Zu Gast in den Buchhandlungen von Tokio

Tokio – mit 35 Millionen Einwohnern die dichtbevölkertste Stadt der Welt – bietet unzählige Attraktionen: von kulinarischen Köstlichkeiten über historische Tempel bis hin zu einzigartiger Architektur. Zur Freude aller Bibliophilen befinden sich in Tokio außerdem zahlreiche Buchhandlungen.

Es ist nicht möglich über Tokio zu sprechen, ohne auf die verschiedenen Stadtteile einzugehen. Jeder der 23 Bezirke, die sich meist rund um riesige Bahnhöfe erstrecken, hat eine eigene Atmosphäre. Buchhandlungen zu finden ist besonders einfach, da ein ganzes Viertel der Verlagsbranche und dem Gebrauchtbuchmarkt gewidmet ist. Das Gebiet Jimbo-cho im Stadtbezirk Chiyoda ist wegen seiner vielen Buchhandlungen auch als Stadt der Bücher bekannt – und ist wohl für jeden Buchliebhaber der Himmel auf Erden.

Vor einigen Monaten bin ich nach Tokio gereist und habe im Zuge meines Buchhandlungs-Tourismus einige Buchhandlungen in Jimbo-cho und anderen Teilen Tokios besucht.

Das von mehreren Universitäten umgebene Jimbo-cho ist nach einem Samurai aus dem 17. Jahrhundert benannt. Das gesamte Gebiet wurde 1913 bei einem Brand zerstört. Eines der ersten Geschäfte, das aus der Asche wiederauferstand, war die Buchhandlung, aus der später der Iwanami Shoten Verlag hervorgehen sollte.

Fußgänger gönnen sich beim Stöbern in den Bücherregalen eine Pause vom Alltagsstress

Es folgten weitere Buchhandlungen und Verlage sowie Cafés, Bars und Restaurants, so dass die Gegend zu einem Sammelpunkt von Lesern, Sammlern und Studenten wurde. Heute gibt es rund 175 Buchhandlungen, von denen ca. 50 auf gebrauchte und antiquarische Bücher spezialisiert sind. Der Abwechslungsreichtum der Buchhandlungen in Jimbo-cho ist beeindruckend – Manga-Spezialisten, riesige Geschäfte mit neuen Büchern, akademische Buchhandlungen, Antiquariate und sogar provisorische Buchhandlungen, die überall dort aus dem Boden schießen, wo gerade ein Plätzchen frei ist.

Wie überall in Tokio ist auch in den Buchhandlungen der Platz rar, so dass sie vom Boden bis zur Decke mit Büchern vollgestopft sind. Viele Geschäfte reichen bis auf die Straße hinaus: Büchertische oder gesicherte Bücherregale an den Außenwänden laden Passanten dazu ein, sich eine kurze Pause vom Alltagsstress zu gönnen und ein wenig zu stöbern. Die meisten Buchhandlungen sind nach Norden ausgerichtet, um die Bücher vor der heißen Sommersonne und direktem Sonnenlicht zu schützen, so dass sich eine Buchhandlung an die nächste reiht. Der japanische Autor Haruki Murakami erwähnt Jimbo-cho in vielen seiner Werke und führte früher einen Jazzclub ganz in der Nähe. Der berühmte Manga-Verlag Shueisha hat seinen Sitz in Jimbo-cho. Das ganze Gebiet lebt und atmet Bücher und Literatur.

Durch den beschränkten Platz reichen die Bücher bis auf die Straße

Da die meisten Einwohner Tokios per Zug oder U-Bahn zur Arbeit pendeln, sieht man praktisch überall Leute, die gedruckte Bücher lesen – es ist allerdings oft schwer zu sagen, was sie lesen, da viele Buchhandlungen die verkauften Bücher in spezielle Buchumschläge einpacken. Diese dienen zum einen dem Schutz der Bücher, zum anderen soll auf diese Weise in der Enge der überfüllten Stadt die Privatsphäre der Lesenden gewahrt werden. Man braucht auch eine ganze Weile, bis man sich daran gewöhnt hat, dass die Menschen die Bücher „falschrum“ lesen. Der Text in japanischen Büchern wird von rechts nach links und von oben nach unten gelesen. Ein japanischer Leser fängt also dort mit dem Lesen an, wo für uns das Buch zu Ende ist.

Haruki Murakami

Haruki Murakami hat an der Waseda-Universität in Tokio Theaterwissenschaft studiert. Sein erster Job war in einem Plattenladen, genau wie Toru Watanabe, der Erzähler von Naokos Lächeln. Später eröffnete er seine eigene Jazzbar Peter the Cat. Die Hauptfigur in Gefährliche Geliebte tat das gleiche.

Es gibt in Japan 14 Buchhändler, die über AbeBooks verkaufen und ich hatte das Glück, drei von ihnen einen Besuch abstatten zu können. Außerdem war ich in einem vierten Geschäft, wo eine Vereinigung internationaler Buchhändler antiquarische Bücher verkauft.

The Isseido Booksellers - 7, Kanda, Jimbocho, Tokyo

Isseido Booksellers ist eine Buchhandlung in dritter Generation und war eine der ersten, die nach dem großen Erdbeben im Jahr 1923 wiederaufgebaut wurde. Der Laden ist eine wahre Schatzkammer seltener Bücher. Ich habe mit dem Besitzer, Takehiko Sakai, und dem Leiter der Fremdsprachenabteilung, Tokueid Ueda, gesprochen. Das Geschäft ist wunderschön und prall gefüllt mit tollen Büchern, Schriftrollen, Landkarten und Handschriften. Die beiden Japaner erzählten, dass es aktuell einen Trend gebe, alte Bücher an chinesische Verkäufer zu vermitteln.

Herr Ueda zeigte mir eine Ausgabe von Navigationi et Viaggi von Giovanni Battiste Ramusio (1485 – 1557), eine Reisebuch, das von 1563 bis 1583 in drei Bänden veröffentlicht wurde und die Reisen von Marco Polo, Niccolò Da Conti, Magellan, Alvar Nuñez Cabeza de Vaca und Giosafat Barbaro umfasst. Darin sind frühe Landkarten von Brasilien, Kanada, Neuengland, Afrika, Asien und Japan enthalten. Das Buch, das als eins der einflussreichsten Reisebücher des 16. Jahrhunderts gilt, kostet rund 35.000 Euro und es war mehr als beeindruckend, das Buch aus der Nähe angucken zu können.

Das Unternehmen wurde 1903 von Ukichi Sakai in Nagaoka gegründet, zog dann aber nach Tokio, wo es sich gleich zwei Mal von großen Katastrophen erholen musste –zuerst vom großen Feuer und dann von einem schweren Erdbeben. Die Buchhandlung überlebte auch die Bombardierung während des 2. Weltkriegs, bei der ein Großteil der Stadt zerstört wurde. Takehiko Sakai, der Enkelsohn des Firmengründers, arbeitet seit 1969 im Laden und bedient heute immer noch Kunden.

Tokuei Ueda und Takehiko Sakai von Isseido Booksellers

Navigationi et Viaggi von Giovanni Battista Ramusio

Die Frau unseres Redakteurs durchstöbert die Bücherregale

Ogawa Tosho Ltd - 2-7, Kanda Jimbo-cho, Tokio

Eine weitere Buchhandlung in dritter Generation, die mitten in Jimbo-cho liegt. Buchhändler Ogawa Tosho ist einer der größten japanischen Experten für britische und amerikanische Literatur und bietet eine große Auswahl an wissenschaftlichen Ausgaben und Raritäten. Das Sortiment umfasst seltene westliche Werke über Japan, philosophische Schriften, Wörterbücher und Grammatikbücher.

Der Laden bietet außerdem eine Vielzahl an antiquarischen Magazinen in verschiedenen Sprachen an. Der Ladenbesitzer Kazuo Namikawa führte mich herum und stellte mir seine Mitarbeiter vor.

Ein Beispiel aus ihrer Sammlung, das sie mir zeigten, war eine herrliche ledergebundene Ausgabe von A Dictionary of the English Language von Samuel Johnson.

Kazuo Namikawa (Mitte) mit seinen Mitarbeitern

Eine herrliche ledergebundene Ausgabe von A Dictionary of the English Language von Samuel Johnson

Infinity Books - 1F Komagata Heights Bldg, 1-2-4 Azumabashi, Sumida-ku, Tokio

Die vom britischen Auswanderer Nick Ward gegründete englischsprachige Buchhandlung vereint zwei der schönsten Dinge im Leben – Bücher und Bier. In seinem ebenerdigen Geschäft, das auf Erstausgaben, vergriffene Bücher, seltene Bücher und allgemeine Literatur spezialisiert ist, enthält eine von Bücherregalen umringte Bar.

Diese Buchhandlung war unsere letzte Station an diesem Tag und die perfekte Gelegenheit, ein paar Gläser zu genießen und dabei über Bücher, das Bücherverkaufen und das Leben in Japan zu reden. Dieses Geschäft ist viel mehr als eine Buchhandlung – es ist ein beliebter Treffpunkt, sowohl für Einwanderer als auch für Einheimische. Es finden regelmäßig Veranstaltungen wie Livemusik, Lesungen oder sogar Burlesque Shows statt. Nick Ward ist davon überzeugt, dass es in seinem Geschäft spukt, aber das hält ihn nicht davon ab, jede Woche fünf Tage komplett in seiner Buchhandlung zu leben.

Nick Ward zapft hinter der Bar ein Bier

Bei Infinity Books liegen Bücher und die Musik nah beieinander

World Antiquarian Book Plaza - Maruzen Bookstores Nihonbashi, 3. Stock, 2-3-10 Nihonbashi, Chuo-ku, Tokio

Außerdem habe ich den World Antiquarian Book Plaza besucht, eine Genossenschaft, die seltene Bücher von 22 Buchhändlern aus der ganzen Welt anbietet. Darunter sind unter anderem Antiquariat Inlibris in Wien, Herman H. J. Lynge & Son in Kopenhagen und Libreria Pontes in Madrid – die alle ebenfalls AbeBooks-Verkäufer sind.

Viele extrem seltene Bücher aus der ganzen Welt können in dieser Buchhandlung bewundert werden. Die ausgestellten Werke werden regelmäßig ausgetauscht. Das sorgfältige Arrangement verleiht der Ausstellung einen Museumscharakter. Der WABP bietet eine beeindruckende Sammlung, die von antiken Tontafeln zu aufwändigen Pop-up-Büchern, von der illustrierten Handschrift auf dem 15. Jahrhundert bis hin zur signierten Erstausgabe aus der Moderne reicht. Die Partnerbuchhandlungen erneuern oft ihr Angebot und örtliche Kuratoren geben sich viel Mühe bei der Präsentation der Sammlung. Ein Großteil der Objekte wird öffentlich ausgestellt, so dass sie sich jeder anschauen kann.

Ein japanisches Volksmärchen, das auf Krepppapier gedruckt ist "

Ein aufwendig gestaltetes Pop-up-Buch

Mein Gastgeber Herr Naoyuki Seki zeigte mir einige Bücher aus dem späten 18. Jahrhundert, als Tokio sich dem westlichen Einfluss öffnete. Die in Fremdsprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Dänisch) gedruckten Bücher sollten dazu dienen, Ausländern einen ersten Eindruck über die japanische Kultur und Sagenwelt zu vermitteln. Die wunderschön illustrierten Bücher wurden auf Krepppapier, einer stoffähnliche Papiersorte gedruckt. Herr Seki nahm die Bücher gerne aus ihrer Glasvitrine heraus, damit ich sie mir näher ansehen und die Struktur des Papiers fühlen konnte.

Shogun von James Clavell

In der westlichen Welt zählt James Clavells Roman Shogun, der 1975 veröffentlicht wurde, zu den bekanntesten Werken über Japan. Das Buch wurde weltweit millionenfach verkauft. Der von wahren Begebenheiten inspirierte Roman schildert den Aufstieg eines Mannes zum höchsten Rang der Samurai durch die Augen eines englischen Seemanns.

Die Sonderausstellung, die ich mir ansehen konnte, hatte Papier zum Thema, darunter unter anderem Japanpapier, aber auch viele weitere handgeschöpfte Papiersorten und Papierprodukte. Außerdem konnte ich Holzschnitte, Lithografien, alte, seltene handkolorierte Fotopostkarten sowie als Kupferstich gefertigte Landkarten, die eine der frühesten ausländischen Darstellungen Japans zeigen, anschauen.

Sie finden den World Antiquarian Book Plaza im Gebäude der Maruzen Buchhandlung in Tokios Stadtteil Nihombashi. Auch die Maruzen Buchhandlung selbst ist einen Besuch wert.

Selbst auf dem Bürgersteig kann man im Bücherregal stöbern

Wunderschöne japanische Bücher bei Isseido Booksellers

Ein Spaziergang durch Tokio