Moritz von Bockum-Dolffs

Das Leben ist kein Versprechen auf Vollkommenheit – es ist ein Angebot, etwas nach seinen Möglichkeiten zu gestalten. Es wird nie frei von Leid, Fehlern und Verlusten sein, doch gerade darin liegt auch sein Sinn. Wir sind nicht dazu bestimmt, alles zu kontrollieren, sondern aus dem Chaos heraus etwas für zu formen, das Bedeutung hat. Dabei liegt die Essenz des Lebens nicht in den großen Erfolgen oder in makellosen Plänen, sondern allein in der Fähigkeit, weiterzugehen – selbst dann, wenn der Weg unsicher und steinig ist. Die Welt wartet nicht darauf, uns zu retten – Sie wartet darauf, dass wir uns selbst retten. Schritt für Schritt, aus eigener Kraft. Und darin liegt auch der eigentliche Zauber: Dass wir die Antworten gar nicht haben müssen, um etwas zu verändern. Denn am Ende zählt nicht, wo wir ankommen, sondern dass wir uns erlaubt haben loszugehen.

LESEPROBE

Kapitel 1: JONAS

Jonas starrte auf die Felder. Die alte Bank hinter dem Haus war sein Rückzugsort. Hier war der einzige Platz, an dem niemand etwas von ihm erwartete. Das trockene, abgesessene Holz knarrte leise, wenn er sich hin und her bewegte, ein Geräusch, das so vertraut war wie das Hämmern der Kirchenglocken im Dorf. Jonas hatte das Gefühl, als würde die Bank ihn stützen, wenn der Rest der Welt ihn mal wieder überforderte.

Seine Krücken lehnten neben ihm an der Bank. Die abgenutzten Griffe waren ein stummer Beweis dafür, wie oft sie ihn schon getragen hatten. Jonas hasste sie, diese ständigen Begleiter, die ihn an das erinnerten, was nicht funktionierte.

Die Felder erschienen ihm als eine matte, trockene Weite, die sich als monotone Landschaft aus Staub und verbrannter Erde endlos vor ihm ausbreitete. Jonas dachte an den Herbst, der bald kommen würde – und mit ihm die Notwendigkeit, sich zu entscheiden. Wie sollte sein Leben nach der Schule weitergehen?

Die Gräser zitterten im Sommerwind, Ähren rieben sich aneinander, ein Falke stand in der Luft, fixierte mit scharfem Blick die ferne Erde. Alles wirkte so ruhig – und doch schien es, als würde in der Ferne etwas auf Jonas warten.

„Hier sitzt du also rum?“ Toms Stimme riss ein Loch in die Stille.

Jonas musste sich gar nicht umdrehen. Er wusste, dass sein bester Freund hinter ihm stand – die Hände in den Hosentaschen – und auf den Fußballen wippte. Tom war der Typ, der einfach nie stillstand, selbst wenn er es versuchte.

Jonas wandte nun doch den Kopf und betrachtete seinen Freund. Ein leichter Sonnenbrand zog sich über Toms Nase und seine Jeans waren an den Knien ausgebleicht – Spuren eines Sommers, der sich nicht darum kümmerte, was als Nächstes kam.

„Mach mal Platz“, rief Tom, schwang sich über die Rückenlehne der Bank und landete neben Jonas. Toms schiefes Grinsen irritierte Jonas mehr als alles andere.

„Guten Morgen, Tom“, sagte Jonas leise.

„Morgen?“ Tom lachte trocken. „Es ist fast Mittag. Komm runter von deiner Bank. Und überhaupt: Musst du dich immer verstecken?“

Jonas zuckte mit den Schultern. „Ich mag die Aussicht von hier.“

„Weißt du, was dein Problem ist?“, fragte Tom.

„Nein“, sagte Jonas und sah ihn an.

„Du denkst zu viel.“

Jonas schwieg.

„Das ist es, Jonas“, fuhr Tom fort.

„Du sitzt hier und denkst nach, während die Welt sich weiterdreht. Und irgendwann wachst du auf und merkst, dass sie ohne dich weitergemacht hat.“

Jonas wollte etwas erwidern, aber er stockte. Er wusste, dass Tom recht hatte, auch wenn er es nicht zugeben wollte.

„Komm mit“, sagte Tom und stand auf.

„Wohin?“

„Irgendwohin.“ Tom zuckte mit den Schultern. „Weg von hier.“

Jonas schüttelte den Kopf. „Das geht nicht.“

„Natürlich geht das.“ Tom sah ihn an, die Augen klar vor Überzeugung. „Du denkst immer, du kannst nicht. Aber du kannst. Dein Problem ist, dass du es dir nicht erlaubst.“

Diese Worte trafen Jonas härter, als er erwartet hatte. Es war nicht das, was Tom sagte, sondern wie er es sagte – als wäre es die einfachste Sache der Welt.

...(to be continued)

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