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Die Geschichte der Null - Hardcover

Kaplan, Robert S.

 
9783593364278: Die Geschichte der Null

Inhaltsangabe

Die Null ist ein selbstverständlicher und unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens. Und doch bleibt diese Zahl eine außergewöhnliche Erscheinung: Kann es etwas geben, das eigentlich nichts ist? Diese Frage fasziniert die Menschen seit Jahrtausenden. Robert Kaplan erzählt die lehrreiche und fesselnde Geschichte einer Zahl, die vor 5000 Jahren bei den Sumerern in Form von zwei Keilen erfunden wurde und heute die Hälfte unserer Computerwelt ausmacht. Witzig und philosophisch, mathematisch und poetisch enthüllt Kaplan die Magie der Null und ihre Bedeutung für unser Leben.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Robert Kaplan ist Professor für Mathematik an der Harvard University. Mit seiner Frau Ellen gründete er 1994 einen Mathematik-Zirkel für alle, die Spaß an Zahlen und Formeln haben. Robert Kaplan lebt in Cambridge, Massachusetts.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Badehaus mit Spinnen
Die Null ist weder negativ noch positiv, sondern das schmalste Niemandsland zwischen diesen beiden Königreichen. Doch unser von Analogien getriebener Geist, immer eifrig bemüht, einen Ausdruck in ausdruckslose Gesichter hineinzulesen, bemächtigt sich seiner Leere und erkennt dort Mächte und Vorzeichen. Fragen wir zunächst, welchen Ausdruck er findet, wenn er das Schlimmste befürchtet, um uns dann im nächsten Kapitel der Frage zuzuwenden, wie dieselbe Leere als wohltätig erscheinen kann.
Wir haben gesehen, wie die Null im Mittelalter als Teufelswerk oder als der Teufel selbst galt, als der große Sinnvernichter. Wie leicht ist es, sich vorzustellen, als Taugenichts, als Null abgetan zu werden. Sultan Abdul Hamid II., der für die furchtbaren Massaker an Armeniern im 19. Jahrhundert verantwortlich war, soll seine Zensoren angewiesen haben, jeden Hinweis auf H2O in den Chemiebüchern, die in sein Reich kamen, zu tilgen, überzeugt, das Symbol stünde für "Hamid II. ist eine Null!". Noch leichter ist es freilich, jene, die wir ablehnen, als bloße Nullen, als Energieschlucker und Schwarze Löcher abzutun, in denen alles Wichtige, das Einzigartige und die Erinnerung an das Einzigartige, spurlos verschwindet.
Es ist, als stünde dieses hohle Oval "0" für Anonymität und spiegle unsere Furcht, für andere keinen Unterschied zu machen, für niemanden, für keinen auf der ganzen Welt: "ins Jenseits zu gehen und keine bleibende Spur zu hinterlassen", schrieb William McFee in Casuals of the Sea - ein Roman, der selbst kaum Spuren hinterließ; für mich nur die Farben, die im facettierten Glas der Schauvitrine meiner Schule schimmerten.
Wie viele Nullen haben Sie selbst in Ihrem Leben, wie Sie nun vielleicht bemerken, nicht alles getroffen, mit wie vielen haben Sie vielleicht sogar gespielt? Jene Gesichter auf alten Klassenfotos, deren Namen Ihnen nun nicht mehr einfallen, jene Namen in alten Adreßbüchern, die in Ihnen keinerlei Gesichtszüge mehr wachrufen - jene Menge, in die Sie selbst manchmal gerne als bloßer Zuschauer eintauchten. Sie sehen diese gesichtslosen Namen - bis Ihnen der Gedanke einen kalten Schauer versetzt, in wie vielen zerfledderten Adreßbüchern, in Kellerschränken verstaut, ihr eigener Name unentzifferbar vor sich hinmodern könnte.
Als Null zu leben: der überflüssige Mensch, der Mensch ohne Eigenschaften, die Person, die, wie John Marcher bei Henry James, erst zu spät herausfindet, dass das Ungeheuer in diesem Dschungel war, dass es gar kein Ungeheuer gab, keine Erwiderung der Leidenschaft: Diese Figur sucht unsere Literatur und unser faktisches Leben heim, erscheint im Salaryman der japanischen Gesellschaft, in den gesichtlosen Firmenangestellten, in den austauschbaren Allerweltsmenschen der Bürokultur, die abends in ihr Heim zurückkehren, um sich in virtuellen Computerspielen zu verlieren. Das Schlimmste von allem ist, dass den meisten anders als Marcher nie bewusst wird, nie gelebt zu haben.
Das war le néant, das Nichts im Herzen des Existentialismus, dessen seltene Erkenntnis Ekel hervorrief - und auf diese Weise einen Moment, in dem man wählen konnte, was man sein wollte, da alle Wahlmöglichkeiten als solche gleichermaßen zwecklos, gleichermaßen willkürlich und gleichermaßen ohne vorausgehenden Sinn waren. Die eigene Existenz begann mit dieser willkürlichen Wahl, die als willkürlich angenommen wurde, und indem man sie auslebte, schuf man sein Wesen: Das war Jean-Paul Sartres glatte Umkehrung der thomistischen Formel, das Wesen gehe der Existenz voraus. In solcher Weise schafft eine zufällige Ziffer vor einer Reihe von Nullen einen Wert, wo es zuvor keinen gab. Aber Sartre starb und seine Authentizität verschied bald darauf, als Pfeife, Schal und die Deux Magots immer mehr als die Eigenwerbung eines Literaten erschienen. Die Mode des Existentialismus verging, bewahrt nur in aufeinander folgenden Wellen von Heranwachsenden, bevor sie das Geldverdienen und der Konsum erfaßte.
Zumindest jene, die nicht aufgewacht sind, bleiben in ihren Träumen verloren. Es gibt eine weit beängstigendere Verkörperung der Null: die schuldbewußte Gewissheit der eigenen totalen Wertlosigkeit. Die Selbstverdammten kannten schon in ihrer Kindheit die Etymologie ihrer Ungezogenheit: Sie rührte von der Tatsache, dass sie nichts taugten; die geringste Andeutung von Verachtung schloss sie aus; sie hörten sich selbst als Hamlet, der kriechend zwischen Himmel und Erde fragt, was er tun soll. Wenn John Donne den Menschen als ein Nichts ansprach, unendlich viel weniger als ein mathematischer Punkt - damals ein imaginäres Atom -, dann sprach er zu allen, die allein und abgeschnitten auf ihren Inseln saßen. Aber was war noch selbst dieser Kanzeldonner gegen die stille Gewissheit in der dunklen Nacht der Seele, dass die Null nur der Anfang einer endlosen Negation war?[...]

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