Doch bislang fehlt die eine Geschichte, die den vielen Facetten dieser Jahrhunderterfindung gleichermaßen gerecht wird. Das Auto schrieb als Maschine Technikgeschichte, als Industrieprodukt Wirtschaftsgeschichte und als Transportmittel Verkehrsgeschichte. Es ist außerdem Gegenstand der Design-, Mode- und Mentalitätsgeschichte. Am Beginn dieser reich illustrierten Geschichte des Autos sehen wir
kutschenähnliche Gefährte über holprige Wege rattern. Wir begegnen Erfindern, Abenteurern und Pionieren, verfolgen unglaubliche Geschichten wie den verbissenen Kampf um die Straße oder Rennen zwischen Flugzeug und Auto. Kurt Mösers Buch öffnet den Blick für die oft überraschenden Wirkungen des Autos auf unsere Lebensbedingungen. Es wird deutlich, wie es vom bloßen Fahrzeug zum »Lebensgefährt« geworden ist. Gerade weil es so affektbesetzt ist, fährt es den Verfechtern vernunftorientierter Mobilitätskonzepte immer wieder davon.
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Kurt Möser ist Konservator am Landesmuseum für Technik und Arbeit, Mannheim (zuständig für die Abteilung Verkehr mit Ausnahme Eisenbahn). Er lehrt an der dortigen Hochschule für Technik und Gestaltung Verkehrsgeschichte und ist wahrscheinlich der einzige Autohistoriker und Verkehrsexperte hierzulande, der es schafft, einen Benz "Velo" von 1893 in Gang zu kriegen und mit dessen Anforderungen fertig zu werden...
Kapitel 4
Kasten: Frühe Autorennen: Gefahrlust und Rekordfaszination
Die von den Automobilclubs organisierten Rennen und Zuverlässigkeitsfahrten wurden propagiert als Mittel "zu immer vollendeterer Ausbildung des Motorwagens als Verkehrsmittel ... Die Rennen scheiden mangelhafte Fabrikate rasch und sicher aus und geben die Richtung an, die Technik und Industrie zur Erzielung immer vollendeterer Fabrikate einzuschlagen haben."1 Rennen waren für die weitere Entwicklungsrichtung des Autos maßgeblich, hin zu mehr Fahrsicherheit und immer höheren Geschwindigkeiten. Immer wieder traten die Grenzen der Technik zutage: Bremsen waren überfordert, Ermüdungsbrüche machten sich bemerkbar, die Wagen übersteuerten und kamen oft ins Schleudern. Und mit immer neuen Motor- und Fahrwerksmerkmalen - von hängenden Ventilen im Zylinderkopf bis zu verbesserten Bremsen -, die dann auch Eingang in die Alltagsfahrzeuge fanden, sannen die Ingenieure auf Abhilfe. Und doch waren die
großen Rennen und Geschwindigkeitsrekorde weniger bedeutsam für den technischen Fortschritt als gemeinhin dargestellt. Die
überzüchteten Boliden mit bis zu 21,5 Litern Hubraum - so der Rekordwagen Blitzen-Benz von 1909 - hatten längst nichts mehr mit den alltagstauglichen Wagen zu tun. "Zuverlässigkeitsfahrten" wie die populäre Prinz-Heinrich-Fahrt, bei denen nur Tourenwagen mitfahren durften, ergänzten daher alsbald solche "Auswüchse".
Dennoch blieben Autorennen für die Herstellerfirmen eine Herausforderung ersten Ranges. Rennsiege erwiesen sich als prestigeträchtig und verkaufsfördernd; kaum ein Fabrikant wollte auf diese potenzielle Reklame verzichten. Literarisch verarbeitet wurde dieser neue Veranstaltungstyp von James Joyce in der Erzählung "Nach dem Rennen" (1904) über das Gordon-Bennett-Rennen von 1903 in Irland: "Die Wagen kamen nach Dublin hereingerast, wie Kugeln glitten sie gleichmäßig die Rille der Naas Road entlang. Auf der Höhe des Hügels von Inchicore hatten sich Trauben von Schaulustigen angesammelt, um die Wagen heimwärts karriolen zu sehen, und durch diesen Kanal der Armut und der Untätigkeit jagte der Kontinent seinen Reichtum und seinen Gewerbefleiß. Hin und wieder brachen die Menschentrauben in die Hochrufe der dankbar Unterdrückten aus."
Anfangs konkurrierten sogar noch Fahrräder mit Autos. Zum letzten Mal musste sich 1891 beim Rennen Paris-Brest der Benzinwagen von Peugeot einem Radler geschlagen geben. Bald spielte nationales Prestige eine große Rolle. Autorennen kombinierten die technisch-wirtschaftlichen Entwicklungen mit nationalistischen Gefühlslagen und individuellem Wettkampf. Rennfahrer wurden zu technischen Helden, die die "nationalen Maschinen" beherrschten, die ihrerseits hervorgebracht wurden vom Genius der Ingenieure und Techniker der Teilnehmerländer. Die großen Rennen wurden zum "Wettstreit der Nationen" und, je nachdem, zu "nationalen Jubelfesten" oder zu Stunden nationalen Jammers. So endete ausgerechnet das im heimischen Taunus ausgetragene Gordon Bennet-Rennen 1904 für das kaiserliche Deutschland durch eine "herbe Niederlage" in einer Kränkung. Sieg oder Niederlage, Triumph oder tödlichen Unfall erfuhren die Helden der technischen Kämpfe - nicht selten Offiziere - stellvertretend für ihre Nation. Um die populären Rennen mit den neuen Mobilitätsmaschinen entstand eine Aura gefahrgeladener, gewalttätiger nationaler Rivalität. "A Berlin!" - diesen Slogan der napoleonischen Soldaten im Krieg von 1870 machten sich auch die französischen Fahrer zu Eigen, kurz bevor sie in den nächsten Krieg zogen.
Die Autorennen schlugen ein begeistertes Publikum in Bann, eine neue Art von Zuschauern, die Gefahrlust und Massenspektakel
schätzten. Zu den komplexen Dramen der Rennen und Rekordversuche auf offener Straße gehörten aber nicht nur die "Helden am Steuer", sondern auch die Akteure im Hintergrund: Konstrukteure, Industrielle, die Presse, die Clubfunktionäre. Gefährliche Strecken, häufige
Unfälle, dramatische Szenen von Verletzung und Tod ließen Autorennen als typisch erscheinen für die Dynamik, Beschleunigung und Gefahren der modernen Zeit. Die Autorennen, an denen sich diese gesellschaftlich aufgewertete und positiv besetzte Lust an Risiko und Aggression entzündete, bereiteten Teilnehmer wie Publikum durch ihre "eigenartige Mischung aus Geschwindigkeit und Gefahr" (Ernst
Jünger) auf eine neue Form der Kämpfe mittels Motoren und Maschinen vor - also auf die mechanisierte Schlacht, die sich wenig später in Europa abspielen sollte.
Auto- und Motorradrennen waren tatsächlich gefährlich, nicht nur symbolisch, und Verletzung und Tod stets gegenwärtig. Jeder Hersteller, der an Rennen teilnahm, verlor Mitarbeiter und Werksfahrer - so Carl Benz seinen "Fahrmeister" Thum. Auch das Rennpublikum war nicht nur passiver Beobachter des gefährlichen Geschehens. Immer wieder kamen bei Unfällen Zuschauer zu Schaden oder gar zu Tode. Der schaurige Höhepunkt war die Fernfahrt Paris-Madrid im Mai 1903.[...]
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Hardcover. Zustand: gut. 2002. Habe ich nicht auch so eine kuriose Kalesche besessen? "Mösers facettenreiche historische Aufarbeitung der ersten Jahre des Automobils ist sehr lesenswert, ebenso die technikgeschichtliche Darstellung." In deutscher Sprache. 380 pages. 27,4 x 20,8 x 3 cm. Bestandsnummer des Verkäufers BN15357
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