Andrea Lanfranchi – biographische Notizen August 2012:
Ich stamme aus Poschiavo, einem Schweizer Bergdorf im Kanton Graubünden. Meine Mutter kommt aus einer Bauernfamilie, die in einer Pension Touristen und Schmuggler beherbergte und gleichzeitig den Dorfladen sowie die Post betrieb; mein Vater war wie schon sein Vater Lehrer und Fischzüchter. Mit fünfzehn ging ich, wie alle anderen, die eine Mittelschule besuchen wollten, in die nächstgelegene Stadt (Chur ist mit der Rhätischen Bahn nach 120 Kilometern, 3 Pässen, 4 Stunden Fahrzeit und 2 Mal umsteigen zu erreichen). Ich mietete ein Zimmer, lernte Deutsch und wurde ebenfalls Lehrer - im Bewusstsein, dass dies eine Zwischenstation sei. So kam ich nach Zürich an die Uni und studierte – so gut es ging, in der Zeit der „Zürcher Jugendunruhen“ – Psychologie, Psychopathologie und Sonderpädagogik.
Nach dem Studium wurde ich als „Ausländerpsychologe“ beim Schulärztlichen-Schulpsychologischen Dienst der Stadt Zürich angestellt. Es war Mitte der 80-er Jahren, und in den Schulen des Stadtzentrums stammte rund die Hälfte der Kinder aus Italien, Spanien oder dem damaligen Jugoslawien. Eines Tages überwies mir die Kollegin aus der Schulpsychiatrischen Abteilung einen „Fall“ mit der von ihr eingetragenen Diagnose „Ethnodebilität“. Ich empfand dieses Konstrukt und die Umstände der Fallbearbeitung als derart skandalös, dass ich mich entschloss, darüber meinen ersten Fachartikel für die „Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie“ zu schreiben (Lanfranchi, 1988).
Nach der Promotion arbeitete ich als Dozent und Forscher an der Hochschule für Soziale Arbeit und seit 2002 bin ich an der Hochschule für Heilpädagogik: www.hfh.ch. Meine Forschungsschwerpunkte: Schulerfolg, Migration, Frühe Bildung. Neustes Projekt zum Thema Förderung ab Geburt bei Kindern aus Familien in psychosozialen Risikokonstellationen: www.zeppelin-hfh.ch
In all diesen Jahren habe ich bei den Kolleginnen und Kollegen sowie bei den Studierenden vielfach den guten Willen beobachtet, mit der sprachlichen und kulturellen Vielfalt in unseren Schulen und bei unserer Klientel in Beratung und Therapie engagiert und professionell umzugehen. Ich habe aber auch immer wieder feststellen müssen, dass manchmal elementares Wissen über die reellen Bedingungen von Migrantinnen und Migranten in unserer Gesellschaft, sowie geeignete Instrumente für das Gelingen einer interkulturellen Kommunikation fehlten.
Also habe ich angefangen, Grundlagen interkultureller Kompetenz zu erarbeiten und in Kursen und Publikationen weiter zu vermitteln, die sich auf das „Meilener Konzept“ des Fallverstehens in der Begegnung stützen (Welter-Enderlin & Hildenbrand, 2004).
Heute arbeite ich, neben meiner Tätigkeit als Hochschuldozent und Forscher, als Psychotherapeut in eigener Praxis sowie als Mitarbeiter des Ausbildungsinstituts Meilen, Systemische Therapie und Beratung www.ausbildungsinstitut.ch