Sylvia Renz

Sylvia Renz: Ich wurde am 10.5.1949 in Schweinfurt geboren. Meine Eltern mussten im 2. Weltkrieg aus Ostpreußen flüchten und landeten nach einer langen Irrfahrt in Franken. Dort wurde ihnen eine dachlose Ruine zugewiesen. Schon bald kamen überlebende Verwandte dazu, die überhaupt keine Bleibe hatten.

Mein Vater war als Pastor für verschiedene Orte zuständig und radelte täglich von früh bis spät in den umliegenden Dörfern herum. Meine Mutter versuchte, Essbares zu "organisieren". Mein älterer Bruder fand sich nur schwer mit meiner Existenz ab, denn unsere Mutter erkrankte nach meiner Geburt lebensgefährlich und konnte sich viele Jahre lang nicht erholen. Als es ihr besser ging, begann sie kleine Artikel und Kurzgeschichten zu schreiben.

Ja, das geschriebene Wort!!! Sobald ich gelernt hatte, dass diese schwarzen Zeichen auf dem Papier eine Geschichte zu erzählen hatten, verschlang ich alles Lesbare. Mutter war besorgt und beschränkte meinen Bücherkonsum: "Das Kind wird ganz nervös. Das Kind verdirbt sich die Augen!" Kein Wunder, wenn man mich "zwang" im Schein einer funzeligen Taschenlampe unter der Bettdecke zu lesen, weil die Birne der Nachtischlampe konfisziert worden war.

Auch mein Vater liebte die deutsche Sprache, er war ein begnadeter Redner. Ich versuchte es ihm gleichzutun, was meinen Bruder zu dem zweifelhaften Kompliment veranlasste: "Wenn du einmal im Grab liegst, müssen wir dein Mundwerk extra totschlagen." Er konnte seine Drohung nicht wahr machen, er "ging" vor mir ... Aber ich habe seine Kritik insofern beherzigt, dass ich heute weniger rede und mehr schreibe. Beim Schreiben kann ich mich in eine andere Welt katapultieren, ich darf Personen erfinden, die ab und zu sogar ein "Eigenleben" entwickeln und mich immer wieder überraschen!

Oft denke ich über Menschen nach, die in anderen Büchern oder in meinem Lieblingsbuch, der Bibel, beschrieben werden. Ich würde gern ein paar Tage in ihren Pantoffeln gehen, möchte in ihr Leben hineinschlüpfen und die Welt durch ihre Augen betrachten.

Übrigens habe ich inzwischen ein Dach über dem Kopf gefunden. Bin seit 1968 mit dem besten Ehemann der Welt verheiratet --Widerspruch wird nicht akzeptiert --, wir haben unserer Liebe durch drei originelle Kinder drei Denkmale gesetzt. Leider ist unsere jüngste Tochter vor einigen Jahren verstorben, doch in unseren Gedanken ist sie uns immer noch genauso nahe. Liebe ist eben stärker als der Tod!

Inzwischen haben wir einen bezaubernden Enkelsohn bekommen. Durch ihn und mit ihm entdecke ich die Welt noch einmal neu. Das ist sogar noch spannender als Bücher zu schreiben!

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