Die dunklen Ursprünge der Märchenklassiker

von Larissa Dawirs

Es war einmal ... dieser Satz bring Kinderaugen zum Leuchten, während die Erzählerstimme die Magie von verwunschenen Schlössern, sprechenden Tieren und verzauberten Kürbissen heraufbeschwört. Auch Disney Zeichentrickfilme führen mit viel Gesang durch die beliebten Märchenwelten, in denen die Helden schließlich immer glücklich bis an ihr Lebensende sind. Unwahrscheinlich ist jedoch, dass Autoren wie Giambattista Basile, Hans Christian Andersen, Charles Perrault, J.M. Barrie oder die Brüder Grimm ihre Geschichten heute wiedererkennen würden: Denn ihre Originale waren keine romantischen Erzählungen, sondern haarsträubende Geschichten.

Im Laufe der Zeit sind einige der Details aus den frühen Anfängen verloren gegangen. Kennt Ihr Aschenputtels dunkles Geheimnis? Wie wurde Dornröschen wirklich aufgeweckt und welchen Preis musste Die kleine Meerjungfrau für ihre Beine bezahlen? Wie hat sich Schneewittchen an der bösen Königin gerächt? Wisst Ihr warum die verlorenen Jungs in Peter Pan nie erwachsen werden? Wir haben in den Originalen nachgelesen ...

Aschenputtel

Illustration von Edmund Dulac

Die Geschichte von Aschenputtel stammt nicht aus der Feder der Brüder Grimm und wurde auch nicht von Walt Disney erfunden. Genaugenommen können die Ursprünge bis ins China des 9. Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Die uns bekannte Geschichte vom Aschenputtel wurde schließlich 1634 vom italienischen Autor Giambattista Basile in seinem Pentameron niedergeschrieben und einige Jahrhunderte später als Disneyfilm weltberühmt. Im Laufe der Jahre sind ein paar Details leicht verändert worden, Schuhe aus Fell wurden zu Glas ...und Mord oder Verstümmelungen wurden unterschlagen.

"...schlage ihn, während sie darin herumsucht, unvermutet zu und brich ihr auf diese Weise das Genick!"

Basiles Geschichte trug den Titel Die Aschenkatze und beginnt im Grunde so ähnlich wie das beliebte Märchen Aschenputtel. Der verwitwete Vater heiratet die ungeliebte Stiefmutter. Eine scheinbar auswegslose Situation? Nein, man wartet einfach den passenden Moment ab und dann schlägt man mit aller Kraft den Deckel der Wäschetruhe zu – und bricht der Stiefmutter das Genick. Natürlich kann man Aschenputtel zugute halten, dass sie von ihrer Gouvernante angestiftet wurde. Dennoch, Mord bleibt Mord. Und es lohnt sich nicht mal, zwar wird die Gouvernante die neue Ehefrau des Vaters, doch an Stelle von Dank erfährt das Mädchen die Verbannung in die Küche als Aschenputtel.

An diesem Punkt setzen die bekannteren Versionen von Aschenputtel ein. Das hilflose, unterdrückte Mädchen - eigentlich eine heimtückische Mörderin - bekommt ihren größten Wunsch erfüllt. Ausgestattet mit kostbaren Kleidern und Pantoffeln (hier ist noch keine Rede von Glasschuhen) darf sie den nächsten Festtag besuchen und verdreht dort dem König den Kopf. Die Geschichte endet mit der bekannten Schuhprobe und nachdem der Schuh von Aschenputtels Fuß wie magnetisch angezogen wurde, leben sie und der König glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

"Hau ein Stück von der Ferse ab, wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen."

Andere frühe Versionen, wie das schottische Rashin Coatie oder das Grimmsche Aschenputtel aus dem 18. Jahrhundert variieren das Ende. Die böse Stiefmutter hält ihre Töchter dazu an, sich Zehen oder Ferse abzuschlagen oder greift direkt selbst zum Beil, damit der verlorene Schuh passt. Als zusätzliche Strafe picken Aschenputtels Tauben den Stiefschwestern außerdem die Augen aus.

Der französische Schriftsteller Charles Perrault gab der Geschichte 1697 eine andere Richtung, indem er Mord und Gewalt durch Magie und Zauberei ersetzte. Sein unschuldiges Aschenputtel (oder Cinderella) und ihre gute Fee überdauerten die Zeit und dank Disney fahren auch heute noch reihenweise verwunschene Kürbisse durch die Kinderzimmer.

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Dornröschen

Illustration von Edmund Dulac

Auch die Urversion von Dornröschen findet sich in Basiles Pentameron. Das Märchen mit dem Titel Sonne, Mond, Thalia aus dem Jahr 1634 beginnt ähnlich wie die Disneyversion von 1959. Von Geburt an verflucht sich eines Tages an einer Spindel zu verletzen, wird die herangewachsene Thalia tatsächlich Opfer ihrer Neugier und fällt in einen tiefen Schlaf. Ihr Vater lässt sie daraufhin in einen Brokatsessel legen und verlässt den Ort des Unglücks für immer. Der Anfang eines romantischen Märchens ...oder einer Horrorgeschichte.

"da sie aber trotz seines Schreiens und Rüttelns nicht erwachte, er aber von ihrer Schönheit durch und durch erglühte, trug er sie in seinen Armen auf ein Lager und pflückte dort die Früchte der Liebe."

Wie jeder weiß, werden Märchenprinzessinnen durch einen Kuss aufgeweckt. Basiles Thalia erfährt ein anderes Schicksal. Der König aus einem benachbarten Königreich kommt zufällig an dem verlassenen Schloß vorbei und findet Thalias leblosen Körper. Von ihrer Schönheit geblendet, vergeht sich der König an der schlafenden Prinzessin. Thalia bringt im Schlaf die Zwillinge Sonne und Mond auf die Welt und auf der Suche nach Muttermilch saugt eines der beiden Babys den Splitter aus ihrem Finger. Als der König die schlafende Schönheit erneut aufsuchen will, ist er erfreut Thalia und die gemeinsamen Kinder vorzufinden.

Währendessen hat die Königin vom außerehelichen Treiben des Königs Wind bekommen und beschließt, sich auf grausame Weise zu rächen. Die Kinder sollen dem König als Festmahl aufgetischt werden. Doch hinter dem Rücken der Königin rettet der Koch die Zwillinge und bereitet an ihrer Stelle eine Ziege zu. Als die Königin versucht Thalia in ein glühendes Feuer zu werfen, greift der König ein und verbrennt stattdessen seine Frau bei lebendigem Leibe. Thalia heiratet dauraufhin den König und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute glücklich als Triebtäter und Frau.

Die französische Version von Perrault erzählt eine abgewandelte Geschichte mit guten und bösen Feen und einem charmanten Prinzen anstelle des verruchten Königs. Statt der Ehefrau, ist hier die Mutter des Prinzen die böse Königin und versucht, ihrem angeborenen Kannibalismus erliegend, die Kinder selbst zu verspeisen. Als die Königin versucht Dornröschen in ein Schlangeloch zu werfen, kommt der Prinz zu gerade noch rechtzeitig zu ihrer Rettung und die Königin springt daraufhin selbst in den Tod.

Die kleine Meerjungfrau

Illustration von Edmund Dulac

Die kleine Seejungfrau aus dem Jahr 1837 stammt vom dänischen Autor Hans Christian Andersen, ungefähr 150 Jahre bevor die Meerjungfrau Arielle mit Sebastian und Fabius "Unter dem Meer" singt. Andersens kleine Meerjungfrau macht andere, schmerzhafte Erfahrungen auf ihrem Weg ins Menschsein als die neugierige Arielle der Disneyversion.

Wie wir alle wissen, sind Unter dem Meer die Fische glücklich, tummeln sich und haben Spaß, aber die kleine Meerjungfrau hat dennoch nur einen Wunsch: an Land zu gehen und ein Mensch zu werden. Andersens Meerwesen sind seelenlose Kreaturen die sich mit ihrem Tod in Meeresschaum auflösen, während auf die Menschen das Paradies und ein Leben nach dem Tod warten. Aus Angst vor ihrem entsetzlichen Ende sucht sie nach einem Weg, eine menschliche Seele zu bekommen. Ihre Großmutter erklärt, nur wenn dich ein Mensch mehr liebt als alles andere und dir Treue bis in alle Ewigkeit schwört, kann seine Seele auf dich übergehen. Doch Fischschwänze gelten bei den Menschen als Makel.

Da sie sich nicht anders zu helfen weiß, macht sich die Seejungfrau auf den gefahrenträchtigen Weg zur Meerhexe. Vorbei an brausenden Strudeln, dunklem Torfmoor und Polypen, die in ihren Armen alles, was sie fangen, zu einem grausamen Ende bringen. Doch die Prinzessin fasst Mut bei dem Gedanken an den reizenden Prinzen und die menschliche Seele.

"...keine Tänzerin kann schweben wie Du, aber bei jedem Schritt, den Du machst, ist Dir, als ob Du auf scharfe Messer trätest, als ob Dein Blut fließen müßte."

Die Meerhexe errät den Wunsch der Seejungfrau und bietet ihr unter schrecklichen Bedingungen einen Zaubertrank an. Sobald sie an Land schwimmt und das Gebräu trinkt, sollen ihr Menschenbeine anstelle des Fischschwanzes wachsen. Aber trotz ihres schwebenden Gangs, sollen sie bei jedem Schritt gleißende Schmerzen durchfahren als ob sie auf Messer träte. Und als ob das nicht genug wäre, muss sie die Meerhexe außerdem mit ihrer Singstimme bezahlen und so schneidet die Hexe ihr kurzerhand die Zunge heraus.

Trotz der grausamen Geschehnisse endet auch das Original von Disneys Arielle mit einem glücklichen Paar. Allerdings ohne die kleine Meerjungfrau. Der Prinz heiratet eine andere und Andersens Seejungfrau könnte sich nur retten, indem sie den Prinzen ersticht. Doch sie zieht es vor, ihn glücklich zu sehen und wird im Tode wieder Teil des Meeres.

S(ch)neewittchen

Illustration von Franz Jüttner

Walt Disneys Zeichentrickfilm Schneewittchen und die Sieben Zwerge aus dem Jahr 1937 ist den frühen Versionen von Giambattista Basile und den Brüdern Grimm, hier noch Sneewittchen, sehr ähnlich, doch einige kleine Änderungen reichen schon aus, um das Grauen in die Geschichte eindringen zu lassen.

"...bring das Kind hinaus in den Wald, ich will's nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst es töten, und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen."

In einigen Urversionen ist die böse Königin in Wirklichkeit Schneewittchens leibliche Mutter, was ihr Verhalten in ein noch düstereres Licht rückt. Das Märchen erzählt sowohl in der Disneyversion als auch bei den Brüdern Grimm von den Versuchen der Königin, die junge Prinzessin zu ermorden. Allerdings kommt Disney ohne die kannibalistischen Details aus.

Wenn man sich dann noch vorstellt, dass es sich hier um Mutter und Tochter handelt, liest sich die Passage, in der die böse Königin die vermeintlichen Organe ihrer Tochter mit Salz zubereitet und anschließend verzehrt noch schauriger. Zum Glück stammen die Organe in Wirklichkeit von einem jungen Frischling.

"...da musste sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange Tanzen, bis sie tot zur Erde fiel."

Am Ende bekommt Schneewittchen ihr Happy End und lebt glücklich bis ans Ende ihrer Tage mit ihrem Prinzen. Doch als die Königin ihre Hochzeit besucht, foltert Schneewittchen sie zu Tode, indem sie die Königin in rotglühenden Eisenschuhen solange tanzen lässt, bis diese zusammenbricht.

Ach, du süße Rache!

Peter Pan

Illustration von Arthur Rackham

Die Figur des Peter Pan stammt ursprünglich aus der Geschichte The Little White Bird, einem Roman für Erwachsene von dem schottischen Autor James Matthew Barrie. Die Leser liebten den kleinen Peter und brachten Barrie so auf die Idee, das 1904 uraufgeführte Theaterstück Peter Pan, oder der Junge, der nicht erwachsen werden wollte, zu schreiben. Das Theaterstück, mit dem Bösewicht Captain Hook und der Fee Glöckchen, wurde die Basis für den späteren Roman.

"...und sobald sie den Anschein machen, erwachsen zu werden, was ja gegen die Regeln ist, lichtet Peter ihre Reihen."

Wir kennen die Geschichte und die Magie von Nimmerland: Kinder werden dort nicht erwachsen. Was die Disneyversion allerdings verschweigt, ist das es mit Magie eigentlich gar nichts zu tun hat. In Barries Originalgeschichte ist Peter Pan ein Bösewicht. Dieser Auszug ist besonders grauenvoll: Natürlich schwankt die Zahl der Jungen auf der Insel je nachdem, wie viele getötet werden und so weiter – und sobald sie den Anschein machen, erwachsen zu werden, was ja gegen die Regeln ist, lichtet Peter ihre Reihen. Zur Zeit waren es sechs Jungen, wenn man die Zwillinge getrennt zählt.

Falls noch nicht jedem klar ist, was das bedeutet, können wir gern deutlicher werden: Peter Pan ermordert die Verlorenen Jungen, damit sie nicht erwachsen werden.

Die Geschichte des jung bleibenden Helden von Nimmerland ist in Wirklichkeit die Geschichte eines Serienmörders. Hintergrund ist vermutlich Barries eigenes Kindheitstrauma durch den Verlust seines älteren Bruders bei einem Unfall. Im Original zeichnet die Geschichte grausame Szenen nach, Wendy stirbt beinahe, nach dem sie von einem Pfeil getroffen wird, Peter wird dem Ertrinken überlassen und Hook wird von einem Krokodil gefressen. Sterben wäre wohl ein schrecklich großes Abenteuer, grübelt Peter Pan in dem berühmt-berüchtigten Zitat aus dem Buch.

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