„Nennt mich Ismael.“ Der Erzähler von Melvilles Abenteuerroman Moby Dick verrät dem Leser gleich im ersten Satz seinen Namen – oder zumindest den Namen, unter dem er bekannt sein will. Andere Buchfiguren machen es dem Leser nicht so einfach, ihren Namen zu erfahren. Oft muss man abwarten, bis der Protagonist zum ersten Mal von einer anderen Buchfigur angesprochen wird oder wir auf anderem Wege mehr über ihn erfahren. Doch bei manchen Buchfiguren wartet der Leser vergebens auf die Enthüllung des Namens.

Im ersten Moment klingt das unglaublich. Wie soll man eine Geschichte über eine Figur erzählen, ohne auch nur ein einziges Mal deren Namen zu verwenden? Wir haben uns in der Literatur umgesehen und einige Beispiele für namenlose Hauptfiguren gefunden, anhand derer wir dieses Phänomen genauer vorstellen möchten.

Besonders leicht bleibt dieser erzählerische Kniff unbemerkt, wenn das Geschehen von einem Ich-Erzähler geschildert wird. Diese namenlosen Ich-Erzähler sind mit Abstand am weitesten verbreitet. Nur zwei von zahllosen Beispielen für diese namenlosen Ich-Erzähler sind Hexen hexen von Roald Dahl und Fight Club von Chuck Palahniuk.

Doch auch beim personalen Erzählstil ist es möglich, den Namen nicht zu verraten. Bei vielen Beispielen geschieht dies, indem die Hauptfigur nur durch ihre Tätigkeit oder Funktion beschrieben wird. So wird beispielsweise der Protagonist in Orwells Die Zeitmaschine immer nur „Der Zeitreisende“ genannt, die beiden Hauptfiguren, die der Leser in Cormac McCarthys Endzeit-Roman Die Straße bei ihrer Reise quer durch Amerika begleitet, werden als „der Vater“ und „der Sohn“ bzw. „der Mann“ und „der Junge“ beschrieben.

Doch aus welchem Grund entscheidet sich ein Autor dafür, den Namen seiner Hauptfigur zu verheimlichen? Ein möglicher Grund ist, dass die Namenlosigkeit einer Figur ihre Austauschbarkeit herausstellt. Ein Beispiel hierfür ist die Ende des 19. Jahrhunderts erschienene Kurzgeschichte Die gelbe Tapete, in der eine junge Frau nach der Geburt ihres ersten Kindes ihr Zimmer nicht mehr verlassen darf, da ihr Ehemann – ein Arzt – der Ansicht ist, sie müsse sich ausruhen. Durch ihre Einsamkeit und die Trennung von ihrem Neugeborenen verfällt die Protagonistin immer mehr dem Wahnsinn. Die Autorin Charlotte Perkins Gilman setzt die Namenlosigkeit ihrer Hauptfigur bewusst ein, um zu zeigen, dass nicht nur die Hauptfigur, sondern auch die anderen Frauen dieser Zeit unter den gleichen Zwängen und dem gleichen Druck leiden.

Einen anderer möglicher Grund kann die Betonung einer Identitätskrise darstellen. Die Namenlosigkeit der Protagonistin in Daphne du Mauriers Roman Rebecca unterstreicht die Gegensätzlichkeit zwischen ihr und ihrer Gegenspielerin. Während Rebecca, die erste Frau ihres Ehemanns, selbst Jahre nach ihrem Tod noch so präsent im Roman ist, dass dieser sogar ihren Namen als Titel trägt, bleibt die unscheinbare Ich-Erzählerin namenlos.


Bücher mit namenlosen Protagonisten

Faserland von Christian Kracht Faserland

Christian Kracht

Hexen hexen von Roald Dahl Hexen hexen

Roald Dahl

Gargoyle von Andrew Davidson Gargoyle

Andrew Davidson

Der unsichtbare Mann von Ralph Ellison Der unsichtbare Mann

Ralph Ellison

Die gelöschte Welt von Nick Harkaway Die gelöschte Welt

Nick Harkaway

Das Schloß von Franz Kafka Das Schloß

Franz Kafka

Fight Club von Chuck Palahniuk Fight Club

Chuck Palahniuk

Die gelbe Tapete von Charlotte Perkins Gilman Die gelbe Tapete

Charlotte Perkins Gilman

Das verräterische Herz von Edgar Allan Poe Das verräterische Herz

Edgar Allan Poe

Jedermann von Philip Roth Jedermann

Philip Roth