Ingo Schymanski

Von Kindesbeinen an interessierte mich das Funktionieren der Welt. Ich wollte alles wissen, was über die Entstehung des Universums, des Lebens auf der Erde, den menschlichen Geist und letztlich auch den Sinn des Lebens zu erfahren war. Deswegen studierte ich - neben einem weitläufigen studium generale - Medizin. Hier schien mir zu kumulieren, was ich erfahren wollte - von der Wiege bis zur Bahre.

An einer Spezialisierung in einem Fachgebiet war mir nicht gelegen. So absolvierte ich Praktika in der Geburtshilfe, der Pädiatrie, aber auch der Neurologie und Psychiatrie und Geriatrie. Auch während der Facharztweiterbildung ging es mir in erster Linie darum, mir einen Überblick zu verschaffen. So verbrachte ich jeweils fünf Jahre auf verschiedenen internistischen bzw. chirurgischen Krankenhausstationen, darunter auch einige Zeit in der damals größten Rettungsstelle Europas.

Der gute Arzt lernt niemals aus. Mit meiner Niederlassung als Allgemeinarzt wurde mir bewusst, dass was wir im Studium gepaukt und im Krankenhaus gesehen hatten, mit dem "wahren Leben" nur wenig gemein besaß. Es dauerte einige Jahre, bis ich verstand, dass die meisten Menschen den Allgemeinarzt nicht wegen organisch bedingter Krankheiten aufsuchen, sondern vorrangig wegen sog. "funktioneller Störungen". Hier sind die Organe an sich gesund, nur ihre Funktion ist gestört. Damals, anfangs der 2000er Jahre, begann ich mich um die psychischen Hintergründe der häufigsten Beschwerden zu kümmern. Und ich lernte, dass ich Patienten viel besser und vor allem dauerhafter helfen konnte, wenn ich ihre Lebensumstände, ihre "Weltsicht" und ihre biografischen Erfahrungen mit in die Diagnosefindung einbezog. So entpuppte sich mancher Rückenschmerz eben nicht als Folge einer verbogenen Wirbelsäulen, sondern als Reaktion auf seelischen Stress. Konnte die auslösende Situation beseitigt werden, wurde der Patient gesund!

Diese Erfahrung war essenziell: Zuvor hatte ich gelernt, dass Rückenschmerz mit Schmerzmitteln zu behandeln sei. Da hierbei das eigentlich verantwortliche Problem (z. B. Stress am Arbeitsplatz) nie angegangen wurde, kehrten die Beschwerden - oft trotz weiter eingenommener Medikamente! - nach einiger Zeit zurück. Und mit der Zeit gesellten sich weitere "Krankheiten" zu den anfänglichen Rückenschmerzen: Ohrgeräusche, Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden und vieles mehr. Selbstverständlich ließen sich auch all diese Symptome ebenfalls mit Arzneien behandeln. Das Resultat waren oft Patienten, die immer mehr Medikamente brauchten, aber nie wirklich gesund wurden. Im Gegenteil: Am Ende dieser "Therapie" stand für Viele eine in unserer Gesellschaft häufige Erkrankung, die Depression.

Natürlich existieren auch für die Behandlung von Depressionen Medikamente. Aber deren Wirkung ist oft unzureichend: Glücklich machen die sogenannten "Glückspillen" nach meiner Erfahrung kaum jemanden. Im Gegenteil: Viele können durch ihre Medikamente zwar irgendwie leben; mir erschienen sie aber oft nicht mehr wirklich lebendig.

Deswegen änderte ich meine Arbeitsweise. Statt Medikamente zu verschreiben, nahm ich mir die Zeit, die wahren Hintergründe der beklagten Beschwerden zu erforschen. Dieses Vorgehen ist im deutschen Gesundheitswesen nicht wirklich vorgesehen. Wir Ärzte sollen Pillen verschreiben, damit die Patienten möglichst früh wieder am Arbeitsplatz erscheinen. Wenn sie irgendwann zusammenbrechen, werden sie frühberentet. Sie kosten dann den Arbeitgeber kein weiteres Geld; und neue Arbeitskräfte gab es ja - zumindest in der Vergangenheit - im Überfluss.

Über die Jahre konnte ich beobachten, dass mein Ansatz, die tatsächlichen Ursachen von Beschwerden zu erforschen und nach Möglichkeit zu beseitigen - im Gegensatz zu der an der Universität und in Krankenhäusern gelehrten Methode der Symptom-Unterdrückung - nachhaltig zu Gesundheit führt. Gleichzeitig stellte ich fest, dass diese Methode auch mir als Arzt sehr viel mehr Spaß bereite als das kochbuchartige Abarbeiten von meist pharmagesponsorten und vorgeblich evidenzbasierten Behandlungs-Leitlinien.

Da der Sprechstundenalltag kaum Zeit lässt, jedem Einzelnen Patienten die Hintergründe meiner Denk- und Behandlungsweise zu erklären, begann ich, meinen ganzheitlichen Ansatz in einem Buch zu beschreiben ("Die Sprache der Seele", 1. Auflage 2010, 2., überarbeitete Auflage 2014, erschienen im Zuckschwerdt-Verlag, München). Doch waren meine Überlegungen zur Entstehung und Behandlung der häufigsten zivilisationsbedingten Beschwerden mit dieser Publikation noch lange nicht abgeschlossen.

Eigentlich hatte ich nur herausfinden wollen, warum in unserer Gesellschaft alle Vorgänge immer schneller abzulaufen scheinen, warum wir heute soviel besitzen, so sicher und so lange leben wie wohl keine Generation zuvor - und doch so viele Menschen unglücklich sind, gehetzt leben, krank werden, Ängste entwickeln und Depressionen. Die Beobachtung dieses Phänomens brachte mich dazu, mich mit dem Belohnungssystem in unserem Gehirn intensiver zu beschäftigen. Zu meiner Überraschung ließen sich die aus der Hirnforschung bekannten Tatsachen zu einem sehr einfachen Regelkreis zusammensetzen, der alle meine Fragen zwanglos beantwortete. Anfangs wollte ich es selbst kaum glauben: Nicht nur die häufigsten seelischen Krankheiten in Europa (wie Angststörungen, Schlafstörungen, Depressionen, somatoforme Schmerzstörungen, AD(H)S, Süchte, Burnout und vieles mehr) schien plötzlich durch ein einheitliches Modell erklärbar. Der Ansatz erwies sich als so ergiebig, dass sich aus ihm die Entstehung sämtlicher (!) Zivilisationserkrankungen ableiten ließ. War mir eine Entdeckung geglückt, nach der ganze Institute jahrzehntelang erfolglos geforscht hatten?

Hätte mir jemand vor fünf Jahren von einem solchen Modell erzählt - ich hätte ihn vermutlich für verrückt gehalten. Mittlerweile habe ich meine Hypothese mit etlichen Kollegen und Wissenschaftlern diskutiert: Bis heute hat sich kein Hinweis auf einen entscheidenden Fehler ergeben. Besonders erfreut war ich, als sich ein renommierte Wissenschaftsverlag bereit erklärte, meinen Ansatz einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mein Buch "Im Teufelskreis der Lust" erschien im April 2015 im Schattauer-Verlag, Stuttgart.

Es war kein leichtes Unterfangen, dieses Manuskript "nebenberuflich" fertig zu stellen. Ich brauchte dazu zwei Anläufe: Da mir beim Schreiben immer wieder neue Fakten bekannt und immer neue Zusammenhänge klar wurden, entstand zunächst ein Konvolut, das sich nach dem Urteil von Freunden und Kollegen als nahezu unlesbar erwies. Ich persönlich finde es dennoch äußerst interessant, da es das Wissen über die Funktionsweise unseres Gehirns letztlich auf eine philosophische Ebene hebt. Deswegen steht dieses Skript mit dem Titel "Neurophilosophie" für den interessierten Leser auf meiner Internetseite www.neurophilosophie.com zum Download bereit. Aber Vorsicht! Es handelt sich wirklich um schwere Kost!. Ich müsste es eigentlich dringend überarbeiten, denn in meinen Augen handelt es sich bei diesem Buch um einen echten Meilenstein der Philosophie. Aber leider fehlt mir dazu bislang die Zeit.

Weil ich die grundlegende Ideen des Skripts "Neurophilosophie" aber für so wichtig hielt (und halte!), machte ich mich daran, vor allem die medizinisch und philosophisch wichtigsten Gedanken daraus zu extrahieren und in eine lesbare Form zu bringen. Auf diese Weise entstand innerhalb eines weiteren Jahres der "Teufelskreis der Lust". Für mich hat sich mit diesen beiden Werken ein Kreis geschlossen: Mehr und Gehaltvolleres wird mir zu den Fragen nach dem Ursprung der Welt und dem Sinn des Lebens nicht einfallen. Vielleicht schreibe ich in Zukunft weitere Bücher - z. B. über Suchtmedizin oder auch eins über eine neurophysiologisch begründete Psychotherapie. Aber der Grundstein zu allem, was noch entstehen mag, ist gelegt. Zum Schreiben weiterer Sachbücher werde ich vermutlich erst kommen, wenn ich einen Lehrstuhl erhalte, der mir neben dem Studentenunterricht das Verfassen weiterer Werke erlaubt. Ob das geschieht, steht allerdings in den Sternen.

Bis dahin behandle ich weiter Patienten - und kümmere mich um meine Kinder. Daneben dilettiere ich auf dem Klavier. Nachdem ich das halbe Leben sinnierend verbracht habe, möchte ich in Zukunft sinnlicher leben. All die Jahre des Lernens und Forschens waren natürlich keine verlorene Zeit: Es war mir ein Bedürfnis, den Grund all dessen, was uns ausmacht zu erkunden. Heute glaube ich zu wissen:) und kann mich vermehrt den schönen Dingen im Leben widmen...

Ulm, im Mai 2015