Fleisch zu essen war etwas, das ich nie infrage stellte. Ich komme vom Land. Meine Großeltern hatten Hühner und Stallhasen, die ich schon als Kleinkind begeistert mit Petersilie fütterte, damit ihr Fleisch einen besseren Geschmack annimmt. Meine Kindheit war geprägt von Festen und Feierlichkeiten im Dorf und in der Familie, bei denen herzhafte Fleischgerichte von gegrillten Würsten über krosses Spanferkel bis hin zu Rollbraten auf der Hand oder dem Teller die Hauptrolle spielten. Da mein Vater ein passionierter Jäger war und ich ihn immer begleitet hatte, legte ich auch selbst die Prüfung zum Jagdschein ab. Ich wusste schon als Teenager, wie man Wild ausweidet und anschließend schmackhaft zubereitet.
Da ich naturwissenschaftlich begabt war, entschied ich mich für ein Studium der Lebensmittelchemie. Auch während meiner Studentenzeit musste ich auf meinen geliebten Fleischkonsum nicht verzichten, da ich nebenbei jobbte und mir mein Jagdglück zusätzlich reichlich gefüllte Teller beschwerte. Ich hinterfragte meinen Fleischkonsum selbst dann noch nicht, als mein Umfeld nach und nach entweder aus Überzeugung oder gesundheitlichen Gründen auf eine vegetarische oder die damals aufkommende vegane Ernährung umstieg. Das änderte sich erst, als ich eine Wette im Kollegenkreis verlor und drei Monate vegan leben sollte. Ein Horror, den Veganer waren für mich Spaßbremsen, die sich selbst das Minimum an Lebensqualität versagten. Ich brauchte schließlich Fleisch wie die Luft zum Atmen.
Plötzlich war ich jedoch gezwungen, mich intensiv mit pflanzlichen Zutaten auseinanderzusetzen und habe dabei viel über heutige Massentierhaltung sowie die Fleisch- und Milchproduktion erfahren. Was ich weglassen musste, war mir klar. Aber nicht, wie ich den schmackhaften Level meiner gewohnten Küche erreichen konnte. Ich besorgte mir ein Kochbuch, kaufte Zutaten von Acaipulver über Mandelmus und Cashewnüssen bis hin zu Hafermilch ein und war überrascht, wie teuer das alles war. Außerdem war die Zubereitung der veganen Gerichte sehr zeitaufwändig. Da Wettschulden Ehrenschulden sind, kam Aufgeben nicht infrage. Ich suchte nach Rezepten, deren Zutaten günstig in jedem Supermarkt zu haben sind und fand zusätzlich Inspiration in der orientalischen oder indischen Küche. Außerdem gelang es mir nach ein paar Wochen, meine Lieblingsrezepte zu veganisieren.
Aus den drei veganen Monaten sind mittlerweile fünf Jahre geworden. Als ich meine Wettschulden eingelöst hatte, wurde mir klar, welches Ausmaß die industrielle Tierhaltung bereits angenommen hatte. Diesen Raubbau am Planeten wollte ich nicht unterstützen! Außerdem hat diese Ernährungsweise für mich gesundheitliche Vorteile - meine Neurodermitis verschwand durch den Verzicht auf tierische Produkte und ich wurde viel aktiver. Wer langfristig vegan leben möchte, muss jedoch auf ein ausgewogenes Nährstoffprofil achten. Vitamin B12 kommt in Pflanzen in verwertbarer Form nicht vor und auch Omega-3-Fettsäuren sind ein Baustein für die gesunde Ernährung. Von überteuerten Superfoods halte ich persönlich nichts. Als Lebensmittelchemiker weiß ich, dass bezüglich der Wirkung nicht alles Gold ist, was glänzt.
Ich möchte vegan essen, was mir schmeckt und gleichzeitig nach der Arbeit nicht erfordert, über Stunden in der Küche zu stehen und dann noch einmal so lange Aufräumarbeiten zu leisten. Nicht nur meine Alltagsküche, sondern auch die für besondere Anlässe basiert auf simplen, gesunden Zutaten, die ich ohnehin in der Vorratshaltung habe oder schnell nach Feierabend im Supermarkt kaufen kann. Freunde loben den Geschmack und das Konzept - die gesunde vegane Küche kann wirklich jeder umsetzen!