Klimmts Kolumne

Reinhard Klimmt schreibt für abebooks

  • Reinhard Klimmt schreibt für abebooks: über Bücher, Antiquariate und Persönliches rund ums Lesen.

  • Mit rund 10 000 Büchern in seiner Bibliothek ist Reinhard Klimmt ein echter "homme des lettres". Neben Erstausgaben, Kunstbänden und Literatur der 20er und 30er Jahre mag Klimmt fast vergessene Autoren wie den Lyriker Paul Zech.

  • Reinhard Klimmt war zuletzt Bundesminister für Verkehr, Bau und Wohnungswesen im Kabinett von Gerhard Schröder. Von 1975 bis 1999 war er Mitglied des saarländischen Landtags. Vor seiner Berufung ins Bundeskabinett regierte Klimmt als Ministerpräsident im Saarland. Von 1985 bis 1998 führte er die SPD Landtagsfraktion. Er ist Mitglied des SPD-Bundesvorstands.

  • Sämtliche bisher erschienenen Kolumnen können Sie im Archiv nachlesen.

 

>> Es ist schon ein Kreuz mit diesen Erstausgaben!

Reinhard Klimmts 15. Kolumne

Wer sind sie eigentlich? Was stellen sie dar? Und wie kommt man ihnen auf die Spur? Wieso muß man sie überhaupt besitzen, wenn doch viele, leicht erreichbare und erschwingliche Neudrucke zu haben sind, die den Text zumeist übersichtlicher, eventuell mit Kommentaren versehen, mit Vor- und Nachworten erläutert, präsentieren?! Vorsicht! Auch so ein Vor- oder Nachwort kann dem Exemplar den Rang einer Erstausgabe verleihen, zumindest bei Gero von Wilpert und Adolf Güring, Erstausgaben deutscher Dichtung, praktischerweise als Wilpert/Güring zu zitieren, seit 1992 in der 2., vollständig überarbeiteten Auflage (Wilpert/Güring II).

Aber eins nach dem anderen; bei Wilpert/Güring II gibt es 15 Fälle, in denen eine Erstausgabe vorliegen kann, so 1. jede erste selbständige Ausgabe eines in weiterem Sinn literarischen Werkes in Buchform. (...) 6. Übersetzungen fremdsprachiger Werke. (...) 9. Werke anderer Autoren, zu denen der betreffende Autor ein Vorwort oder Nachwort verfaßt hat, auch wenn er nicht auf dem Titelblatt genannt ist. (...) Wer an den anderen 12 Merkmalen interessiert ist, muß bei W/G II (kürzeste Formel) selber nachschlagen.

Es reicht aber schon so; für mich war es ein harter Schlag, dass der von mir geschätzte und gesammelte Otto Flake, dank des Fleißes von Michael Farin, von W/G I zu W/G II (für den gleichen Zeitraum) von 112 auf 132 Erstausgaben anschwoll - immer noch nicht vollständig, ich hätte da noch was zu bieten. Verwirrend das Gezerre um Heines Romanzero. Bei W/G II habe ich es schwarz auf weiß: mein Romanzero, 1895 in Hamburg bei Hoffmann und Campe erschienen, ist die Erstausgabe, gedruckt bei "Hotop in Cassel" und was ist mit dem Druck bei Voigt in Wandsbek?

"Tja", sagen Sie mit Recht: "Warum, du Dummerjan, sammelst du sie dann überhaupt, die Erstausgaben, wenn sie dir so viel Ungelegenheiten machen?" Ich suche das Authentische, die Verknüpfungen mit der Zeit, die Nähe zum Autor (verstärkt durch Widmung oder Signatur) verdinglicht in der ersten Ausgabe. Vor der Aura dieser manchmal äußerst simpel auftretenden Druckwerke, wie das im Exil in Paris erschienene Neue Tagebuch des emigrierten Leopold Schwarzschild, in dem Joseph Roth, Heinrich Mann und viele andere publizierten, mit rostenden Klammern, gebräuntem Papier, verblassen so manche opulenten Pressendrucke.

Die Freude an der Seltenheit, der Stolz auf die Rarität kommt dazu. So wie auch bei Stefan Zweig, der sich rühmen konnte, eins von acht bekannten Exemplaren der Erstausgabe von Rimbauds Saison en enfer zu besitzen. Er ließ dieser unscheinbaren Kostbarkeit, fast nur ein Fetzen Papier, "einen schönen Einband umtun und wies ihr den ersten Platz" in seiner Bücherreihe an und freute sich seines Besitzes und der ständig steigenden Angebote begehrlicher Sammler und Antiquare. Als plötzlich im Keller des Buchdruckers weitere - vergessene - 200 Exemplare der achtfachen Rarität entdeckt wurden, versuchte einer der bis dato Glücklichen, Zweig zum gemeinsamen Aufkauf und zur Vernichtung der neuen Exemplare - vergeblich - zu bewegen. Lassen wir Zweig selber berichten: "Ich erklärte ihm, daß ich an solchen Geschäften weder als Autor noch als Sammler jemals mitwirken möchte..." und weiter: "Ich aber lasse meine Saison en enfer im Schrank und warte geduldig ab - die Narrheit bestaunend, die aus Vernichtung Werte schafft -, ob eben dasselbe Buch, ganz genau das gleiche, morgen wieder tausend Francs wert ist oder nur mehr armselige fünfundzwanzig Francs".

Der heilige Borromäus gebe auch uns zur Leidenschaft die Gelassenheit des Stefan Zweig.

blätternd (in W/G II)

Ihr Reinhard Klimmt