Zwischen 1780 und 1823 reiste Goethe mehrmals durch Bayern. Goethe träumte von einer Zeit ohne allmächtigen Einfluß des katholischen Klerus auf die Gesellschaft. Auf seinen Reisen durch Bayern spürte der Dichter aus Weimar aber auch die Vorzüge des Landes. Seine Reiseschilderungen und seine vielfältigen persönlichen Erfahrungen zeigen in einzigartiger Weise Goethes Verknüpfungen mit dem Süden Deutschlands.
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Nürnberger Großeltern und erste Kontakte mit Bayern
Märchen und Mädchen sind es, die Johann Wolfgang Goethe immer wieder bewegen und erregen, die ihn zu unsterblichen Werken und Worten verführen. Unsterblich ist ewig und diesen Terminus verwendet er am Schluß seines Lebens und Hauptwerkes (Faust): "Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan."
Natürlich verrät er sich damit bewußt oder unbewußt. Aber er sieht sowieso alles anders und das meiste richtig. Wenig bekannt sind seine vielfältigen Beziehungen zum heutigen Bayern, zum genialen Bürgertum in Regensburg und Nürnberg und zu dessen Spitzenvertretern, zu den Gelehrten und Geehrten des Landes, zu seinen hübschen Töchtern und ihren Fähigkeiten, ihn zu inspirieren. Er schmiedet auf seinen vielen Reisen zwischen Hof und Mittenwald seine schönsten Verse und erfährt im wahrsten Sinne des Wortes Bayern als Kurfürstentum und Königreich. Ein Zauber ohnegleichen begleitet sein Leben, ob er mit der Schwester der bayerischen Kurfürstin flirtet oder sich von den ersten zwei Königen hofieren läßt!
Welch ein Leben zwischen dem Ende des Immerwährenden Reichstages in Regensburg und Klenzes ersten weltberühmten Tempeln. Goethe verfolgt Bayerns politische und ideologische Metamorphose vom bigotten Kurland zur Aufhebung der Klöster, vom Erwerb der glanzvollen Reichsstädte Augsburg, Nürnberg und Regensburg bis zur Einverleibung ganz Frankens (außer Coburg).
Dann erlebt er die Schönheiten Bayerns - die Rathäuser an Lech und Donau. Er besteigt im Fichtelgebirge den Ochsenkopf und in München den Nordturm der Liebfrauenkirche und genießt die Delikatessen des Landes: Nürnberger Bratwürste und Bockbier, Würzburger Wein und "Kaffeebrötchen" aus Marktredwitz. Auf seiner letzten Reise durch diese Region plagt ihn seine letzte große Liebespein - in Bayern ganz oben, in Franken.
Und genau aus diesem "gesegneten Land" (Götz von Berlichingen) stammen seine Vorfahren mütterlicherseits. Goethes Ur-urgroßvater Johann Wolfgang Textor war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Ratskonsulent in Nürnberg und Professor in Altdorf, an der "berühmten Universität", wie der französische Diplomat Blaineville schrieb. Urgroßvater Christoph Textor erblickte hier 1666 das Licht der Welt. Von dessen Sohn Johann Wolfgang erhielt unser Goethe seine Vornamen. Er ist der Vater von Catharina Elisabeth Textor, der Ehefrau von Johann Caspar Goethe. Beide heirateten im August 1748. Die Braut zählte 17 Lenze, ihr Bräutigam schon 38 Sommer. Im Jahr darauf wird ihr großer Sohn in Frankfurt geboren. Am 28. August 1749.
Nach einer heiteren Kindheit schickt ihn der Vater an die Universität Leipzig, an der er sich am 19. Oktober 1765 im Fach Jura immatrikuliert und - nach der dort üblichen landsmannschaftlichen Aufteilung - Mitglied der Bayerischen Nation wird. Er lernt Kommilitonen und Zuzügler aus dem Süden kennen, vor allem dessen farbige und faszinierende Kultur. Gespannt lauscht er den Beschreibungen Nürnbergs, aus dem nicht nur Großpapa stammt, sondern ebenso der von ihm stets geschätzte Albrecht Dürer.
Auch der Dr. Faust, so erfährt er, war einst in der Noris (1532). Ihm gilt bald Goethes ganzes Interesse. Schnell stellt sich heraus, dieser Wander- und Wunderarzt, Astro- und Theologe hat sich wahrscheinlich mehr im heutigen Bayern als sonst in einem deutschen Land aufgehalten. Nach der äußerst spärlichen Quellenlage sehen wir ihn gesichert noch in Würzburg, Bamberg, Ingolstadt und Eichstätt.
Dann nicht zu vergessen Hans Sachs, der Schuster und Dichter aus Nürnberg. Wie schätzt Goethe dessen Verse und Lieder, in denen sich der Alltag in der prächtigen Pegnitzstadt ebenso spiegelt wie der auf den reichen Bauerndörfern der Umgebung und eine Frau über ihren Mann schwärmt: "Er hat mich oft geküßt, geherzt, / Mir schön getan, mit mir gescherzt." Das sind brillante Zeilen, denkt Goethe. Und so übertreibt er denn auch nicht, wenn er in seinen Erinnerungen Dichtung und Wahrheit bekennt: "Der wirklich meisterliche Dichter, lag uns am nächsten, ein wahres Talent."
hnlich schwärmt Goethe von Sachsens Zeitgenossen Johannes Turmair, dem Urbayern aus Abensberg, besser bekannt unter seinem Pseudonym Aventinus. Diesen phantastischen Historiker, der sich, um Glaubensverfolgungen zu entgehen, bald in Regensburg niederließ, lobt er wegen dessen Hauptwerk (Baierische Chronik), das erste große deutsche Geschichtswerk, das sich auf Urkunden stützt. Einer, der das vielschichtige Bayern kennt wie kein zweiter, wird schließlich Goethes großer Weggefährte: Karl Ludwig von Knebel. Er ist Schriftsteller und Übersetzer, viel gereist und voller Witz. Keiner von allen Bekannten unseres Dichters wird sein Vertrauen so überreichlich genießen wie dieser sthet, den man auch Goethes "Urfreund" nennt. Großvater Johann Knebel war Kammerrat in Ansbach, Vater Johann Georg in Regensburg brandenburgisch-bayreuthischer Gesandter, Mutter die Tochter eines Hofrates in Bayreuth. Geboren wurde Knebel 1744 im Schloß Wallerstein bei Nördlingen, er wuchs in Regensburg auf, machte von hier Ausflüge ins altbayerische Umland, zog dann nach Ansbach und Nürnberg, wo er aus Weimar das Angebot erhielt, Prinzenerzieher zu werden.
So stellen wir am Ende dieses kurzen Einleitungskapitels fest: Aus Erzählungen und Büchern kann sich Goethe eine fundierte Meinung über das Land zwischen Alpen und Rhön bilden. Mit 31 setzt er dann erstmals seinen Fuß auf bayerische Erde.
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