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Krieg: Roman - Hardcover

Rausch, Jochen

 
9783827011695: Krieg: Roman

Inhaltsangabe

Seit Monaten schon lebt Arnold Steins zurückgezogen inmitten der rauen Welt der Berge und kommt nur gelegentlich runter ins Dorf. Doch so einsam und abgeschieden ist das Leben nicht in dieser verwitterten Almhütte mit all ihren Geheimnissen: In einem Moment der Abwesenheit zerstört ein Fremder die letzten Dinge, die ihm wichtig sind, sein Hund wird brutal verletzt – ein Kampf auf Leben und Tod mit unbekanntem Gegner beginnt. Und auf einmal versteht Arnold, wie alles zusammenhängt: das Schicksal seines Sohnes mit der zerstörerischen Trauer seiner Frau und der eigenen Flucht aus einem Leben, in dem er sich nur ein einziges Mal zur Wehr setzte. »Angst? Nein. Merkwürdigerweise nicht. Vielleicht wird er nie wieder Angst haben im Leben. Vielleicht überwindet der Mensch seine Angst, wenn er erst seine Träume begraben hat.«

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Jochen Rausch ist Journalist, Autor und Musiker. Seit 2000 ist er Programmchef von Radio 1LIVE (WDR), Köln. 2008 erschien der Roman »Restlicht«, 2011 sein Erzählungsband »Trieb« und 2013 der Roman »Krieg«. Im Frühjahr 2015 wird ein neuer Band mit Erzählungen im Berlin Verlag erscheinen. Rausch lebt in Wuppertal.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

ERSTER TEIL
01
In den Nächten hört er Schüsse, wenn es denn Schüsse sind.
Manchmal hört er auch Schreie. Aber wenn Arnold die Tür
aufzieht, nicht weiter als einen Spalt nur, dann sind da nichts
als die Dunkelheit und das Rauschen des Waldes, das harmlose
Gluckern des Bachs und ein gelegentliches Knacken im Geäst.
Hin und wieder schwingt sich ein Vogel auf und schlägt mit
den Flügeln. Seit Arnold auf dem Berg ist, verging nicht eine
Nacht ohne Schüsse und Schreie.
An der Kasse des M-Marktes ist er der nächste Kunde hinter
einem Alten, der den Rücken nicht geradebekommt. Der
Alte schiebt seine Einkäufe aufs Band. Die Päckchen, Tüten
und Konserven sind ihm schwer wie Ziegelsteine.
Mach doch schneller.
Diesmal sind es keine Schüsse oder Schreie, die Arnold sich
einbildet. Diesmal ist er überzeugt, es ist etwas mit der Hütte.
Seit er am Weinregal nach einem trockenen Weißen gesehen
hat, denkt er es: Die Hütte könnte in Flammen stehen. Oder
ein Steinschlag ist über sie niedergegangen. Man hört auch
von Einbrechern.
Mit wackligen Händen reicht der Alte der Kassiererin die
Geldbörse, dass sie die Scheine herausnimmt. Arnold legt seine
Einkäufe aufs Band: Wein, Nudeln, Obst, Salz, Tee, bittere
Schokolade, Zigaretten. Was ihm gerade fehlt dort oben. Nein,
er hat keine Kundenkarte. Er will auch keine Bonuspunkte.
"Ich würd eine Kundenkarte nehmen", sagt die Kassiererin.
"Aber ich brauch keine", sagt er.
"Du gewinnst eine Reise nach Tunesien."
Sie sitzt häufig an der Kasse des M-Marktes. Die Kassiererin
ist jung und hat doch schon ein abgenutztes Lächeln. Eine
Martina. Sie trägt das Namensschild am Kittelkragen. An ihrem
Scheitel wächst die Färbung raus. Sie ist gar nicht blond,
sondern brünett. Was ihm so auffällt.
"Ich will nicht nach Tunesien", sagt er.
"Ach was", sagt die Kassiererin, "Hauptsache, s geht in
die Sonne."
Sie lacht. Eine geschickte Kassiererin ist sie. Der Scanner
fiept und fiept, während sie redet und lacht. Und trotzdem
dauert es für ihn zu lang. Wegen der verrückten Gedanken,
die er sich um die Hütte macht. Er schiebt die Waren nach, bis
die Martina aufsieht und den Kopf schüttelt.
"Was hast du s so eilig heut?"
Was soll er antworten? Soll er sagen, er denkt, etwas ist auf
der Hütte passiert, während er im Dorf Einkäufe erledigt und
am Weinregal nach einem Weißen sieht? Du spinnst doch,
wird die Kassiererin sagen, du bist doch kein Hellseher oder
der Herrgott. Ja, er spinnt. Ja, ja. Immerzu bildet er sich irgendetwas
ein. Der Hund muss nur ein paar Minuten länger
draußen bleiben als gewöhnlich, und schon glaubt Arnold, der
sei über eine Felskante gerutscht und hätte sich das Genick gebrochen.
Oder im Bach ersoffen. Es soll auch Wölfe geben dort
oben, die einen Hund reißen wie ein dummes Lamm. Aber er
hat noch keinen Wolf gesehen, und dem Hund ist ja auch nie
etwas zugestoßen. Wie auch die Schüsse in der Nacht keine
Schüsse sind und die Schreie keine Schreie.
Er legt der Kassiererin zu viele Scheine hin.
"Wenn s Geld über hast, dann brauchst auch keine Bonuspunkte",sagt sie und lacht wieder.
Arnold grüßt, schiebt den Einkaufswagen auf den Parkplatz.
Der Hund döst auf dem Beifahrersitz und schreckt hoch, als er
die Fahrertür des Pick-ups aufzieht. Der Hund trippelt über die
Sitze, bellt und wedelt mit dem Schwanz. Arnold verstaut die
Einkäufe hinter den Sitzen.
"Platz", sagt er, "Platz."
Er tätschelt dem Hund den Hals, aber der springt weiter
umher. Ein schlecht erzogenes Tier. Ein Straßenköter. Eine
Mischung von irgendwas mit einem Labrador. Vor fünf Jahren
hat Karen ihn auf einem Rastplatz an der Autobahn aufgelesen.
Er lässt den Motor an. Ein gutmütiges, gleichmäßiges Brummen.
Wenn er sich beeilt, sind es keine zwanzig Minuten vom
Dorf bis auf den Berg. Er überholt eine Golfkarre, bei der Apotheke
laufen ihm Urlauber vor den Wagen. Sie schimpfen mit
erhobenen Wanderstöcken. Er

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Verlag: Berlin Verlag Taschenbuch, 2015
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