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Der Verfolger. SZ-Bibliothek Band 21 (Süddeutsche Zeitung Bibliothek) - Hardcover

Cortazar, Julio

 
9783937793207: Der Verfolger. SZ-Bibliothek Band 21 (Süddeutsche Zeitung Bibliothek)

Inhaltsangabe

Johnny Carter ist ein begnadeter Jazzmusiker, ein avantgardistischer Pionier neuer Stilrichtungen. Doch seine Genialität hat ihren Preis: So unnachgiebig er nach dem perfekten Jazz sucht und die reine, absolute Musik verfolgt, so rücksichtslos zerstört er sich selbst auf dieser Suche ...

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Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Dédée rief mich am Nachmittag an, um mir zu sagen, daß es Johnny nicht gut gehe, und ich bin sofort ins Hotel gegangen. Seit einigen Tagen wohnen Johnny und Dédée in einem Hotel in der Rue Lagrange, in einem Zimmer im vierten Stock. Es genügte ein Blick auf die Zimmertür und ich wußte, daß Johnny sich in der größten Misere befand; das Fenster geht auf einen fast schwarzen Hinterhof, und schon um ein Uhr mittags muß man Licht anmachen, wenn man Zeitung lesen oder sich im Spiegel betrachten will. Obgleich es nicht kalt war, fand ich Johnny in eine Wolldecke eingewickelt, in einen schäbigen Sessel gezwängt, aus dem überall gelbliche Wergwolle herausquoll. Dédée ist gealtert, und das rote Kleid steht ihr gar nicht gut; es ist ein Kleid für die Arbeit, für die Bühnenbeleuchtung; in diesem Hotelzimmer hatte es die widerliche Farbe von geronnenem Blut. "Kamerad Bruno ist so treu wie schlechter Mundgeruch ", sagte Johnny als Begrüßung und zog die Knie hoch, um sein Kinn darauf zu stützen. Dédee schob mir einen Stuhl hin und ich holte ein Päckchen Gauloises aus der Tasche. Ich hatte ein Fläschchen Rum mitgebracht, doch ich wollte es nicht zeigen, bevor ich mir von dem, was hier los war, ein Bild gemacht hatte.

Ich glaube, was mich am meisten störte, war die nackte Glühbirne, die wie ein ausgerissenes Auge an einem Kabel voller Fliegendreck von der Decke herabhing. Nachdem ich ein- oder zweimal in ihr Licht geblickt hatte, wobei ich mir die Hand als Schirm vor die Augen hielt, fragte ich Dédée, ob wir die Lampe nicht ausmachen und mit dem Licht auskommen könnten, das durch das Fenster kam. Johnny verfolgte meine Worte und Bewegungen mit zerstreuter Aufmerksamkeit, wie eine Katze, die einen unverwandt anblickt, doch der man ansieht, daß sie mit ganz was anderem beschäftigt ist; daß sie etwas anderes ist. Schließlich stand Dédée auf und schaltete das Licht aus. Bei dem, das uns blieb, einer Mischung aus Grau und Schwarz, sahen wir uns besser. Johnny zog eine seiner langen, mageren Hände unter der Wolldecke hervor und ich spürte die schlaffe Wärme seiner Haut. Dann sagte Dédée, sie wolle uns einen Nescafé machen. Es freute mich, daß sie wenigstens noch eine Dose Nescafé hatten. Wenn einer noch eine Dose Nescafé hat, sage ich mir immer, ist seine Lage nicht völlig aussichtslos; er kann noch eine Weile durchhalten. "Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen", sagte ich zu Johnny. "Mindestens einen Monat." "Warum mußt du immer die Zeit zählen", antwortete er mir schlechtgelaunt. "Der erste, der zweite, der dritte, der einundzwanzigste. Allem gibst du eine Nummer, du. Und die hier ist genauso. Weißt du, warum sie wütend ist? Weil ich das Saxo verloren habe. Im Grunde hat sie recht."

"Aber wie konntest du es bloß verlieren?", fragte ich ihn, obgleich ich wußte, daß es eben das war, was man Johnny nicht fragen konnte. "In der Metro", sagte Johnny. "Ich hatte es sicherheitshalber unter den Sitz gelegt. Es war ein herrliches Gefühl, in der Metro zu fahren und zu wissen, daß ich es unter meinen Beinen hatte, da war es sicher. "Er hat es erst gemerkt, als er hier die Treppe hochstieg ", sagte Dédée mit etwas rauher Stimme. "Und ich mußte dann wie eine Verrückte losrennen, um es denen von der Metro und der Polizei zu melden." Aus dem Schweigen, das folgte, konnte ich schließen, daß die Mühe vergebens gewesen war. Doch Johnny begann zu lachen, sein ihm eigenes Lachen, bei dem er weder Zähne zeigt, noch die Lippen bewegt. "Irgendein armer Tropf versucht jetzt, einen Ton aus ihm herauszukriegen", sagte er. "Es war eines der miserabelsten Saxos, das ich je gehabt habe; man merkte, daß Doc Rodríguez darauf gespielt hatte, es war an der Seele völlig verbeult. Als Tute an sich war es nicht übel, aber Rodríguez ist fähig, selbst eine Stradivari zu ruinieren, wenn er sie bloß stimmt." "Und kannst du dir kein anderes beschaffen?" "Das versuchen wir gerade", sagte Dédée. "Sicher hat Roy Friend eins. Das Dumme ist, daß Johnnys Vertrag ..." "Johnnys Vertrag", äffte er sie nach, "Was heißt hier Vertrag. Spielen muß man, und damit basta, aber ich habe kein Saxo und auch kein Geld, mir eins zu kaufen, und den Jungs geht es nicht anders."

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