H.P. Kraus - New York


Nach 1933 wurden in Deutschland und Österreich sowie dem besetzten Europa unzählige jüdische und oppositionelle Verleger, Buchhändler und Antiquariate verfolgt und in die Flucht getrieben.  

Der Mainzer Buchhistoriker Ernst Fischer hat den auch für die Geschichte des Antiquariatsbuchhandels einschneidenden Vorgang der Vertreibung jetzt in dem Handbuch Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933 anhand von über 800 Kurzbiographien dokumentiert. Der Verband Deutscher Antiquare fungierte als Verleger.

Ein Schlaglicht auf die weltweite Dimension, den die Tätigkeiten Vertriebener später in der Buchwelt besaß, wirft z. B. die Lebensgeschichte des 1907 in Wien geborenen Bernard Amtmann: Am Tag nach der Annexion Österreichs 1938 flüchtete er nach Frankreich. Nach aktiver Teilnahme an der dortigen Résistance landete er schließlich auf abenteuerlichen Wegen in Ottawa/Kanada, wo er ein erfolgreiches Antiquariatsgeschäft sowie eine Auktionsplattform aufbaute. 1966 initiierte Amtmann die Gründung der kanadischen Antiquariatsvereinigung ABAC.


Unsere Fragen an Ernst Fischer

AbeBooks: Was waren die langfristigen Folgen der von Ihnen beschriebenen Vertreibung?
Ernst Fischer: Der deutsche und österreichische Buchhandel  verlor mit die besten und profiliertesten Vertreter des Metiers und hat sich von diesem Schlag besonders im Antiquariatsbuchhandel bis heute nicht wieder  erholt. In den Fluchtländern gaben die von den Emigranten errichteten Unternehmen der nationalen Buchwirtschaft und vielfach auch dem internationalen Bücherverkehr nachhaltige Impulse.

Antiquariat Loewy - Palästina AbeBooks: Wer profitierte von den Enteignungen jüdischer Buchhändler, Antiquare und Verleger? Wie vielen gelang keine Flucht?
Ernst Fischer: Zwei schwierige Fragen, die im Moment noch nicht abschließend beantwortet werden können. Relativ eindeutig erscheint die Sachlage bei der „Arisierung“ von Betrieben; weniger klar ist, wer alles die Nutznießer der Zwangsverkäufe der aus dem Lande flüchtenden Emigranten gewesen sind - zumal es bei der Übernahme von Bücherbeständen durch Kollegen fließende Übergänge zu echten Hilfeleistungen gab. Hier gilt es noch viel Recherchearbeit zu leisten. Den Verlegern, Buchhändlern und Antiquaren, die Opfer des Holocaust geworden sind (ich schätze die Zahl auf mehr als hundert), soll mein nächstes Forschungsprojekt gewidmet sein.

AbeBooks: In welche Länder emigrierten die Buchhändler, Verleger und Antiquare?
Ernst Fischer: In alle Winkel dieser Erde. Viele, die zunächst in benachbarte Länder wie Frankreich oder die Niederlande geflüchtet waren, mussten nach Ausbreitung des Krieges sich nach Übersee in Sicherheit bringen. Neben Großbritannien waren daher die USA und sämtliche Länder Südamerikas die wichtigsten Anlaufstationen für die Emigranten. Aber mindestens temporär war auch Schanghai ein Zufluchtsort; einzelne gelangten bis Australien.

AbeBooks: Sie und Ihre Mitarbeiter haben jahrelang die Biographien hunderter Personen erforscht. Was war für Sie das überraschendste Ergebnis Ihrer Recherche?
Ernst Fischer: Überraschend war der hohe Prozentsatz derjenigen, die in ihrem Arbeitsfeld zu Rang und Ansehen gelangt sind und dass an ihrem jeweiligen Ort, in ihrem Land, oder sogar auf internationaler Ebene erfolgreiche Botschafter einer europäischen Buchkultur geworden sind. Und dass  sich diese Menschen nach 1945 oft so großherzig für den Aufbau guter Beziehungen zu diesen Ländern eingesetzt haben, aus denen sie vertrieben worden waren.

Libreria Buchholz - Bogota

AbeBooks: Welche besondere Rolle spielten Antiquariate in dieser Emigrationsgeschichte?
Ernst Fischer: Antiquare haben – von Bernd H. Breslauer und H. P. Kraus bis zu den Rosenthals – einen besonders großen Anteil an den „success stories“ dieser Emigration – vielleicht, weil viele von ihnen bereits zuvor einen internationalen Aktionsradius hatten und weil die meisten ein berufliches Knowhow mitbrachten, das ihnen überall einen Vorsprung sicherte. Sie hatten aber auch das Glück, dass das Interesse am besonderen, am kostbaren, am historisch bedeutsamen Buch auf der ganzen Welt vorhanden war – oder von ihnen geweckt werden konnte, denn nicht selten etablierten sie ja neue Sammelgebiete oder belebten (wie z. B. Bernard Amtmann in Kanada) den Antiquariatsbuchhandel eines Landes auf vielfältige Weise.

AbeBooks: Sie beschreiben den Beitrag vieler Emigranten bei der Entstehung magischer Orte der Buchkultur. Gibt es für Sie persönlich heute noch solche magischen Orte – falls ja, welche?
Ernst Fischer: Soweit es dabei um von Emigranten betriebene Buchhandlungen und Antiquariate geht, dürfte es sich heute um ein weitgehend abgeschlossenes Kapitel handeln. Zu den "magischen Orten", die sie geschaffen hatten (man denke etwa an Paris, an Martin Flinker oder an die Librairie Calligrammes von Fritz Picard), gehörte ja immer die Figur des Betreibers selbst, der diesem Ort das Unverwechselbare, die Identität gab. An solchen prägnanten Persönlichkeiten herrschte im buchhändlerischen Exil kein Mangel.

AbeBooks: Nach den Publikationen welcher im Exil gegründeter Verlage sollte heute ein Sammler Ausschau halten, der sich für die von Ihnen geschilderte Epoche in der Geschichte des Buchhandels interessiert?
Ernst Fischer: Publikationen deutschsprachiger Exilverlage aus der Zeit 1933-1945 sind heute oft günstiger zu erwerben als vor zwanzig Jahren. Das gibt dem Sammler die Chance, das Programm einzelner Verlage zu rekonstruieren, die – wie manche südamerikanische Gründungen – bislang wenig Beachtung gefunden haben oder hinter denen markante persönliche Schicksale stehen. Erste Anhaltspunkte dafür können sich schon aus der Lektüre meines Biographischen Handbuchs ergeben…

Ernst Fischer: Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933. Ein biographisches Handbuch, Elbingen: Verband Deutscher Antiquare 2011


Weiterführende Literatur: einige Tipps

Exilverlage

Bekannte Verlagsgründungen von Emigranten

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