Verwandte Artikel zu Eine Revolutionsballade: Mexico 1914 (Die Andere Bibliothek)

Eine Revolutionsballade: Mexico 1914 (Die Andere Bibliothek) - Hardcover

Reed, John

 
9783821845609: Eine Revolutionsballade: Mexico 1914 (Die Andere Bibliothek)

Inhaltsangabe

»Mein sehr verehrter und geschätzter Herr! Sollten Sie es wagen, die Stadt Ojinaga zu betreten, so werde ich Sie mit dem Gesicht an die Wand stellen lassen, und es wird mir persönlich ein großes Vergnügen sein, Furchen in Ihren Rücken zu schießen«, schreibt dem Verfasser ein mexikanischer General. »Dennoch«, sagt der Reporter, »watete ich eines Tages durch den Fluss und stieg zur Stadt hinauf« So beginnt John Reeds Bericht von einer Revolution, an die sich in Europa kaum noch jemand erinnert. Der siebenundzwanzigjährige ahnungslose Amerikaner stürzt sich in die ersten Scharmützel eines blutigen, wirren, grausamen Bürgerkriegs, der zehn Jahre dauern sollte. Er hat kein revolutionäres Heldenepos geschrieben, sondern die Chronik eines tragikomischen Tohuwabohus, voller Sympathie mit den Kämpfern, Opfern und Randfiguren des Aufruhrs. Sein unbefangener Blick, sein Mut, sein balladesker Stil und sein Humor bringen dem Leser eine ferne Welt näher, als es die faktenreichste Historiographie vermag.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Im Juli 1914, einen Monat vor Ausbruch

des Ersten Weltkriegs, erschien eine großformatige

Anzeige in der New Yorker Zeitschrift Metropolitan

mit der Überschrift: "Der Kriegsbericht, den Sie

lesen, wurde auf einer Corona-Schreibmaschine getippt"

und dem schwer übersetzbaren Untertitel: "The men behind

the men behind the guns". "Die Männer", heißt es weiter,

"die ihr Leben riskieren, um Nachrichten zu recherchieren

und diese so schnell wie möglich dem Publikum zu übermitteln,

benutzen Corona-Reiseschreibmaschinen. Das

Photo zeigt John Reed, Kriegskorrespondent des Metropolitan

in Mexico, beim Tippen eines Briefs an den Chefredakteur,

nachdem er zum ersten Mal eine Corona ausprobiert

hat. Der Brief beginnt so: "29. April, auf der

Eisenbahn. Lieber Hovey, diese Schreibmaschine ist eine

wirklich tolle Erfindung und erleichtert mir die Arbeit ungemein,

weil ich jetzt im Zug schreiben kann. Dabei wiegt

das verdammte Ding nur sieben Pfund und ist kaum größer

als eine Kamera. Anbei die Schilderung der Schlacht -

eine gute Geschichte, denke ich. Der Rest folgt."

Auf dem Photo ist John Reed zu sehen, wie er, dem Betrachter

den Rücken zukehrend, an einer Corona-Schreibmaschine

sitzt und, das eingelegte Blatt zwischen Daumen

und Zeigefinger, den zitierten Text gegenliest: eine

täuschend echte Fiktion, an der, bis hin zum Namen des

Redakteurs, alles stimmt außer der Tatsache, daß der

Reporter zu diesem Zeitpunkt nicht in Mexico war, sondern

an seinem Schreibtisch in New York, wo er für das Photo

posierte. Der gelungene Werbegag zeigt zweierlei: Daß

der junge John Reed mit nur sechsundzwanzig Jahren auf

dem Höhepunkt seines Erfolgs, kein grimmiger Antikapitalist

war, und daß technische Erfindungen wie Eisenbahn

und Schreibmaschine, Kamera, Telefon und Telegraph die

Arbeit des Zeitungsreporters, damals ein brandneuer Beruf,

überhaupt erst möglich machten. Marxistisch ausgedrückt,

könnte man vom Widerspruch zwischen Produktivkräften

und Produktionsverhältnissen sprechen, aber diese Terminologie

war John Reed vor dem Ersten Weltkrieg noch

fremd.

John Silas Reed wurde am 22.Oktober

1887 in Portland, Oregon, geboren, einer

neugegründeten Stadt im pazifischen Nordwesten der

USA, wo sein Großvater während des Sezessionskriegs zu

Geld gekommen war; Reeds Mutter Margaret ging an der

Ostküste zur Schule und heiratete einen Geschäftsmann

aus New York, der als Vertreter für Landwirtschaftsmaschinen

nach Oregon zog. Charles Jerome Reed hatte mehr

als Geldverdienen im Sinn und machte sich lustig über die

neureichen Bürger von Portland mit ihrer prätentiösen Engstirnigkeit.

Als US-Marshall deckte er einen Bestechungsskandal

auf, in dem Tausende Hektar Regierungsland illegal

an Spekulanten verscherbelt worden waren, und schloß

Freundschaft mit dem aus New York angereisten Journalisten

Lincoln Steffens, der den Skandal öffentlich machte.

Als Rache für seinen Verrat wurde er von Portlands

Establishment fortan gemieden, und Reeds Stammplatz

im von Holzhändlern und Sägewerksbesitzern dominierten

örtlichen Club blieb leer. "Der Lehnstuhl am Kopfende

war mein Platz", schrieb Lincoln Steffens rückblickend auf

seine Freundschaft mit John Reeds Vater: "Dort habe ich

gesessen und sie in ihre Schranken verwiesen, anfangs im

Scherz, später in vollem Ernst. Jetzt möchte ich sehen, wer

von ihnen den Mumm hat, meinen Platz einzunehmen.

Keiner, soviel ich weiß, denn seit meinem Abgang blieb der

Stuhl leer."

Der Einfluß des unangepaßten Vaters auf den Nonkonformismus

des Sohns kann nicht hoch genug veranschlagt

werden, denn John Reed mutmaßte später, die gesellschaftliche

Ächtung, gepaart mit dem kostspieligen Ehrgeiz, ihn

in Harvard studieren zu lassen, habe zum frühen Tod seines

Vaters beigetragen. Wie unkonventionell dieser dachte, zeigt

ein Brief an Lincoln Steffens, in dem er den New Yorker

Journalisten bat, seinen Sohn unter die Fittiche zu nehmen

- aber nicht allzusehr: "Besorg ihm einen Job und zeig ihm

alles, was er sehen will, aber achte darauf, daß er sich nicht

so früh festlegt wie ich, was seine Überzeugungen, Beruf

und Karriere betrifft. Let him play!"

Der Verdacht liegt nahe, daß Reed junior kompensatorisch

verwirklichen sollte, was Reed senior versagt geblieben

war, und in gewisser Weise hat der Sohn dieses Versprechen

eingelöst, wenn auch anders, als vom Vater beabsichtigt und

geplant. Ein weiterer Einfluß, der sich schon in früher

Kindheit geltend machte, war der des exotisch Fremden,

denn in John Reeds Elternhaus in Portland gab es einen

chinesischen Diener namens Sing, der mit wippendem Zopf,

Räucherstäbchen und Gong in der Küche hantierte. John

Reeds Wunsch, nach China zu reisen, wo 1911 zusammen

mit dem Kaisertum auch die von den Mandschu-Herrschern

verordneten Zöpfe fielen, geht auf diese familiäre

Wurzel zurück. Hätte er länger gelebt, wäre er vielleicht,

wie die amerikanische Schriftstellerin Agnes Smedley, auf

der Suche nach der reinen und unverfälschten Revolution

nach Yenan gepilgert und hätte dort Mao Tse-tung interviewt.

Ein anderer Einfluß ging von der schillernden Figur eines

Onkels aus, der sich als Kaffeepflanzer in Mittelamerika

niederließ und, bärtig und braun gebrannt, in kreolischem

Slang von seinen Heldentaten berichtete: Nach eigenem

Bekunden hatte er in Guatemala eine Revolution angeführt

und Deutschland den Krieg erklärt als Vergeltung dafür,

daß er im Deutschunterricht eine Niete gewesen war . . .

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.