Das Wunderzeichenbuch

The Book of Miracles

von Richard Davies

Das Wunderzeichenbuch ist unter Umständen nicht der richtige Titel für diese Sammlung von Weltuntergangsvisionen aus dem 16. Jahrhundert. Passender wäre „Das Buch biblischer Dramen und Dinge, die wir nicht verstehen“. Dieses wunderschöne, originalgetreue Faksimile wurde vom Taschen-Verlag neu aufgelegt. Es enthält eine Reproduktion der deutschen Handschrift aus dem 16. Jahrhundert mit den Übersetzungen der Tafeltexte sowie zwei einleitenden Essays, welche Geschichte, Bedeutung und Besonderheit des Manuskripts erklären. Das Wunderzeichenbuch ist in der für den Taschen-Verlag gewohnten hohen und schweren Qualität hergestellt und dreisprachig, auf Englisch, Französisch und Deutsch, angelegt.

Bei diesem Buch handelt es sich um eine der spektakulärsten Wiederentdeckungen auf dem Gebiet der deutschen Renaissancekunst. Die originale Bilderhandschrift entstand um 1550 in Augsburg und wurde erst 2007 wiederentdeckt. Sie enthält 169 großformatige Illustrationen (in Gouache und Aquarell ausgeführt) von zahlreichen historischen und wundersamen Phänomenen, welche das Verständnis Europas zur Zeit der Renaissance überstiegen wie zum Beispiel Kometen und andere wundersame Himmelserscheinungen, Überschwemmungen, Feuerbrünste, Erdbeben, Plagen, deformierte Tiere und andere Missbildungen.

"Das Wunderzeichenbuch enthält viele Berichte über unnatürliche Farbspiele am Himmel, auf welche dann Katastrophen folgten. Ein blutroter Mond kündigte beispielsweise ein verheerendes Erdbeben in Italien an."

Jede Szene wird durch eine Beschriftung erläutert, welche die biblische Quelle oder das Ereignis und sein Datum angeben. Taschen zeigt uns zwar nicht das Manuskript selbst, aber wir erfahren, dass es im 19. Jahrhundert neu eingebunden wurde. Die Darstellungen der dramatischen Ereignisse zeigen auch, wie sich Nachrichten damals über den Kontinent verbreiteten und sich als Tatsachen verfestigten, egal wie abwegig sie uns jetzt erscheinen mögen. Zum Beispiel sollen 1533 über mehrere Tage hinweg Drachen über Böhmen geflogen sein, und 1550 ergoss sich zwischen Halle und Meißen eine Blutquelle aus dem Boden. Es gab Heuschrecken in Polen, feurige Symbole über Lissabon und eine besonders bizarre Kreatur tauchte in Rom auf (Teil Esel, Teil Eidechse mit einem menschlichen Gesicht auf dem Hinterteil). Insbesondere beeindruckende Himmelsereignisse dominieren die Illustrationen im Wunderzeichenbuch.

Augsburg war zu jener Zeit das Zentrum zahlreicher europäischer Handelswege, und die Geschichten und Berichte wurden mündlich von Reisenden und Händlern sowie anhand der ersten gedruckte Dokumente überliefert und weitergegeben.

Das Originalmanuskript beginnt mit der Arche Noah aus der Genesis und endet mit dem Fall Babylons aus der Offenbarung. Vom Alten Testament spannen sich so die Ereignisse über antike Überlieferungen sowie mittelalterliche Chroniken bis in die damalige Gegenwart und beschreiben mit den Illustrationen zur visionären Johannesoffenbarung sogar das zukünftige Ende der Welt.

Die Abbildungen im Buch sind in wunderschönen Blau-, Gelb- und Rottönen gehalten. Einige der Illustrationen wurden offensichtlich von existierenden Radierungen und Holzschnitten von Albrecht Dürer und Hans Holbein dem Jüngeren inspiriert. Wer allerdings das Werk ursprünglich in Auftrag gegeben oder die Bebilderung dazu geliefert hat, ist leider nicht bekannt.

Das Original tauchte 2007 in einem deutschen Auktionshaus auf und wurde vom britischen Händler James Faber gekauft, der es wiederum an einen Privatsammler weiterverkaufte. Dieses „Buch über ein Buch“ bietet einen faszinierenden Einblick in die Kultur der Renaissance und die Angst vor dem Unbekannten.


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