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Martin Suter Die Liebe und andere neurologische Zwischenfälle

Der Bestsellerautor Martin Suter über Kindheitsträume, Schreibrituale und seinen neuen Roman

Von Angela Reinhardt

Martin Suter ist in den letzten Jahren zu einem der erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller der Gegenwart avanciert. Der 1948 in Zürich geborene Autor, der zeitweilig sein Geld in der Werbung verdiente, wurde Anfang der Neunziger Jahre mit seinen satirischen Kolumnen in der Weltwoche ("Business Class") und NZZ Folio ("Richtig leben mit Geri Weibel") bekannt.

Sein erster Roman "Small World", 1997 veröffentlicht, wurde gleich ein internationaler Erfolg. Es folgte "Die dunkle Seite des Mondes" und dann der Bestseller "Ein perfekter Freund", mit dem sich Martin Suter endgültig in die erste Liga deutschsprachiger Autoren schrieb. Kreisten seine bisherigen Romane zumeist um das Thema "Identität", erzählt Suter in seinem neuen Roman "Lila,Lila" eine Liebesgeschichte und parodiert gleichzeitig den deutschen Literaturbetrieb.

ABE: Herr Suter, Ihre letzten drei Bücher befassen sich alle mit dem Thema Identität. Ihr neues Buch -im März erschienen- dagegen eine Liebesgeschichte. Wechseln Sie das Sujet?

Suter: Stimmt, die andern drei Bücher hatten immer etwas mit Neurologie zu tun, mit Änderungen in der Wahrnehmung und mit neurologischen Zwischenfällen. Bei meinem neuen Roman "Lila, Lila" wollte ich das nicht tun und merke erst jetzt, wo ich über das Buch spreche, dass auch der Zustand der Verliebtheit doch nichts anders ist als ein neurologischer Zwischenfall. Wenn man den Kopf verliert. Es geht dort auch um die Frage: Wer bin ich? Wer könnte ich sonst noch sein? Oder wer könnte ich nicht sein? Insofern ist auch "Lila, Lila" ein Identitätsbuch.

ABE: Sie gelten als Meister der Figurenbeschreibung. Welche literarische Figur eines anderen Autors hätten Sie selbst gerne erfunden?

Suter: Ja, im Moment vielleicht schon Felix Krull, nicht? Ach, ich sag was ganz Banales, aber es ist halt so: Maigret. Maigret von George Simenon.

ABE: Welche Autoren empfehlen Sie zu lesen?

Suter: Wenn Sie mir erlauben, einen Hausautor bei Diogenes zu nennen: Urs Widmer. Außerdem möchte ich gerne einen nicht sehr bekannten Schweizer Autoren empfehlen, Tim Krohn. Und ich mag Friedrich Dürrenmatt und Somerset Maugham sehr. Bei den Klassikern schätze ich E.T.A. Hoffmann und Joseph von Eichendorff.

ABE: Also schätzen Sie auch Lyrik...?

Suter: Oh ja, die Gedichte von Eichendorff sind sehr schön. Und dann bewundere ich Robert Gernhardt.

ABE: Welche Bücher haben Sie als Kind gelesen?

Suter: Ich habe viele Märchen gelesen, zuerst Grimms Märchen, dann Hans Christian Andersen. Aber auch Serienhelden. Mein liebster Serienheld war der Biggels, kennen Sie den? Biggels, das war ein kleiner Pilot, der konnte fliegen und konnte auch sonst fast alles. Und dann war ich auch nicht origineller als alle anderen und hab Karl May gelesen. Das aber mit System und vollständig.

ABE: Was war Ihr Berufswunsch in der Kindheit? Gab es so etwas wie einen alternativen Lebensentwurf?

Suter: Nein, ich wollte immer Schriftsteller werden. Schon mit 16, 17 Jahren war das mein Plan. Ich habe auch immer vom Schreiben gelebt, auch wenn ich zeitweise als Werbetexter gearbeitet habe, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

ABE: Wie sieht ein typischer Arbeitstag im Leben des Martin Suter aus? Wo schreiben Sie?

Suter: Ich arbeite ich zu Hause in einem Arbeitszimmer. Wenn ich an einem Roman bin arbeite ich sehr geregelt, wie ein Bürolist. Von neun bis eins und von zwei bis sechs, sieben Uhr.

ABE: Haben Sie bestimmte Rituale oder Eigenheiten beim Schreiben, die Ihnen den kreativen Schaffensprozess erleichtern?

Suter: Eine Marotte habe ich: Ganz selten ziehe ich mir eine Mütze an, dann fällt mir mehr ein. Eine Schildmütze.

ABE: Wie viel Zeit verwenden Sie auf die Recherche?

Suter: Ich recherchiere parallel zum Schreiben, halte mich also nicht lange mit große Vorbereitungen auf. Ich habe entdeckt, dass das für mich persönlich hinderlich ist .
Ich recherchiere also immer gerade das was ich wissen muss. Ich recherchiere auch sehr viel im Internet.

ABE: Vor allem Ihre satirischen Texte leben von einer genauen Kenntnis des Milieus. Wie konservieren Sie diese Szenen, Orte, Figuren? Machen Sie sich zwischendurch kleine, gemeine Notizen?

Suter: Nein, ich schreibe alles aus dem Kopf. Ganz selten fällt mir etwas auf , wo ich denke "Da müsstest Du mal drüber schreiben". Das sind meistens Themen für meine Kolumne "Business Class" die neuerdings nicht mehr in der Weltwoche, sondern im Magazin des Tages Anzeigers erscheint. Aber ich bin kein großer Notizensammler.

ABE: Wie lange dauert es, bis eine Passage oder ein Kapitel bei Ihnen "sitzt"?

Suter: Ich ändere eine Passage während des Schreibens zwei bis drei Mal, bevor ich sie stehen lasse, bin aber nicht der Typ, der einen Text danach wieder und wieder überarbeitet. Ich arbeite relativ langsam - aber dafür sehr intensiv. An guten Tagen komme ich so auf etwa fünf Seiten.

ABE: Sie leben auf Ibiza und in Guatemala. Wie muss man sich das vorstellen? Haben Sie dort ein Haus oder eine Wohnung?

Suter: In Guatemala, wo meine Frau und ich nach einem Besuch bei Freunden einfach hängen geblieben sind, wohnen wir in einem relativ großen Haus mit Garten am Rand eines Dorfes. Es liegt auf 1500 Metern Höhe, drumherum wachsen Bananen und es gibt Kaffeeplantagen. In Ibiza leben wir in einem Haus mit einem grossen Stück Land mit Feigen, Mandeln, Orangen, Oliven, Reben.

ABE: Das klingt nach ländlicher Idylle. Brauchen Sie die Abgeschiedenheit zum Schreiben? Sind Sie aus der Großstadt geflüchtet?

Suter: Oh nein, Ich bin ein Fan von Großstädten. Es hat uns einfach nur sehr gut dort gefallen. Meine Frau Margith und ich reisen viel herum. Wir versuchen zum Beispiel auch jedes Jahr ein- oder zweimal nach Paris zu kommen.

ABE: Haben Sie zu Hause viele Bücher? Sammeln Sie Bücher?

Suter: Ich habe von meiner Familie noch eine ganze Bibliothek alter Bücher und Chroniken, bin aber im strengen Sinne kein Bücherfetischist. Wenn Sie es nicht weitersagen: Ich kann sogar ein Buch wegwerfen.

ABE: Das wäre meine nächste Frage gewesen! Können Sie denn dann auch aus Theaterstücken rausgehen und Filme nicht zuende sehen?

Suter: Ja, kann ich alles! Auch Bücher einfach nicht fertig lesen! (Er lacht)

ABE: Gibt es denn einen anerkannten Vertreter des deutschsprachigen "Literaturkanons", an dem Sie als Leser gescheitert sind, weil Sie ihn nicht mochten? Oder langweilig fanden?

Suter: Ist Fontane Kanon?

ABE: Ja, Theodor Fontane ist eindeutig Kanon!

Suter: Ok.. Dann Fontane.

ABE: Können Sie uns etwas über Ihre zukünftigen Projekte erzählen? Schreiben Sie zur Zeit an einem neuen Buch?

Suter: Ich schreibe an einer Komödie für das Theater am Neumarkt in Zürich.

ABE: Und worum geht es in dieser Komödie?

Suter: Es steht leider im Vertrag, dass ich nur sagen darf, dass ich schreibe - aber nicht worum es geht.

ABE: Herr Suter, danke für dieses Gespräch.


 


Martin Suter bei Abebooks

[Ein perfekter Freund]
Alle Bücher von [Martin Suter]

Martin Suters Lieblingsbücher auf einen Blick

Kinderbuch
[Captain W. E. Johns: Biggels Abenteuer]
[Karl May]

Lieblingsautoren:
[Robert Gernhardt]
[Somerset Maugham]
[Georges Simenon]

Klassiker:
[E.T.A Hoffmann]
[Joseph von Eichendorff]
...auf keinen Fall jedoch:
[Theodor Fontane]

Schweizer Autoren:
[Friedrich Dürrenmatt]
[Urs Widmer]
[Tim Krohn]

Martin Suter: Ein perfekter Freund