Die Evolutionstheorie ist nicht nur ein zentrales Konzept der Biologie, sie hat das moderne Weltbild und das Selbstverständnis des Menschen geprägt. Sie war und ist jedoch auch Gegenstand heftiger Kontroversen in den Kultur- und Sozialwissenschaften, vor allem hinsichtlich der Vererbung und der kognitiven und emotionalen Ausstattung des Menschen. Manuela Lenzen macht mit den grundlegenden Mechanismen der Evolution, den Methoden ihrer Erforschung und der wechselvollen Geschichte und Rezeption der Evolutionstheorie in Wissenschaft und Gesellschaft vertraut.
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Manuela Lenzen, Dr. phil., ist Philosophin und freie Wissenschaftsjournalistin. Sie schreibt u. a. für die FAZ und die Frankfurter Rundschau. Bei Campus erschien von ihr 2002 Natürliche und künstliche Intelligenz.
Und was ist ein Gen?
Fast täglich ist in den Zeitungen von Genen für bestimmte Eigenschaften oder Erkrankungen die Rede, die gefunden worden seien. Diese Redeweise suggeriert ein simples Bild der Vorgänge in der Zelle, bei denen die Gene wie kleine Schalter Eigenschaften an- oder abschalten können. Dieses Bild ist mehr als grob vereinfachend und wird den komplexen Vorgängen in der Zelle nicht gerecht. Unter den Milliarden Basenpaaren des menschlichen Genoms finden sich 30.000 bis 40.000 für Proteine kodierende Sequenzen. Die Mitochondrien und Chloroplasten enthalten weiteres genetisches Material, das sich ebenso durch Teilung fortpflanzt wie die DNA des Zellkerns.
Der Begriff »Gen« wurde 1909 von dem Botaniker Wilhelm Johannsen (1857¬1927) geprägt. Bis in die 50er Jahre hinein war die Ein-Gen-ein-Protein-Hypothese verbreitet, derzufolge jedes Gen eben den Bauplan für ein bestimmtes Protein enthält. Doch je mehr über das Geschehen in der Zelle bekannt wird, desto mehr verschwimmt der Begriff des Gens. Weder steht ein Gen für ein Merkmal, noch steht es unbedingt für ein Protein. Das Verhältnis ist vielmehr eines von »many to many«: Viele Gene beeinflussen viele Merkmale, und viele Merkmale werden von mehr als einem Gen beeinflusst. Welche Bedeutung ein Gen hat, hängt zudem auch davon ab, in welcher Umgebung es sich befindet. Ein Gen muss nicht einmal ein bestimmter Ort auf einem Chromosom sein, sondern kann sich über mehrere Chromosomen erstrecken. »Gen« bezeichnet heute zumeist eine Transkriptionseinheit, zu der auch regulierende, nicht selbst kodierende Teile gehören. Bisweilen werden Gene auch als diejenigen Abschnitte mit phänotypischen Auswirkungen ausgemacht. Nur in diesem, nicht repräsentativen Fall, ist die Rede von einem Gen »für« etwas sinnvoll. Der gängigen Redeweise liegt ein Bild der Gene als isolierter Funktionseinheiten zugrunde, die Ernst Mayr einmal spöttisch als »Bohnensackgenetik« bezeichnete. Doch Gene verhalten sich nicht zueinander wie die Bohnen in einem Sack. Sie sind vielfältig mit anderen Genen und mit dem übrigen Geschehen in der Zelle verbunden.
Ernst Mayr, geboren 1904, studierte Medizin und Zoologie, nahm an zahlreichen Expeditionen teil und war Professor für Zoologie an der Harvard University. Er ist einer der Begründer der modernen Evolutionären Synthese.
Das molekulare Geschehen hat sich als viel komplexer erwiesen, als Mendel dies annehmen konnte, und Wissenschaftstheoretiker streiten heute um die korrekte Beziehung von Mendelscher und molekularer Genetik. Fest steht, dass in den meisten molekulargenetischen Abhandlungen die Mendelsche Gendefinition keine Rolle mehr spielt.
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