Eine Liebe auf Leben und Tod
An jedem Ort wäre Bianca lieber als an diesem: Das Evernight-Internat ist eine Eliteschule, und die anderen Schüler sind einfach zu perfekt – zu clever, zu schön, zu rücksichtslos. Bianca weiß, dass sie niemals dazugehören wird, und reißt aus. Doch sie soll nicht weit kommen. Noch auf dem Gelände der Schule läuft sie Lucas in die Arme. Der junge Mann ist ebenso ein Einzelgänger wie sie, und er ist anscheinend fest entschlossen, das auch zu bleiben. Bianca merkt sehr schnell, dass es eine besondere Verbindung zwischen ihr und Lucas gibt, eine Anziehungskraft, die jedes normale Maß übersteigt. Doch sie muss auch erkennen, dass Lucas von dunklen Geheimnissen umgeben ist. Von Geheimnissen, die alles in Frage stellen, woran Bianca jemals geglaubt hat …
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Bevor Claudia Gray sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete sie als Anwältin, Journalistin und DJ. Seit ihrer Kindheit interessiert sie sich für Filmklassiker, die Stile vergangener Epochen und Architektur. Ihr dadurch erworbenes Wissen ließ sie sanft in die Welt von „Evernight“ einfließen und erschuf so eine unverwechselbare Stimmung.
"Junge Liebe, alter Hass und eine Fehde, die Romeo und Julia würdig wäre!"
Romantic Times
Der brennende Pfeil bohrte sich in die Wand.
Feuer. Das alte, trockene Holz des Versammlungshauses entzündete sich augenblicklich. Dunkler, öliger Rauch schwängerte die Luft, brannte in meiner Lunge und brachte mich zum Husten. Meine neuen Freunde um mich herum schrien entsetzt auf, ehe sie nach ihren Waffen griffen und sich bereit machten, um ihr Leben zu kämpfen.
All das geschah meinetwegen.
Pfeil um Pfeil schwirrte durch die Luft und gab den Flammen weiter neue Nahrung. Durch den Aschenebel suchte ich verzweifelt Lucas' Blick. Ich wusste, er würde mich beschützen, was auch immer geschehen mochte, aber auch er war in Gefahr. Wenn Lucas etwas zustieße, während er versuchte, mich zu retten, würde ich mir das nie verzeihen.
In der rußerfüllten Luft rang ich nach Atem, packte Lucas' Hand und rannte mit ihm zur Tür. Aber sie warteten schon auf uns.
Sie waren nur Silhouetten vor den Flammen - eine dunkle, bedrohliche Phalanx, die unmittelbar vor dem Versammlungshaus stand. Keine der Gestalten schwang eine Waffe, aber das brauchten sie auch nicht, um ihrer Drohung Nachdruck zu verleihen. Sie waren meinetwegen gekommen. Sie waren gekommen, um Lucas dafür zu bestrafen, dass er ihre Regeln missachtet hatte. Sie waren gekommen, um zu töten.
Das alles geschieht meinetwegen. Wenn Lucas stirbt, wird es meine Schuld sein.
Wir konnten nirgendwohin fliehen, uns nirgends verbergen. Aber hier konnten wir auch nicht bleiben, nicht, während dieses Feuersturms um uns herum, der bereits so heiß tobte, dass er meine Haut versengte. Nicht mehr lange und die Decke würde einstürzen und uns alle unter sich begraben.
Draußen warteten die Vampire.
Es war der erste Schultag, was bedeutete: meine letzte Chance, noch davonzulaufen.
Ich hatte keinen Rucksack voller Dinge, die man für ein Überleben in der Wildnis braucht, kein dickes Portemonnaie mit Bargeld, von dem ich mir ein Flugticket nach irgendwohin kaufen konnte, und auch keinen Freund, der am Ende der Straße in einem Fluchtauto auf mich wartete. Vor allem fehlte mir das, was jeder Mensch mit gesundem Verstand einen "Plan" nennen würde.
Aber das spielte alles keine Rolle. Auf keinen Fall würde ich in der Evernight-Akademie bleiben.
Kaum zeichnete sich das erste, gedämpfte Morgenlicht am Himmel ab, schlüpfte ich in meine Jeans und griff nach einem wärmenden, schwarzen Sweatshirt - so früh am Morgen und so hoch in den Hügeln fühlte sich selbst der September frisch an. Achtlos band ich meine langen, roten Haare im Nacken zu einem Knoten zusammen und zog meine Wanderstiefel an. Ich glaubte, leise sein zu müssen, obwohl ich mir keine Sorgen zu machen brauchte, dass meine Eltern aufwachen könnten. Es reicht zu sagen, dass sie nicht gerade Morgenmenschen seien. Gewöhnlich schlafen sie wie Tote, bis der Wecker sie aus dem Schlaf reißt, und das würde erst in einigen Stunden geschehen.
Was mir einen ordentlichen Vorsprung verschaffte.
Vor meinem Schlafzimmerfenster starrte mich ein steinerner Wasserspeier an, riesige Reißzähne vervollständigten seinen zur Grimasse verzerrten Mund. Ich packte meine Jeansjacke und streckte dem Ungeheuer die Zunge heraus. "Vielleicht hast du ja Lust, in der Festung der Verdammten herumzuhängen", murmelte ich. "Nur zu."
Bevor ich verschwand, machte ich mein Bett. Normalerweise kostete es meine Mutter ewige Nörgeleien, bis sie mich dazu brachte, aber diesmal wollte ich es selber. Mir war klar, dass meine Eltern heute auch so einen Anfall kriegen würden, und ich hatte das Gefühl, sie ein bisschen dafür zu entschädigen, wenn ich die Bettdecke glatt strich. Sie würden es vermutlich anders sehen, aber das hielt mich nicht davon ab. Als ich die Kissen aufschüttelte, blitzte plötzlich eine merkwürdige Erinnerung an etwas in mir auf, das ich in der Nacht zuvor geträumt hatte, und das Bild vor meinem geistigen Auge war so lebendig und unmittelbar, als träumte ich noch immer:
Eine Blume in der Farbe von Blut.
Der Wind heulte in den Bäumen um mich herum und peitschte die Äste in alle Richtungen. Am Himmel über mir wirbelten schwere, dunkle Wolken. Ich strich mir das sturmzerzauste Haar aus der Stirn. Ich wollte nichts anderes als mir die Blume ansehen.
Jedes einzelne, regenbenetzte Blütenblatt war leuchtend rot, schmal und wie eine Klinge geformt, so wie es manchmal bei tropischen Orchideen der Fall ist. Doch die Blüte war auch üppig und gefüllt, und sie klammerte sich nahe an den Stängel wie eine Rose. Die Blume war das Exotischste,
Bezauberndste, was ich je gesehen hatte. Ich musste sie unbedingt für mich haben.
Warum ließ mich diese Erinnerung schaudern? Es war nur ein Traum. Ich holte tief Luft und versuchte, meine Gedanken wieder zu sammeln. Es war Zeit zu gehen.
Meine Umhängetasche lag griffbereit, denn ich hatte sie bereits am Abend zuvor gepackt. Nur ein paar Dinge hatte ich hineingeworfen - ein Buch, meine Sonnenbrille und etwas Geld für den Fall, dass ich bis nach Riverton kommen musste. Der einzige Ort hier in der Gegend, den man ansatzweise als zivilisiert bezeichnen konnte. Diese Dinge würden mir über den Tag helfen.
Ich lief also gar nicht weg. Jedenfalls nicht richtig, wie wenn man eine Pause einlegt, eine neue Identität annimmt, ich weiß auch nicht, zum Zirkus geht oder so was in der Art. Nein, was ich tat, war etwas anderes: Ich wollte etwas deutlich machen. Seit meine Eltern zum ersten Mal vorgeschlagen hatten, dass wir an die Evernight-Akademie wechseln sollten - sie als Lehrer, ich als Schülerin - war ich dagegen gewesen. Wir hatten mein ganzes Leben lang in derselben Kleinstadt gelebt, und ich war in dieselbe Schule mit denselben Leuten gegangen, seit ich fünf Jahre alt war. Und genau so wollte ich es auch haben. Es gibt Menschen, die gerne Fremde kennenlernen, mühelos ein Gespräch beginnen und Freundschaften schließen, aber so war ich nie gewesen. Ganz im Gegenteil. Es ist komisch: Wenn einen die Leute "schüchtern" nennen, lächeln sie gewöhnlich dabei. Als wäre es ganz süß und eine Angewohnheit, die verschwinden würde, wenn man älter wurde, wie die Lücken zwischen den Zähnen, wenn die Milchzähne ausfielen.
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