, kleiner, weil zwei Klaviere darin standen. Ein Pianino und (der Lieblingswitz meines Vaters) ein Flatterding. Diese Klaviere füllten den verfügbaren Raum wie zwei Planeten oder vielleicht wie ein Planet und sein kleinerer Mond; um sie drehte sich alles. Man musste sich etwas anstrengen, um die anderen Möbelstücke bei diesem ersten Besuch wahrzunehmen: Das enge Bett war an eine Wand gedrängt, die Regale vom Boden zur Decke mit Büchern und Noten voll gestopft, ein Waschbecken, ein einzelner Lehnstuhl.
Keller führte meine Mutter zum Lehnstuhl und bot ihr mit förmlicher, manierierter Höflichkeit diesen Platz an; lächerlich, das schon, aber gleichzeitig doch irgendwie natürlich. Rückblickend glaube ich zu hören, wie er die Hacken zusammenschlägt, ganz deutlich - aber das war sicher nicht so.
Er setzte sich zum Flügel - einem Bösendorfer, dem ersten, den ich je gesehen hatte - und wirbelte herum, um uns anzusehen. Das Pianino - ein abblätterndes Wertheim, dessen Lack rissig war und Blasen warf nach zu vielen Jahren zu nahe am Äquator - war meins.
Er zeigte auf den Hocker. Ich setzte mich.
Einige Zeit sagte er nichts, er beobachtete nur. Sein rotes Gesicht glühte über dem weißen Kragen und dem Revers. Irgendeine innere Explosion schien tausende geborstene Blutgefäße gegen die Innenseite seiner Wangen geschleudert zu haben. Von draußen drang der Klang des Donners zu uns herein, aus der Ferne: der Klang des Februars, der tiefsten und dunkelsten Regenzeit. Das Zimmer war stickig, drückend, doch die hölzernen Jalousien, die zwei einander gegenüberliegende Wände bildeten, blieben geschlossen, der Deckenventilator blieb still. Nicht das Flüstern einer Bewegung durchbrach die Schwüle.
Ich hatte das Gefühl, dass ich gerade irgendeinen Test durchlief.
»Hitze«, verkündete Keller plötzlich, »können wir ertragen. Ein bisschen Unbehagen ist notwendig, um aufmerksam zu bleiben. Doch Lärm ...«
Er deutete auf die Jalousien, die auf den Balkon hinausgingen - in die Richtung, in der darunter der Biergarten lag.
Meine Mutter lächelte unsicher und betupfte sich die Stirn mit einem Taschentuch. Schweiß sammelte sich langsam, die Tröpfchen liefen zusammen zu größeren Tropfen, schwer wie Quecksilber. Wir waren neu in Darwin, erst vor knapp einem Monat vom gemäßigten Süden Australiens hierher gezogen: Sie fand das Klima unerträglich.
Kellers rotes Gesicht glänzte ebenfalls von einer dünnen Schicht Schweiß, doch der Leinenanzug sah immer noch gestärkt und frisch gewaschen aus. Hatte er sich extra fein gemacht für das Treffen mit mir? Ich war Kind genug - egozentrisch genug - um das für wahrscheinlich zu halten.
Er starrte mich an; ich starrte tapfer zurück, fasziniert. Ich hatte noch nie jemanden wie ihn gesehen. Er war klein: die Größe der Einwanderer, der Europäer. Wie die Spaghettis. Das Haar über diesem flammenden Gesicht war weiß, schütter, wie Daunen. Auf seine rote Nase hatte er etwas gesetzt, das ich sofort als Zwicker erkannte - obwohl mir vorher nur das Wort untergekommen war, in Büchern, aber nie das eigentliche Ding.
Vor allem erinnere ich mich an die Hände: diese zarten, etwas lächerlichen Hände.
Ich konnte meine Blicke nicht von ihnen abwenden. Klein und dicklich wie aufgeblasene Handschuhe, wurden sie in Richtung der Fingerspitzen schmaler, zart ... Die Nägel waren manikürt, die Haut blass und weich und sauber. Wenn sein Gesicht aus grobem Leder bestand, so waren seine Hände aus feinstem Kalbsleder gefertigt: jede Falte, jedes Grübchen sorgfältige Handarbeit.
Die Hände eines Pianisten? Unmöglich. Zu wenig funktionell, bestimmt. Zu ... dekorativ. Nicht in der Lage, eine Quinte zu greifen, geschweige denn eine Oktave.
Noch etwas: Der Großteil des rechten kleinen Fingers fehlte. Ein Goldring auf dem Stumpf schien dieses Fehlen noch extra zu betonen.
»Kleine Finger sind unnötig«, verkündete er plötzlich. Verlegen rutschte ich hin und her und sah in eine andere Richtung.
»Ich habe nicht ... Ich meine, ich wollte nicht ...«
»Ein Luxus«, fuhr er fort. »Kein Pianist vor Chopin hat den kleinen Finger verwendet.«
Er sagte das so oft in den folgenden Jahren, dass mir bald klar wurde, dass der Verlust für ihn viel mehr bedeutete, als er zugab.
»Mozart hat die kleinen Finger nie verwendet«, fuhr er fort und wackelte mit dem Stumpf. »Bach auch nicht. Clementi.«
»Und nach Chopin?«, fand ich meine Sprache wieder.
»Entschuldige?«
»Können Sie Liszt ohne ihn spielen?«, sagte ich laut und ignorierte den warnenden Blick meiner Mutter.
Er antwortete darauf, wie er noch oft antworten sollte, indem er sich abrupt zur Klaviatur umdrehte. Und hier geschah ein Wunder: das erste vieler Wunder oder Taschenspielertricks, die ich in seiner Gegenwart noch erleben sollte. Irgendwie gab diese winzige, verstümmelte Klaue einen mühelos angeschlagenen Lauf von Dezimen von sich.
»Der kleine Finger ist ein fauler Kerl«, lächelte er, als er die Hand von der Klaviatur hob, und wackelte mit dem Stumpf noch einmal vor meinem Gesicht. »Man kann ihn trainieren, das schon. Vielleicht werden wir deinen trainieren. Aber man kann ohne ihn auskommen.«
Er griff nach mir und packte meine kleinen Finger - einen mit jeder Hand.
»Wenn wir ihm sagen, dass man ohne ihn auskommen kann, wird er sich vielleicht mehr anstrengen.«
Ein Witz? Es wurde immer schwieriger, das zu sagen. Meine Mutter brachte eine Art amüsiertes Geräusch zustande.
»Wie alt sind diese Hände?«, fragte er, immer noch meine Finger umklammernd, und drehte sie hin und her.
»Wie bitte?«, sagte ich.
»Diese Hände - wie alt?«
»Paul ist...
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Hardcover. Zustand: As New. Paul, der mit seinen Eltern im Norden Australiens lebt, erhält Klavierunterricht bei Eduard Keller, einem Lehrer, der ungewöhnliche Methoden bevorzugt. Das Kind ist verstört und fasziniert zugleich. Eduard Keller kommt aus Österreich, Paul entwickelt die fixe Idee, er müsse ein Nazi gewesen sein. Doch erst viele Jahre später wird Paul verstehen, wovor Eduard Keller bis ans Ende der Welt geflüchtet ist. Peter Goldsworthy erzählt die Geschichte der Freundschaft zwischen einem alten Mann und einem kleinen Jungen, erzählt von erster Liebe, Erwachsenwerden, vom Schrecken der Erinnerung und der Sehnsucht nach dem Glück. Bestandsnummer des Verkäufers 50d2bce0-4860-4429-a720-0569cc0cf434
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