Tom Crowley

Sühne bei den Nomaden

GLOBAL VILLAGE: Wie ein Vietnam Veteran in Thailand seine Schuld abarbeitet

er Sturm peitscht die Andamanen see und wirft die kleine Mann schaft von einer Seite des Holz

bootes auf die andere, Regen prasselt wie Trommelfeuer auf das Deck. Tom Crowley duckt sich klitschnass unter die Regenplane.

Er ist auf dem Weg zu den Seenoma den, den Moken. 238 von ihnen hausen am Ufer einer kleinen Insel vor der thailändischen Küste in Pfahlbauten. Die meisten können weder lesen noch schreiben, sie haben keinen Arzt und kei ne Schule, und der thailändische Staat verweigert vielen von ih

nen die Staatsbürgerschaft.

„Outlaws sind das, um die sich keiner kümmert“, sagt Crowley.

Darum kommt er jetzt. Der Amerikaner Crowley will von ihnen wissen, wel che Medikamente sie brau chen. Er will Eltern dazu bewegen, ihre Kinder auf eine der Festlandsschulen zu schicken. Er schaut nach, ob sie genug zu essen haben.

Die Moken betreiben Dy namitfischerei, in 15 Meter Tiefe zünden sie Spreng stoff, dann sammeln sie die toten Fische ein. Viel bleibt da nicht zum Leben, und nicht selten kehren die Tau cher verwundet an die Was

seroberfläche zurück. Häufig fallen sie auch in die Hände der Polizei, die die Staatenlosen dann für Tage in ihren ver rotteten Knästen darben lässt. Gut, dass es wenigstens Tom Crowley gibt.

Seine Haare sind weiß, aber er ist noch drahtig. Und immer noch bewegt er sich wie der Soldat, der er einst war und der Menschen in Asien erschossen hat.

Crowley lebt in Bangkok und arbeitet dort für die Hilfsorganisation des legen dären Father Joe. Joseph Maier ist ein ka tholischer Amerikaner, der im schlimms ten Slum der Hauptstadt ein „Mercy Centre“ errichtet hat, wo er Straßenkin dern zu einem halbwegs würdigen Leben verhilft. Seit 15 Jahren ist Crowley jetzt schon an Maiers Seite. Er kümmert sich um die Finanzen, davon versteht er viel, und um die Seenomaden.

„Ich wollte endlich einmal Gutes tun“, sagt Crowley und fügt nach kurzem

Schweigen hinzu: „Und ich muss wohl auch meine Schuld abarbeiten.“

Zum ersten Mal betrat Crowley im Herbst 1966 asiatischen Boden. Das war auf der Tan Son Nhut Air Base bei Sai gon, Vietnam. Crowley war einer jener Elitesoldaten, die hier den Kommunis mus besiegen sollten. Er hatte in den USA den Kampfeinsatz geprobt und war in Panama zum Dschungelkrieger aus gebildet worden. Nun war er einem 40 Mann starken Platoon der 25. Infan teriedivision zugeteilt worden. „Tropic Lightning“ wird diese Division genannt,

Tropenblitz. Denn im Zweiten Weltkrieg war sie durch schnelle Operationen auf gefallen. Doch was ihn nun erwartete, darauf hatte kein Ausbilder Crowley vor bereitet.

„Wir wurden an die Front geworfen“, sagt Crowley, „schon in den ersten Tagen fielen etliche meiner Leute.“ Hubschrau ber setzten sie im Sumpf ab, sie feuerten ins Dickicht, ohne ihre Feinde zu sehen. Dann sammelten sie die Verwundeten ein, die Verblutenden, dann der Rückzug. Immer und immer wieder: schießen, du cken, Verstümmelte auflesen.

Hat er selbst getötet? „Natürlich“, sagt Crowley. Weiß er, wie viele? „Natürlich nicht. Oft haben wir blind geschossen. Es war entsetzlich.“

Nach vier Monaten voller Luftangriffe und nächtlicher Kampfeinsätze erwischte es auch Crowley. Eine Handgranate ex plodierte dicht neben ihm, Splitter trafen

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ihn. Immerhin kam er danach aus der Gefechtszone.

In Japan wurde er zusammengeflickt. Das Trommelfell war geplatzt, am Arm klafften Wunden, aber Crowley genoss einige Wochen Frieden. „Das war wohl der Moment, in dem ich mich in Asien verliebte“, sagt Crowley, „wir konnten sogar Ski laufen dort.“

Umso größer war wenig später der Schock, als er mit einigen Dutzend ande ren zusammengeflickten Kameraden zu rück an die Front geflogen wurde. „Es war so still in diesem Flugzeug“, sagt

Crowley, „so unheimlich still: Wir alle wussten, was uns in Vietnam erwartete, und waren wie gelähmt.“

Ein Jahr lang kämpfte er weiter, tötete weiter. Und als er zurück in Milwaukee war, schloss er sich der Frie densbewegung an. Es war schwer, „weil wir auf der einen Seite diesen Krieg er lebt hatten und aus tiefstem Herzen verabscheuten, aber gleichzeitig solidarisch mit unseren Kameraden an der Front sein wollten“.

Die Zeit heilte die Wun den, aber die Träume vom Krieg kehrten stets wieder. Wie ein Suchender irrte Crowley fortan durch Asien, wurde als Geschäftsmann

im Kraftwerksbau reich, arbeitete für die US Botschaft in Südkorea als Berater, lebte in Kuala Lumpur, fand bei einer Malaysierin die große Liebe.

Crowley ist ein frommer Mann. Er frag te sich, was ihn umtrieb. Er hatte auf die sem Kontinent getötet. Er hatte hier viel Geld verdient. Da traf er Father Joe an einem dieser schwülen Tage in Bangkok.

Der Mann erzählte ihm vom Schul programm für die Ärmsten aus dem Slum und von den Seenomaden, um die sich niemand kümmerte. Tausende von ihnen ziehen noch immer mit ihren Booten von Küste zu Küste. Doch viele lassen sich auf thailändischen Inseln nieder und sind nun von Hilfe abhängig.

Father Joe brauchte jemanden, der auf sie aufpasst. Da wusste Tom Crowley auf einmal, was er zu tun hatte. Und er blieb länger. Zum ersten Mal in seinem Leben.