Schon zu Grundschulzeiten erhielt ich den Spitznamen „Wickie“. Mir schmeichelte der Bezug zum Helden der bekannten Trickfilm-Serie, denn mit einem isländischen Vater hatte ich natürlich so etwas wie einen automatischen Wikingerbonus. Ich war größer als meine Altersgenossen, hatte dicke, blonde Zöpfe, war stämmig gebaut und entsprach optisch dem typisch nordischen Mädchen, mit dem man Pferde stehlen kann.
Ich bin zwar in Island geboren, doch durch den Beruf meines Vaters landeten wir in Deutschland, wo ich in einem kleinen Dorf am Niederrhein aufwuchs.
Als Teenager bekam ich in der Tanzschule keinen festen Tanzpartner ab und man organisierte mir einen schmächtigen Jungen. Als ob es nicht schon peinlich genug war, ihn um einen Kopf zu überragen, hörte ich die anderen Kursteilnehmer tuscheln: Aus „Wickie“ war „Obelix“ geworden. Mein Abschlussballkleid kauften wir in einem altbackenen Damenmodegeschäft, das Übergrößen führte. Ein Blick in den Spiegel verriet: Den Spitznamen trug ich zu Recht, ich war nicht robust, sondern deutlich übergewichtig.
Ich beschloss, die überflüssigen Kilos loszuwerden. Shake-Diäten waren damals in Mode, doch dieses Konzept versagte bei mir genauso wie die magische Kohlsuppe oder die Ananas-Diät. Danach brachte ich nur noch mehr Kilos auf die Waage. Ich fand ich mich mit meinem Schicksal ab und schlüpfte in Jeans mit Gummibund, weite Karohemden und Fleece-Pullis. Dann war ich eben zu dick.
Nach dem Abitur schrieb ich mich für Skandinavistik und Ethnologie ein. Durch meine isländischen Wurzeln hatte ich einen klaren Vorteil und war deswegen bei meinen Kommilitonen beliebt. An der Uni traf ich auch meinen späteren Mann. Uns verband keine romantische Liebesgeschichte, sondern eher eine tiefe Freundschaft. Er hatte einen guten Job und ich blieb zu Hause, wo ich als freiberufliche Übersetzerin arbeitete. Mir war das recht, da ich mich immer schon zu plump für die Welt da draußen gefühlt hatte.
Zwei Schwangerschaften später hatte ich noch mehr an Gewicht zugelegt, doch ich war nicht der Typ, der Wert auf sein Äußeres legte und lebte zufrieden in meiner heilen Welt vor mich hin. Die sollte um meinen 40. Geburtstag herum massiv ins Wanken geraten. Ich erfuhr, dass mein Mann eine Geliebte hatte! Eine Arbeitskollegin: Schlank, gepflegt und immer wie aus dem Ei gepellt. Das genaue Gegenteil von mir.
Kurzentschlossen flog ich mit den Kindern nach Island zu meiner Tante. Es waren gerade Sommerferien und ich hoffte, in der atemberaubenden Natur meiner Heimat wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Eigentlich hatte ich gehofft, meine typischen isländischen süßen und herzhaften Seelentröster auf dem Tisch zu finden, doch stattdessen stellte mir meine Tante eine Schüssel mit weißem Joghurt, den wir Skyr nennen, mit den Worten hin: „Wenn du ihn zurück willst, musst du abnehmen.“ Während ich löffelweise diese Mischung aus Joghurt und Quark zu mir nahm, fasste ich den Entschluss, diesmal tatsächlich die Pfunde loszuwerden.
Meine ersten Gehversuche mit Skyr waren eher einseitig. Mehr als ein paar Heidelbeeren oder Nüsse in unserem traditionellen Joghurt gönnte ich mir am Anfang nicht. Doch jeder Löffel war ein Schritt in ein neues Leben und ich verlor, kombiniert mit Wanderungen in der isländischen Natur, rasch an Gewicht.
Ich begann über Skyr, seine Geschichte und gesundheitlichen Vorteile intensiv zu forschen.
Dieser cremig-frische Joghurt, der uns gegen die Härten des isländischen Klimas schützt, wurde lange auf den Farmen hergestellt und die Rezeptur von der Mutter an die Tochter weitergegeben. Ich fuhr auf der ganzen Insel umher und suchte kleine Höfe auf, die Skyr noch in althergebrachter Weise herstellen, was mir half, das Gesundheitsgeheimnis isländischer Frauen zu lüften: kaum Fett, Kalorien und Kohlenhydrate, dafür aber viele gute Proteine.
Am Ende des Sommers hatte ich jede Menge körperlichen und seelischen Ballast abgeworfen. Meine Nachbarn erkannten mich fast nicht mehr, als ich aus Island zurückkam. Ich reichte die Scheidung ein und machte mich voller Energie daran, meinen Diätplan auf der Basis von Skyr weiterzuentwickeln.
Dazu besuchte ich verschiedene Seminare und belegte einen Fernstudiengang zur Ernährungsberaterin, nachdem auch einige Freundinnen mit Skyr große Abnehmerfolge verzeichnet hatten. Zum Scheidungstermin trug ich, nun 30 kg leichter, ein figurbetontes Kleid.
Heute liebt mein neues Ich es, sich schick zu kleiden, mit meinem neuen Partner auszugehen und im Sommer ganze Tage im Bikini auf der Terrasse oder im Schwimmbad zu verbringen. Verzichten muss ich auf nichts, mein Ernährungskonzept erlaubt es mir, das Leben in vollen Zügen zu genießen.
Das Foto von „Obelix“ im Abschlussballkleid zeige ich heute nur noch in meinen Coachings zum Thema Abnehmen und gesunde Ernährung, um den Teilnehmern zu zeigen, dass jeder es schaffen kann, in ein leichteres und gesünderes Leben durchzustarten.