Die Freundschaft begann im Berlin 1920er Jahre, überdauerte die nationalsozialistische Diktatur und hielt bis in die Zeit der jungen Bundesrepublik. 1952 gingen gar beide zum vertrauten Du über – was bei Ernst Jünger selten war. Die Briefe von Jünger und Schlichter sind geprägt von prägt Neugierde und Offenheit – sowie einem hohen Maß an Gesprächskultur.
Fünfzig Bilder Rudolf Schlichters, die der Anhang versammelt, bieten zudem einen kompakten Überblick über das Schaffen dieses Künstlers.
Ermöglicht wurde die Edition aus dem Jahre 1997 noch durch Ernst Jünger persönlich, der im folgenden Jahr starb.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Ernst Jünger, am 29. März 1895 in Heidelberg geboren. 1901–1912 Schüler in Hannover, Schwarzenberg, Braunschweig u. a. 1913 Flucht in die Fremdenlegion, nach sechs Wochen auf Intervention des Vaters entlassen 1914–1918 Kriegsfreiwilliger 1918 Verleihung des Ordens »Pour le Mérite«. 1919–1923 Dienst in der Reichswehr. Veröffentlichung seines Erstlings »In Stahlgewittern«. Studium in Leipzig, 1927 Übersiedlung nach Berlin. Mitarbeit an politischen und literarischen Zeitschriften. 1936–1938 Reisen nach Brasilien und Marokko. »Afrikanische Spiele« und »Das Abenteuerliche Herz«. Übersiedlung nach Überlingen. 1939–1941 im Stab des Militärbefehlshabers Frankreich. 1944 Rückkehr Jüngers aus Paris nach Kirchhorst. 1946–1947 »Der Friede«. 1950 Übersiedlung nach Wilflingen. 1965 Abschluß der zehnbändigen »Werke«. 1966–1981 Reisen. Schiller-Gedächtnispreis. 1982 Goethe-Preis der Stadt Frankfurt/Main.1988 Mit Bundeskanzler Kohl bei den Feierlichkeiten des 25. Jahrestags des Deutsch-Französischen Vertrags. 1993 Mitterrand und Kohl in Wilflingen. 1998 Ernst Jünger stirbt in Riedlingen.
Rudolf Schlichter an Ernst Jünger
Rottenburg 9./6.35
Lieber Herr Jünger!
Wenn man auch selten von einander hört, so hört man doch so viel, daß man bedauert, nicht mehr Möglichkeiten einer öfteren Begegnung zu haben. Schon oft seit Ihrem Wegzuge aus Berlin wollte ich Ihnen schreiben, aber Sie wissen selbst, was alles einen daran hindern kann. Ich hoffte auch heimlich auf Ihren Besuch, da Sie seinerzeit den Plan hatten, eine größere Tour durch Süddeutschland zu machen. Wenn ich lhnen heute schreibe, so tue ich das, um ihre Freundschaft in einer Angelegenheit in Anspruch zu nehmen, bei der für mich viel auf dem Spiele steht. Aus dem beigelegten Schriftstück ersehen Sie, was für ein lächerliches Schelmenstück gegen mich inszeniert werden soll, um mich sozusagen als dunklen Fleck auf dem schimmernden Gewande arteigener Kulturbelange auszutilgen. Ich frage mich, woraus diese Herren die Eignung herleiten, Menschen, die immerhin durch ein nicht unbeträchtliches Werk einige Fähigkeit bewiesen haben, die »Eignung für einen kulturschöpferischen Beruf« abzusprechen. Da ich nicht gesonnen bin, mich auf diese schofle Art aus dem deutschen Kunsttempel hinauswerfen zu lassen, habe ich bereits in einer vorläufigen Erklärung um genauere Angabe der Gründe ersucht, die zu einem solchen Verfahren Anlaß geben. In einem meiner letzten Schreiben habe ich Sie und Herrn v. Salomon als meine Bürgen angegeben. Nun verlangt man von mir, von den beiden Bürgen eine Empfehlung bzw. ein Gutachten beizubringen. Ich habe bereits Herrn v. Salomon um ein solches gebeten und möchte nun auch Sie bitten, ein Gutachten über meine »Eignung zu einem kulturschöpferischen Beruf« an die Schrifttumskammer zu senden, von dem ich Sie bitte, mir ein Duplikat zugehen zu lassen. Verzeihen Sie mir, daß ich Sie in einer so unerquicklichen und lächerlichen Angelegenheit in Anspruch nehme, aber diese Farce hat leider beruflich für mich einen ernsten Hintergrund, da mir durch diese Formulierung auch das Recht zu meiner zeichnerischen und malerischen Betätigung abgesprochen wird. Anscheinend würde man es am liebsten sehen, wenn ich wieder in die Goldarbeiterbranche zurückkehrte und dort als einfacher Volksgenosse Kraft durch Freude-Klimmzüge machte. Aber den Gefallen tue ich den Herren auf keinen Fall.
Was nun die als zweites Delikt angeführte Zeichnung betrifft, so hat es damit folgende Bewandtnis: Die »Junge Front« forderte mich seinerzeit auf, etwas zur künstlerischen Bebilderung ihres Blattes beizutragen. Ich schickte ca 17 Zeichnungen verschiedenen Inhalts, Landschaften, Köpfe, Tiere, Kompositionen etc... Darunter war auch das Blatt »Goliath fordert Israel zum Kampf«. Diese Arbeit gehört zu einem Zyklus, den ich zum Buch der Könige zeichnete, war also ohne jede politische Hinterabsicht entstanden. Der Adler auf der Rüstung hatte einen rein dekorativen Zweck und nichts mit dem Hoheitszeichen der NS.d.A.p zu tun. Der Adler ist ja als symbolische Kriegerzier bei fast allen syrisch vorderasiatischen Völkern zu finden, die Römer übernahmen ihn sogar von den +++verd... Etruskern. Dies gab ich den Herren auch in meinem Antwortschreiben zu bedenken. Die Unterschrift zu dem Bilde stammte nicht von mir, sie wurde auf der Redaktion der »J.[ungen] Fr.[ont]« ausgeknobelt, ohne mich davon vorher in Kenntnis zu setzen. Dies alles zu Ihrer Orientierung.
Aber ich will Sie jetzt nicht mehr länger mit dieser unerfreulichen Gänsedreckzieherei behelligen. Wie geht es Ihnen in der Provinz? Hat sich Ihre Frau gut eingelebt? Geht es Ihnen auch so wie uns, die wir hier die Rolle von gehässig-neugierig betrachteten interessanten Fremdkörpern spielen, um die Tag für Tag in gleichem Rhythmus die gemächliche Dummheit des mobilisierten Kleinbürgers kreist? Wenn Speedy durch die Straßen geht, sieht es ungefähr so aus, als ob die ihrer Schätze beraubte Königin von Saba in einer dazischen Militärkolonie einzieht. Ohne die wirklich schöne Landschaft mit ihrer guten Luft und einem Kreis geistiger Menschen wäre es unter diesen Troglodyten schwer auszuhalten. Doch ich habe mich hier gut entwickelt, sicher besser als es mir je in Berlin oder sonst in einem nordischen Stein[-] und Asphalthaufen möglich gewesen wäre. Denn der Maler braucht die Natur, (so weit noch welche vorhanden ist) und ich möchte diese Jahre wirklich nicht missen. Ich habe viel gemalt und noch mehr gezeichnet. Jetzt gerade ist ein großes Bild »An die Schönheit« fertig geworden: Eine nackte weibliche Gestalt, schlafend in einer weiten Juraland schaft. Ein anderes großes Bild stellt »Mars« dar, allerdings nicht in der beliebten optimistisch-herrischen Schau, die heute so beliebt ist.
Um Ihnen jedoch einigermaßen ein Bild von meinem Schaffen zu geben, sende ich Ihnen hier einige Photos. Es ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt und giebt deshalb ein unvollkommenes Bild, zumal die großen Bilder fehlen. Aber sie können Ihnen doch einen guten Eindruck vermitteln. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir die Photos gelegentlich wieder zurückschickten, da ich sie für Reproduktionszwecke häufig benötige.
Grüßen Sie Ihre Familie recht herzlich von uns und seien Sie selbst in alter Freundschaft gegrüßt
Rudolf Schlichter
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