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Das silberne Pferd - Softcover

Kate Thompson

 
9783570304471: Das silberne Pferd

Inhaltsangabe

Der ganz besondere Pferderoman

Als Michael den verlassenen Pfad entlang reitet, trifft er am Flussufer Annie. Annie, die so anders ist als er selbst. Eine Leidenschaft teilen sie – beide lieben Pferde. Michael erklärt sich bereit, Annie Reitunterricht zu geben und mit der Zeit verlieben sich die beiden Jugendlichen ineinander. Doch Annie birgt ein düsteres Geheimnis, welches sie trotz ihrer Liebe zu Michael nicht preisgeben kann. Die Ereignisse überschlagen sich und Michael hat das Gefühl unentrinnbar auf ein Unglück zuzusteuern …

• Brillant und poetisch erzählt
• Erfolgsautorin Kate Thompson schildert die Gefühlslage Jugendlicher mit viel Einfühlungsvermögen

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorinnen und Autoren

Kate Thompson, geb. 1956, lebte in England und in den USA und unternahm ausgedehnte Reisen durch Indien, bevor sie sich in Kinvara im irischen County Galway niederließ. Ihre Gedichte, Romane und Kinder- und Jugendbücher wurden vielfach ausgezeichnet. "Zwischen den Zeiten" ist ihr erster Roman bei cbj.

Kattrin Stier lebt mit ihrer Familie in Aying bei München. Sie hat bereits mehrere Bücher aus dem Englischen für den Verlag übersetzt. Dies ist ihr erstes Buch bei OMNIBUS, das von Markus Grolik reichhaltig und stets mit einem Augenzwinkern illustriert wird.

Aus dem Klappentext

" ... die Königin der zeitgenössischen irischen Erzähler."
The Times - Educational Supplement

"Stil und Struktur sind in ihrer Eindringlichkeit herzzerreißend."
Irish Times

"Eine poetische und wahrhaft romantische Erzählung."
Independent

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Michael hatte keinerlei Zweifel, dass die Stute über das Gatter springen würde. Obwohl er ihren Kopf zur Seite gezogen hatte, merkte er genau, dass sie noch immer darüber nachdachte. Sie war unruhig und kaute auf dem Gebiss herum, die Hinterbeine unter sich, während die Vorderhufe kaum den nassen Boden berührten. Neben ihr stand der kräftige braune Wallach wie ein Fels. Er verschwendete keine Energie. Michael zog ein wenig an seinem Zügel, in dem Versuch, ihn aufzuwecken und ihn auf das vorzubereiten, was er gleich tun sollte.
Die Stute warf sich nach vorne, zerrte an Michaels Schulter und riss ihm dabei fast die Zügel des Fuchses aus der Hand. Er nahm sie fester an den Zügel, was ihre Nervosität allerdings nur steigerte. Er ließ wieder locker und redete sanft auf sie ein. Die Stute entspannte sich, aber ihre Ohren zuckten noch immer. Sie hatte das Gatter noch nicht vergessen.
Ebenso wenig wie Michael. Er warf einen Blick zurück.
Ohne das richtige Werkzeug ließ sich das Gatter unmöglich öffnen. Auf beiden Seiten war Draht um die Pfosten gewickelt und ans Holz getackert worden. Somit fungierte das Gatter nicht mehr als Tor, sondern nur noch als Teil einer Begrenzung, die das Land, das seine Eltern gepachtet hatten, von dem des nächsten Hofes trennte. Aber es hatte eine Zeit gegeben — vielleicht noch gar nicht so lange her —, in der der grüne Weg, den er auf der anderen Seite erkennen konnte, eine Verbindung gewesen war. Jetzt war er überwuchert mit tief hängenden Zweigen und Dornengestrüpp, und Michael konnte nicht erkennen, wie weit der Weg reichte, bevor er sich im Nichts verlor oder auf einer befestigten Straße endete. Er wollte es herausfinden.
»Mach heute mal einen kleinen Ausritt mit ihr«, hatte Jean gesagt. »Das wird sie ein bisschen aufheitern.«
Nachdem er gestern zwei Stunden lang mit ihr unter den strengen Blicken seiner Mutter auf dem Reitplatz geritten war. Immer und immer wieder im Kreis herum, in dem Versuch, die Nervosität der Stute zu verringern und sie ruhig und konzentriert zu machen. Jedes Mal wenn sie in die Nähe eines Hindernisses kam, sammelte sie sich, reckte ihren Kopf und brach zur Seite aus. Und jedes Mal hatte Jean dasselbe gesagt.
»Reite noch einmal im Kreis mit ihr. Immer schön die Zügel festhalten. Äußeres Bein.«
Die Stute war genial; ein Sprunggenie. Sie blieb nie stehen und berührte nie auch nur eine einzige Stange, es sei denn, der Reiter machte einen Fehler. Aber sie war so unruhig wie eine Pferdebremse, immer unter Hochspannung. Sie war, schon als sie sie gekauft hatten, ein Springpony der A-Klasse, aber sie war trotzdem billig gewesen. Sie war schon durch einige Hände gegangen, und ihr letzter Besitzer war zu unerfahren gewesen, um mit einem derart temperamentvollen Pony umgehen zu können. Mit ihr war zu viel gesprungen und zu wenig gearbeitet worden. Als Jean und Frank sie vor sechs Monaten gekauft hatten, war sie vollkommen unkontrollierbar gewesen. Und es war Michaels Aufgabe, das in Ordnung zu bringen.
Und sie machte Fortschritte. Schon in wenigen Tagen wollten sie sie zu einer Schau mitnehmen. Zum ersten Mal, seit sie bei ihnen war. Darum hatten sie am Vortag auch so hart mit ihr gearbeitet und darum hatte Jean sie mit Michael nun auf einen ruhigen Ausritt geschickt.
»Du kannst Bandit mitnehmen«, hatte sie gesagt. »Wenn der sie nicht beruhigt, dann tut es keiner.«
Michael schaute zu Bandit hinüber, der ganz ruhig neben der nervösen Stute stand und ein Hinterbein ausruhte. Wenn ein Pferd einen unpassenden Namen trug, dann war es dieses. Es gab kein sanfteres, wohlerzogeneres Pferd auf dem ganzen Hof. Von Zeit zu Zeit ritt Michael mit ihm einen D- oder E-Klasse-Parcour bei einer der Ausstellungen. Er sprang jedes Mal perfekt und machte keinen einzigen falschen Schritt. Aber seine Größe stand ihm im Weg. Bandit war ein Cob, ein schweres Kleinpferd, fast schon wie ein Kaltblüter, und er war weder schnell noch wendig genug, um ein solches Springen zu gewinnen. Draußen bei der Jagd war er dagegen wie ein Panzer, Hindernisse, die er nicht überwinden konnte, durchbrach er einfach. Er wäre das ideale Pferd für einen engagierten Hobbyreiter gewesen, aber sein Typ war momentan nicht angesagt. Er stand jetzt seit einem Jahr zum Verkauf, aber trotz aller Bemühungen hatten sie noch keinen Interessenten für ihn finden können.
Michael wäre gar nicht erst auf den Gedanken gekommen, das Gatter zu überspringen, wenn er ein anderes Pferd mitgeführt hätte. Es war ein wirklich riskantes Unterfangen. Aber Bandit hatte Verstand und benutzte ihn. Wenn ein Pferd es schaffen konnte, dann er. Michael warf noch einen Blick zurück. Wenn er nicht den Weg über das Gatter nahm, würde er über die Hauptstraße zurück zum Hof reiten müssen. Das war das Einzige, was seine Eltern nicht bedacht hatten, als sie zu Beginn des Jahres diesen Hof gepachtet hatten. In Yorkshire, wo sie zuvor gelebt hatten, war ihr Hof von einem wahren Gewirr von kleinen Landsträßchen umgeben gewesen, die ideal für Ausritte waren. Aber obwohl es auch hier kleine Straßen gab, so konnte man sie nicht erreichen, ohne zuvor ein ganzes Stück auf der Hauptstraße zurücklegen zu müssen.
Jean und Frank schien das allerdings nichts auszumachen. Pferde hatten ihnen schon fast jeden einzelnen Knochen im Körper gebrochen. Und Pferde hatten ihnen auch das Herz gebrochen, als ihre jüngste Tochter von einem durchgehenden Pony zu Tode geschleift worden war. Nur ihre Nerven waren heil geblieben. Gefahr schien für sie beide ein Fremdwort zu sein. Michael hatte nie erlebt, dass einer von beiden vor irgendeinem Pferd auf dem Hof Angst gehabt hätte, und da waren durchaus ein paar ganz üble dabei gewesen allein in dem Zeitraum, an den er sich erinnern konnte. Was die Straßen anbetraf, so passte die Haltung seiner Eltern genau zu ihrer allgemeinen Überzeugung. Wenn ein Pferd Angst vor Autoverkehr hatte, dann gab es doch kein besseres Heilmittel, als es mitten hineinzuführen.
Michael teilte diese Ansicht nicht. Bei der Jagd oder beim Springen war er ebenso couragiert wie seine Eltern, aber er hatte ein paar brenzlige Situationen beim Reiten auf der Straße erlebt, und er sah keinen Sinn darin, das Unglück herauszufordern. Deswegen nahm er noch einmal das Gatter in Augenschein, voller Sehnsucht danach, den beschaulichen Weg jenseits zu erkunden.
Er fasste einen Entschluss, dirigierte sein Pferd ein kleines Stück zurück, verstärkte den Druck seiner Oberschenkel und gab Bandit ein paar Stupser mit der Fußspitze, in der Hoffnung, ihn damit aufzuwecken. Es schien keine besondere Wirkung zu haben, aber die Stute spürte die Anspannung. Sie scharrte bereits mit den Hufen, als Michael sie wendete. Sie stieg und fiel sogleich in einen holprigen Galopp. Bandit zögerte einen kurzen Augenblick, doch dann folgte er an ihrer Seite. Zwei Schritte vor dem Sprung setzte Michael sich tiefer in den Sattel und trieb die Stute voran. Weit vor dem Gatter setzte sie an und sprang in einem Riesensatz darüber und weit darüber hinaus.

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.