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Thomas Brussig Thomas Brussig im Interview

Der Schriftsteller Thomas Brussig und sein lang erwarteter neuer Roman Wie es leuchtet über das "Deutsche Jahr" 1989/90

[Von Angie Reinhardt]

Abebooks: Das ist schon ein ganz anderes Leben, das Sie jetzt führen als damals vor 15 Jahren. Sie haben alle möglichen Jobs gemacht, genau wie alle anderen und jetzt sieht man Sie im Fernsehen in Talkshows, wo sie mit Politikern diskutieren. Wie fühlen Sie sich dabei?

Brussig Ich muss sagen, das ist nicht unbedingt etwas, worauf ich mich bedingungslos freue. Was ist denn, wenn ich da in so einer Talkshow sitze und mir auf einmal nichts einfällt?

Abebooks: Was haben Sie für Erfahrungen mit Verlagen gemacht?

Brussig Wirklich nur sehr gute! Vielleicht bin ich da aber auch in einer komfortablen Situation. Oder es liegt daran, dass ich vielleicht auch nichts Unverschämtes von den Verlagen verlange. Allerdings bin ich jetzt bei Wie es leuchtet in eine merkwürdige Situation geraten, weil in meinem neuen Roman Romanfiguren von realen Vorbildern beeinflusst wurden.
Da habe ich dann erlebt, dass ein externes Rechtsgutachten erstellt wurde, und mein Roman juristisch überprüft wurden, damit es kein Ärger gibt.

Abebooks: Und welche Rückmeldung haben Sie von den Vorbildern für diese Romanfiguren bekommen?

Brussig Es ist ja nicht so, dass ich diese Menschen eins zu eins beschreibe. Ich habe mich nur inspirieren lassen und dann noch eine ganze Menge dazugedichtet. Zum Beispiel wohnte damals in der Realität ein Spiegel-Reporter - Matthias Matussek - im Palasthotel und hat dort ganz phantastische Reportagen geschrieben.

Ich habe nun in meinem neuen Roman den Star-Reporter eines großen Magazins ebenfalls im Palasthotel wohnen lassen. Und dieser Reporter ist ein unausstehlicher Mensch. Außerdem hat er eine Schreibkrise, es fällt ihm einfach nichts mehr ein. Es gibt einen ganz deutlichen Unterschied zwischen dem Reporter im Roman und Matthias Matussek - und ich hoffe, er sieht das auch so. Ich habe übrigens erfahren, dass ausgerechnet Matussek mein Buch im Spiegel besprechen wird.

Abebooks: Sind Sie gespannt, wie diese Rezension ausfallen wird?

Brussig Hm, bin gespannt...ich glaube, dass ich da entsetzliche Prügel kriegen werden. Ich könnte es ihm nicht übel nehmen!

Abebooks: Das hat ja jetzt schon irgendwie seine eigene innere Ironie...

Brussig Ja genau! Stellen Sie sich mal vor, sie gehen da in diesem Hotel ein und aus und der Nachtportier schreibt auf einmal ein Buch, wo eine Figur, die Ihnen ähnlich sieht, als ganz aufgezickt und unerträglich beschrieben wird. Und dann bekommen ausgerechnet Sie die Chance, dieses Buch zu rezensieren! Da wird einem schon klar, dass man als Autor schon eine Macht hat, mit der man sorgfältig umgehen muss.

Abebooks: Wie waren denn Ihre Erfahrungen als Nachtportier mit Matussek - war er ein netter Gast?

Brussig:Auf jeden Fall! Natürlich war er ein markanter Mensch, aber ich habe schließlich auch seine Reportagen geliebt. Ich habe den Spiegel auch schon vor der Währungsunion gekauft. Es gab da auch noch ganz andere Gäste. Das war schon völlig ok.

Abebooks: Themenwechsel: Sie haben mit Edgar Reitz und Leander Haussmann Drehbücher geschrieben und jetzt auch schon in mehreren deutschen Filmen mitgespielt. Wie kam es dazu?

Brussig: Bei Herr Lehmann hatte ich eine nette Sprechrolle - und auch Edgar Reitz hat mir bei der Heimat eine kleine Rolle gegeben, ganz am Anfang. Da spiele ich einen Grenzer. Es ist schon ulkig: Ich habe bis jetzt insgesamt in drei Filmen mitgespielt und jedes Mal trage ich eine Uniform. Die dritte Rolle spiele ich im nächsten Film von Leander Haussmann, der heißt NVA, und da spiele ich bei einer Szene zur Musterung einen, hm, Penisbegutachter. Die Rekruten defilieren da alle an mir vorbei und ich sag immer den Satz: "Vorhaut mal zurück, Vorhaut mal zurück, Vorhaut mal zurück.."

Abebooks: Herr Lehmann basiert auf dem überaus erfolgreichen Buch von Element of Crime -Sänger Sven Regener. Sie schreiben beide Bücher über das Lebensgefühl Ihrer Generation. Wie verstehen Sie sich?

Brussig: Wir kommen gut klar. Wir haben ja auch viel gemeinsam, weil wir beide Schmuddelkinder der Literaturbranche sind. Wir werden keine Kritikerlieblinge mehr, dazu sind wir viel zu erfolgreich im Verkauf unserer Bücher. Und wir legen beide großen Wert auf die Lesbarkeit unserer Bücher. Die Lesbarkeit, das ist ein eigener Wert. Auch den Anspruch mit Unterhaltung zu verknüpfen. Wir sind halt Quereinsteiger. Und dann verfallen wir ja auch immer wieder in unseren Dialekt und so, wa? Wenn wir zur Rolle der Literatur in der Gesellschaft gefragt werden, dann heben wir die Hände und dann fällt uns nischt dazu ein!

Abebooks: Können Sie es noch hören, wenn mit Ihrem Namen der Begriff "Wenderoman" verknüpft wird?

Brussig: Ich muss es. Natürlich. Darauf muss ich doch gefasst sein, wenn ich mit so einem Buch komme. Vor allem da dieses neue Buch Wie es leuchtet im Gegensatz zu meinen Büchern vorher ja jetzt auch wirklich von der Wende handelt - von dieser ganz eigenen Zeit. Davor gab es die DDR, die war hermetisch abgeriegelt und sollte ewig dauern. Dann kam der Westen, der auch so seine eigene Ordnung hatte und funktionierte. Aber dazwischen - da war etwas, das hatte keine Regeln und lebte von den Hoffnungen und von den Zusammenbrüchen vieler. Die Wende war nicht mehr DDR. Sondern etwas Eigenes. Diese Zeit hatte so ein ganz eigenes Geräusch, das von dem schwankenden Boden zwischen Einstürzen und Aufstiegen ausging. Und auf diesen schwankenden Boden begibt sich der Roman Wie es leuchtet.

Abebooks: Kann man also sagen: Jetzt endlich der Wenderoman.

Brussig: Das kann man sagen. Aber danach wurde schon so oft gerufen, dass so ein Roman nur noch als Parodie seiner selbst geschrieben werden kann.

Abebooks: Sie haben drei Jahre an dem Buch geschrieben...

Brussig: Stimmt. Ein Jahr habe ich nur Buchstaben aufs Papier gemalt und dann aber zwei Jahre konzentriert geschrieben. Richtig intensiv gearbeitet und mich auch zurückgezogen. Ich war in Thailand, ich war in Brasilien, in New York. Egal, immer nur um nicht zuhause zu sein und mich zurückzuziehen.

Abebooks: Wissen sie schon, was als Nächstes kommt?

Brussig: Als nächstes kommt eine Lesereise. Und danach, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Ich glaube, dass ich mit diesem Roman auch erst mal etwas geleistet habe.

Abebooks: Herr Brussig, Vielen Dank für das Gespräch.

 


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Kurzbiographie Thomas Brussig

Wie es leuchtet Thomas Brussig, 1965 in Berlin geboren, wuchs im Ostteil der geteilten Stadt auf. Nach der Schule ließ er sich zum Baufacharbeiter ausbilden und holte das Abitur nach.

In den kommenden Jahren arbeitete er abwechselnd in einer ganzen Reihe von Jobs.

1990 begann er ein Soziologiestudium in Berlin, das er 1994 abbrach, um sich ganz dem Studium der Dramaturgie an der Filmhochschule Potsdam widmen zu können.

Seine Schriftstellerkarriere begann er jedoch schon 1991 unter Pseudonym mit seinerm Debütroman "Wasserfarben". Seit 1995 arbeitet er als freiberuflicher Schriftsteller und Drehbuchautor. 1999 erhielt er - zusammen mit Leander Haußmann - den Drehbuchpreis der Bundesregierung. Thomas Brussig lebt in Berlin.